Berührungen

Heute möchte ich gerne über ein Thema schreiben, welches mir sehr am Herzen liegt. Es geht um Berührungen. Von allen Reizempfindlichkeiten stehen Berührungen bei mir an erster Stelle. Ich dachte lange Zeit, dass sich dieses Thema mit den Jahren bei mir erledigen würde, aber inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass Berührungen immer auf meiner roten Liste stehen werden.

Besonders schlimm sind unerwünschte oder plötzliche Berührungen, die jedoch den Großteil meiner Erfahrungen ausmachen. Wenn ich beispielsweise in der Warteschlange stehe, die sich an der Kasse eines Supermarkts bildet, und unerwartet von der sich hinter mir befindlichen Person an der Schulter berührt werde. Gefolgt von einem: „Darf ich bitte an Ihnen vorbei?“ Es fühlt sich an, als hätte ein Blitz in meinen Körper eingeschlagen, der mir unbeschreibliche Schmerzen bereitet. Berührungen sind für mich eine klare Grenzüberschreitung, ein Eindringen in meine Privatsphäre. Ich kann mich in diesen Momenten nicht einmal zurückhalten und antworte häufig: „Bitte berühren Sie mich nicht!“ Wobei ich auch schon erlebt habe, dass Leute sich dann beleidigt fühlen.

Ich mag die Menschen im Chor wirklich alle sehr gern, aber gerade hier werde ich häufiger am Oberarm getätschelt. Vor allem dann, wenn die jeweilige Person meine vollkommene Aufmerksamkeit haben möchte. Ausgerechnet an den Oberarmen bin ich jedoch sehr empfindlich. Bisher traue ich mich auch nicht etwas zu sagen, da ich erstens keine große Aufmerksamkeit deswegen erregen möchte, und zweitens auch niemanden im Chor verletzen oder redensartlich gegen den Kopf stoßen mag. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass es etwas bringen würde, weil diese Berührungen der jeweiligen Personen ganz automatisch geschehen.

Zähneputzen und Haare kämmen? Zähneputzen ging irgendwie mit Mühe und Not, weil es sein musste. Wir haben allerdings täglich damit gerechnet, dass das Jugendamt mal vor der Tür steht, weil die Nachbarn glauben, wir misshandeln das Kind. Das Kämmen haben wir irgendwann komplett gelassen, was bei seinen feinen Haaren auch nicht wirklich ein Problem war.
(Butterblumenland)

Schon als Kind waren Berührungen bei mir ein Terrorakt. Sobald ich die Zähne alleine putzen konnte, putzte ich sie alleine, aber das Bürsten der Haare war immer ein sehr großes Thema bei uns. Vor allem aufgrund meiner Naturlocken. Ich versprach meiner Mutter unzählige Male, dass ich mir die Haare alleine bürste, aber am Ende ertrug ich die Berührung nicht einmal von mir selbst. Bis in meine Jugend hinein verfilzten meine Haare. Ich weiß noch, wie mein Stiefvater mir über die Badewanne gebäugt Waschmittel und Weichspüler in die Haare schmierte, weil sie ein einziger großer Filzklumpen waren. Ich wolle niemanden da dran lassen, aber ich wollte auch nicht die Haare geschnitten bekommen. Einmal war meine Mutter so verzweifelt, dass sie „Friseur spielte“ und mir einen Kurzhaarschnitt verpasste. Das funktionierte allerdings nur einmal, weil ich sie danach nie wieder an meine Haare ließ.

Berührungen waren als Kind die häufigste Ursache meiner Meltdowns. Meine Mutter beschreibt das bis heute als „Schreianfälle“. Auch meine Oma bekam dies zu spüren, als sie mich in den Ferien kitzelte und ich plötzlich in einem Meltdown landete und wie wild mit den Füßen nach ihr trat. Ich erinnere mich noch, wie sehr sie sich über mein Verhalten aufregte.

Es gab schon immer eine einzige Stelle, an der ich Berührungen ertragen konnte. Nicht plötzlich und ohne Erlaubnis, nicht jeden Tag, aber wenn ich selbst mit der Berührung einverstanden war. Es handelte sich dabei um meinen Rücken. Meine Mutter durfte mich dort berühren und ich mochte es, wenn sie mir Muster auf den Rücken malte und ich diese erraten musste. Es war aber unbedingt notwendig, dass sie sich auf den Rücken beschränkte. Wenn sie nur einen Millimeter zu weit nach rechts oder links auswich, konnte ich innerhalb von Sekunden in einem Overload landen.

Durch jahrelanges Training ist es mir gelungen, einige Berührungen ertragen zu können, sie einfach über mich ergehen zu lassen, auch, wenn ich sie nicht mag, zum Beispiel das Händeschütteln zur Begrüßung. Am besten ist hier ein kurzer, fester Händedruck.
(Sabine Kiefner)

Berührungen, die ich inzwischen ertragen kann, sind das Händeschütteln und kräftige Umarmungen. Nicht unerwartet, nicht jeden Tag, aber zum großen Teil. Wobei Umarmungen nur mit vertrauten Personen funktionieren, nicht mit fremden Menschen oder irgendwelchen „Bekannten“. Genießen kann ich Körperkontakt jedoch nie. Ich habe zwar meine Großmutter durchaus schon freiwillig und von meiner Seite aus umarmt, aber es bleibt für mich ein sehr befremdliches und zu intensives Gefühl. Oft „erstarre“ ich bei diesen Umarmungen, werde so unbeweglich wie eine Puppe. Eine zeitlang wurde ich von meiner Großmutter „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ genannt, seit der Autismusdiagnose zeigt sie aber viel Verständnis.

Noch schwerer fällt es mir jedoch, andere Menschen zu berühren. Meine Mutter hat mich beispielsweise oft darum gebeten, dass auch ich sie am Rücken kraule, aber dieses Unterfangen bringe ich überhaupt nicht zustande. Wenn ein mir vertrauter Mensch traurig ist, schaffe ich es inzwischen eine kurze Umarmung anzuwenden, aber das ist wirklich eher die Seltenheit. Es war auch ziemlich seltsam für mich, als mein Hund einen Ausschlag hatte, ihm das Fell an der Stelle abrasiert wurde, und ich eine Salbe auf seine nackte Haut auftragen musste. Ich habe das manchmal nicht geschafft. Das Gefühl von seiner nackten Haut unter meinem Finger war sehr unangenehm, während es mir keine Probleme bereitet ihn am Fell zu streicheln.

Mir vertraute Menschen wissen inzwischen, dass ich Berührungen nicht mag und die Verweigerung von Körperkontakt nicht mit ihnen als Person in Verbindung steht. Ich drücke Liebe und Zuneigung eben nicht durch Körperkontakt aus. Es gibt ganz seltene Momente, in denen ich mir eine Umarmung wünsche und diese auch einfordere, aber die restliche Zeit bin ich mit dem Fehlen von Körperkontakt eben zufrieden und glücklich. Es fehlt mir nicht, weil ich es die meiste Zeit nicht vertragen kann.

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