Mobbing

In meinem alten Blog schrieb ich bereits über meine Mobbingerfahrungen. Für mich ein äußerst schwieriges, aber gerade wieder sehr aktuelles Thema. Bereits in der Grundschule wurde ich regelmäßig von zwei Mitschülern abgefangen, die nach mir traten und mich in Dornengebüsche schubsten. Ich hatte wahnsinnige Angst. Jeden Tag nach der Schule beeilte ich mich, stürmte aus dem Klassenzimmer, eilte aus dem Schulgebäube, rannte über den Schulhof und lief anschließend über die Wiese zum Gehsteig. Erst wenn die Schule weit hinter mir lag, entschleunigte ich mein Tempo und rang um Atem. Ich blickte mich um und wenn ich diese zwei Mitschüler nicht sah, fühlte ich mich einigermaßen in Sicherheit.

In der weiterführenden Schule wurde ich nur wenig von meinen Mitschülern beachtet und auch für die meisten Lehrer war ich nahezu unsichtbar, nicht von großer Relevanz. Nur mein Erdkundelehrer liebte es, mich im Unterricht aufzurufen. Er wartete einige Sekunden, in denen mein Schweigen immer weiter den Raum ausfüllte. Dann sagte er: „Ach, stimmt! Ich hatte fast vergessen, dass Sarinijha nicht gerne spricht.“ Anschließend lachte er, auch einige meiner Mitschüler fielen verlegen in das Lachen ein. Ich hatte jedoch nicht den Eindruck, dass meine Mitschüler sich besonders für mein Schweigen interessierten. Weshalb der Lehrer mich auf diese Weise vorführen musste, blieb mir ein unlösbares Rätsel.

Als ich die Schule wechselte, spitzte sich die Mobbingsituation zu; eine Mitschülerin dachte sich immer neue Hänseleien aus. Nahezu täglich rief sie quer durch den Klassenraum, dass es in meiner Umgebung stinkt. Irgendwann nannte sie mich nur noch „Kelly“, was mich bei allen Mitschülern zur Lachnummer machte. Ich verstand diesen Spitznamen nicht, bis sie mir eines Tages erklärte, dass ich so dreckig und ekelhaft wie die Kelly Family sei. Zu meinem Geburtstag schenkten sie mir Duschgel und Deodorant mit der Aussage, dass ich in Zukunft angenehmer riechen würde; um die Geschenke am Ende meiner Geburtstagfeier zu stehlen. An einem anderen Tag hockte ich auf dem Schulhof, als besagte Mitschülerin zu mir kam und mir Kleingeld vor die Füße warf. Alle in der näheren Umgebung blickten zu uns, als die Mitschülerin mir sagte, dass ich eine Pennerin sei und die Almosen nötig hätte. Später wurde ich „Stille Quelle“ genannt, weil ich nie ein Wort sprach.

Der Höhepunkt wurde erreicht, als ich mich weigerte bei einem Schulausflug mitzufahren. Eine Mitschülerin hatte mir gesagt, dass die anderen schlimme Dinge mit mir planten. Daraufhin musste ich zunächst alleine zum Direktor, ehe auch meine Eltern vorgeladen wurden. Ich bat um einen Klassenwechsel, den mir der Direktor jedoch verweigerte. Als ich am nächsten Tag in die Klasse kam, stand unsere Klassenlehrerin vorne an der Tafel. Sie malte viele kleine Kreise an die linke Tafelseite und benannte die Kreise als unsere Schulklasse. Dann malte sie einen großen Kreis auf die rechte Tafelseite und benannte diesen Kreis als Sarinijha. Anschließend sagte sie: „Nicht die Klasse ist gegen Sarinijha, sondern Sarinijha gegen die Klasse. Und dieses Verhalten nennt sich ‚Asozial‘.“ Sie schrieb das Wort in die Mitte der Tafel.

Als die Lehrerin die Schule verließ und die Klassen getrennt wurden, hatte ich eine Weile meine Ruhe. Inzwischen war ich in den Hintergrund verschwunden und ein anderer Teil von mir kam in den Vordergrund. Ein Teil, der den Hass dieser Menschen in sich trug und inzwischen schwere Depressionen hatte.

Ich schaffte mit viel Mühe und Not noch meine Fachoberschulreife, ehe ich auf eine Berufsschule wechselte. Bei der Vorstellungsrunde wurde ich wieder einmal ausgelacht, obwohl ich die Gründe dafür nicht verstand. Ich hatte meinen Mitschülern genau zugehört und versucht, die Vorstellung genau wie sie nachzusprechen. Trotzdem tuschelten und lachten einige Mädchen. Ich hörte wie eines dieser Mädchen zu den anderen sagte: „Hast du gehört wie DIE spricht?! Was ist denn mit der los?!“ Dabei hatte ich den Eindruck, dass ich wie alle anderen Menschen gesprochen habe. Ich blieb nicht lange in der Klasse, weil ich dem Druck nicht standhalten konnte.

Anschließend wechselte ich in eine Klasse für junge Menschen ohne Ausbildungsplatz. Es gab nur einmal in der Woche einen Unterrichtstag. Zunächst bekam ich eine Krankschreibung, aber dann musste ich doch noch ein Jahr diesen Unterricht besuchen. Nach wie vor sprach ich kaum ein Wort, was erneut als Angriffsfläche genutzt wurde. Eines Tages stellte mir eine Lehrerin im Unterricht eine Frage, auf die ich keine Antwort geben konnte. Ich schwieg, als eine Mitschülerin lachte und meinte: „Vielleicht sollte DIE besser auf eine Schule für Taubstumme gehen.“

Für mich ist das grad ein aktuelles Thema, weil ich in meiner angehenden Therapie darüber sprechen sollte. Es ist für mich irgendwie vollkommen anders darüber zu sprechen als darüber zu schreiben, als würden die Erinnerungen beim Sprechen realer werden. Ich dachte, dass ich die Jahre des Mobbings irgendwie überwunden hätte, aber mit der Zeit erkenne ich, dass sie noch immer wie dunkle Schatten über mir hängen. Sie bestimmen nach wie vor mein Denken und meine Ängste. Seitdem ich darüber geredet habe, frage ich mich wieder, weshalb Menschen mich mögen sollten. Ich frage mich, ob ich andere Leute nicht zu sehr nerve. Ziehe mich zurück, bin vorsichtig, verletzlich, befürchte Spott und Hohn.

Meine Schulzeit ist viele Jahre her, aber die Auswirkungen sind bis heute geblieben. Bedingt durch meine autistischen Schwierigkeiten hatte ich schon immer wenig Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, aber der letzte Rest davon wurde mir als Jugendliche auch noch aus der Seele gepresst. Es dauerte nur wenige Augenblicke das Selbstwertgefühl zu zerstören, aber viele Jahre um es wieder aufzubauen.

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