Maskierung und Kompensation

Vor einigen Monaten schrieb ich einmal, dass ich mich oft wie „zwischen den Stühlen sitzend“ empfinde. Oder auch mit einem Bein in der Welt der Behinderungen und mit dem anderen Bein in der Welt der Nichtbehinderungen. Ich empfinde das so, weil mir meine Behinderung von außen nicht anzusehen ist. Es handelt sich dabei quasi um eine „unsichtbare Behinderung“. In meiner Kindheit und Jugend war ich auffälliger in meinem Verhalten, heute passe ich mich meiner Umgebung oft an. Ich sage dazu gerne, dass ich mein „Chamäleonkostüm“ anziehe. Es ist eine Art von Maskierung. Mit Hilfe dieser Maskierung versuche ich meine Behinderung zusätzlich zu verstecken, damit ich anderen Menschen keine Angriffsfläche biete und mich fast schon ‚unsichtbar‘ durch das alltägliche Leben bewegen kann.

Allein bin ich mit dieser Maskierung nicht, wie sich dieser Tage auf dem sozialen Netzwerk „Twitter“ zeigt. Unter dem englischen Hashtag „#TakeTheMaskOff“ und unter dem deutschen Hashtag „#DieMaskeAbnehmen“ zeigen Autisten und Autistinnen in welchen Situationen und Momenten sie maskieren. Die Bloggerin „Laviolaine“ hat dazu bereits einen Beitrag geschrieben, den ich auf ihrem Namen hier verlinkt habe.

Dieses Maskieren, beziehungsweise das Kompensieren, kostet jedoch unmengen an Kraft und Energie. Kompensation ist eine bewusste oder unbewusste Strategie, um vorhandene „Defizite“ auszugleichen. Ich selbst kompensiere mittlerweile zum Beispiel sehr viel bei Gesprächsterminen. Früher war mir das nicht möglich, so dass ich bei Gesprächen oft keine Worte fand, mit neutralem Gesichtsausdruck dasaß und augenscheinlich „nervös“ an irgendwelchen Reißverschlüssen fummelte. Dabei starrte ich auf meine Hände, auf den Boden oder blickte zum Fenster hinaus, was viele Menschen als unhöflich und unsicher einstufen. Heute richte ich meine Konzentration auf das Aussprechen meines Anliegens, versuche ein Lächeln aufzusetzen und mein Stimming mit den Reißverschlüssen gering zu halten. Dabei versuche ich in das Gesicht meines Gegenübers zu blicken, vor allem den Bereich rund um die Augen zu betrachten und dadurch Interesse zu vermitteln.

#DieMaskeAbnehmen
Ich habe vor dem Spiegel geübt, nicht mehr so komisch zu laufen, nicht mehr so komisch zu gucken, nicht mehr so komisch zu lachen.
Ich habe Kinder beobachtet und Listen geschrieben, habe Sätze und ganze Gespräche auswendig gelernt um richtig zu reagieren.
@meeowzilla

Was die meisten Menschen jedoch nicht sehen, ist, dass dieses Verhalten nicht meinem natürlichen Verhalten entspricht und mich deswegen viel Energie kostet. Nach solch einem Gesprächstermin bin ich häufig so müde, wie andere Menschen nach einem Halbmarathon oder wenn sie acht Stunden gearbeitet haben. Ich musste viel Konzentration dafür aufbringen, um mit meinem Gegenüber zu sprechen, ihn anzulächeln und ihm ins Gesicht zu blicken. Das Stimming ist sonst ein zusätzlicher Ausgleich, welches ich in solchen Momenten aber ebenfalls zu unterdrücken versuche, um deswegen keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Wer mich in der Arbeit antrifft und gerade nicht Smalltalk führt, sieht keinen Autisten vor sich, er merkt es nicht. Ich kompensiere nahezu perfekt. Doch hat die Kompensation einen hohen Preis: Ich bin dann nach der Arbeit und an freien Tagen erschöpft. Mir fehlen die Löffel für Alltagsanforderungen.
Forscher

Alles in allem eine anstrengendende, herausfordernde Situation. Wenn dieser Gesprächstermin beendet ist, möchte ich daher am liebsten so schnell wie möglich nach Hause in ‚meine eigenen vier Wände‘. Hier kann ich mich nämlich ausruhen, neue Energie sammeln und im besten Fall weiteren Reizen aus dem Weg gehen. Schlecht ist es hingegen, wenn genau an solch einem Tag der Nachbar seinen Rasen mäht, in der Wohnung über mir eine Party stattfindet oder meine Mitbewohnerin gerade ihre Musik lauter gestellt hat. Durch das Gespräch befinde ich mich bereits in einer Lage, in der ich überreizt und empfindlich bin; dann brauche ich viel Ruhe und keine weiteren Reize um mich herum.

Vergleichbar ist das vielleicht mit einem Kindergeburtstag. Wenn jemand sechs Stunden als Betreuer auf einem Kindergeburtstag war, auf dem den ganzen Tag geschrien und getobt wurde, möchte diese Person sicherlich abends nur noch ein ruhiges Bad nehmen oder sich ins Bett zurückziehen und die Stille genießen. Bei vielen Autisten und Autistinnen ist dies ähnlich, nur dass die Reizüberflutung hier bereits früher erreicht ist. Anstatt ein sechsstündiger Kindergeburtstag reicht in meinem Fall oft schon ein halbstündiges Gespräch ‚unter vier Augen‘, um mich ans Ende meiner Kräfte zu bringen. Oft liegt das sehr viel an der Kompensation, an dieser Maskierung. Ich habe mich dann eine halbe Stunde lang nicht nur auf das Gespräch an sich konzentriert, sondern auch auf meine Stimmlage, dass das Lächeln in meinem Gesicht zu sehen ist, mein Blick immer wieder in den Bereich der Augenpartie meines Gegenübers wandert, ich möglichst nicht an einem Reißverschluss ’spiele‘ und die richtigen Worte oder überhaupt Worte finde. Das alles läuft nicht automatisch bei mir ab, ich rufe es vielmehr aus dem Gedächtnis auf und versuche es dann in die Tat umzusetzen.

#DieMaskeAbnehmen Wenn mir eine Situation zu viel wird, sage ich öfters mal „ich habe noch einen Termin“, das wird in unserer hyperbusy Kultur nämlich akzeptiert. „Ihr seid zu laut und ich will hier weg“ wäre wohl unhöflich, obwohl es wahr ist.
@Semilocon

Bei mir funktioniert die Kompensation nur in einem gewissen Rahmen. Ich kann zum Beispiel bei einem Gesprächstermin dreißig bis sechszig Minuten durchhalten, irgendwann gelange ich aber an den Rand meiner Grenzen und darüber hinaus. Wenn das Gespräch länger dauert passiert es nicht selten, dass meine „Maske“ zu bröckeln beginnt. Häufig setzt mein Sprachvermögen zuerst aus. Ich werde zunehmend ruhiger und finde kaum noch Worte, so dass mein Gegenüber sich nach meinem Zustand erkundigt und fragt, ob mich die Müdigkeit eingeholt hat. Es kann ebenfalls passieren, dass sich das Stimming unbewusst wieder einschleicht. Manchmal merke ich erst am Blick meines Gegenübers, dass ich schon seit etlichen Minuten doch wieder mit meinem Reißverschluss zugange bin. Immer häufiger schaue ich wieder aus dem Fenster oder fixiere Punkte in der Ferne.

Ähnlich ist es, wenn ich in der Nacht zuvor schlecht geschlafen habe oder bereits einen anderen Termin am Morgen hatte. Dann sind meine Kapazitäten gar nicht erst vorhanden oder bereits aufgebraucht, so dass mir die Kompensation nicht immer gelingt. Es ist damit ähnlich wie bei einem Handyakku. Wurde der Akku nachts nicht geladen, kann das Gerät am nächsten Tag nur bedingt genutzt werden.

Die Kompensation beziehungsweise die Maskierung bleibt auch nicht immer ohne Folgen. Sich nicht akzeptiert zu fühlen und immer wieder das Chamäleonkostüm anziehen zu müssen, kann beispielsweise zu Depressionen und Ängsten führen. Ich wusste im letzten Jahr teilweise nicht mehr, wer ich überhaupt ohne die Maskierung bin und ob die Menschen mich in meiner Umgebung auch ohne das Kostüm noch akzeptieren würden. Aus diesem Grund steht das Erlernen der „Selbstakzeptanz“ mittlerweile an erster Stelle für mich. Ganz ohne Maskierung wird es auf Dauer aus meiner Sicht nicht funktionieren, aber ich möchte lernen, die Maske häufiger fallen zu lassen und zumindest in meinem privaten Umfeld weitgehendst darauf zu verzichten.

Mittlerweile habe ich meine Maske dermaßen verinnerlicht, dass ich nicht weiß, ob ich überhaupt vollständig #DieMaskeAbnehmen könnte, selbst wenn ich wollte.
@koellchen

2 Kommentare zu „Maskierung und Kompensation

  1. Genau so geht es mir auch.
    Mir wurden in der frühen Jugend Sozialphobie & Selektiver Mutismus diagnostiziert & entsprechend jahrelang durch Konfrontationstherapie behandelt, die natürlich alles eher verschlimmerte.
    Ich finde es jetzt nach der ASD-Diagnose sehr schwierig, mir den Gedanken „Wenn ich das nur oft genug mache, wird es einfacher. Ich muss mich mehr anstrengen.“ abzutrainieren. Dass man von anderen Menschen genau das immer wieder zu hören bekommt, macht es nicht einfacher.

    Gefällt 1 Person

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