Akzeptanz für Autisten

Es macht mich traurig zu lesen, dass manche Eltern ihre autistischen Kinder nicht auf ihre Weise akzeptieren. Sie nutzen lieber irgendwelche ominösen Therapieformen, die den Autismus angeblich verschwinden lassen sollen, als wäre er die Ausgeburt der Hölle. Autismus ist keine Krankheit. Autismus ist nicht heilbar. Ich habe von Therapieformen gelesen, die aus meiner Sicht pures Gift für diese Kinder sind. Entweder für ihre Körper oder für ihre Seele. Allzu oft auch für beide Bereiche. Lieber vermitteln diese Eltern ihren Kindern, dass die angebliche „Normalität“ ein erstrebenswertes Ziel ist, als ihnen Verständnis und Azeptanz mit auf den Weg zu geben. Für mich ist das grad ein ganz großes Thema, denn ich leide noch heute unter den Missverständnissen und der Intoleranz meiner Kindheit. Ich leide hingegen nicht am Autismus.

Schon in meiner frühesten Kindheit begegnete mir Unverständnis. Ich hatte schon damals immer nur einen einzigen Wunsch: Ich wollte, dass die Menschen mich in Ruhe und auf meine eigene Weise leben lassen. Stattdessen redeten die Erzieher bereits im Kindergarten auf mich ein, dass ich mein Verhalten ändern müsse. Sie sagten mir, dass ich nicht stundenlang am Tisch sitzen und meine Haare aufzwirbeln dürfe. Sie sagten mir, dass ich andere Kinder ins Spiel einbeziehen müsse. Sie sagten mir, dass ich aus meiner inneren Welt auftauchen und kommunizieren soll. Andere Kinder wurden damit beauftragt, dass sie mir auf Schritt und Tritt folgen, so dass ein Rückzug manchmal unmöglich war. Es war wie ein ewiger Zwang und Druck. Ich wollte nur am Tisch sitzen und malen, meine Haare zwirbeln oder die Finger verknoten. Mir wurde jedoch ziemlich deutlich klar gemacht, dass mein Verhalten nicht „normal“ ist.

In der Grundschule wurde es nicht besser, weil nun meine Lehrerin an die Stelle der Erzieher trat. Sie fragte mich regelmäßig, ob meine Mutter sich denn ordentlich um mich kümmern würde; und auch meine Mutter wurde regelmäßig kontaktiert. Laut meiner Grundschullehrerin trug ich nie warme Kleidung. Ich solle doch bitte Jeanshose, Strumpfhosen, Unterhemden und Rollkragenpullover anziehen. Zuhause weigerte ich mich, weil die Jeanshosen mir Bauchschmerzen bereiteten, die Wolle sich kratzig anfühlte und die Rollkragen mir die Luft abschnürten. Dann solle ich doch bitte mehr zum Essen bekommen, weil ich zum Untergewicht neigte. Ich aß aber fast ausschließlich Fleisch und Rohkost, so dass ich kein Fett ansetzen konnte. Viele andere Lebensmittel verweigerte ich. Zum Schluss sagte meine Lehrerin, dass ich dringend zur Therapie gehen muss, damit sich mein Verhalten endlich ändern würde.

Während meine Mutter diesen unerbittlichen Kampf austrug und immer wieder erklärte, dass sie ihre Tochter nicht verwahrlosen oder verhungern ließ, gab sie bei der Therapie schlussendlich klein bei und fügte sich den Worten meiner Lehrerin. Natürlich hatte meine Mutter zu dieser Zeit auch Angst. Sie befürchtete Konsequenzen für Sachen, die gar nicht der Wahrheit entsprachen. Eher hätte meine Mutter sprichwörtlich ihr letztes Hemd geopfert, als mich frieren oder hungern zu lassen; ich selbst war diejenige, die viele diese Dinge verweigerte. Anstatt auf mich einzureden, akzeptierte meine Mutter mich immer so wie ich war. Im Gegensatz zu ALLEN ANDEREN Menschen.

Ich ging also in diese Therapie und verstand nicht, welchen Sinn und Zweck dieser Ort überhaupt hatte. Ich sollte an einem Puppenhaus spielen, aber ich sah mich dazu nicht in der Lage. Ich wusste schlicht und ergreifend nicht, wie das Spiel mit dem Puppenhaus funktionierte. Da ich noch immer oft nonverbal war, hätte ich vor der Therapeutin sowieso nicht spielen können. Also saß ich die meiste Zeit auf meinem Stuhl und schwieg; wenn wir am Holztisch saßen, beobachtete ich den gegenüberliegenden Baum und sah dabei zu, wie seine Äste sich im Wind wiegten.

Damals lernte ich eine einzige Sache: Ich war FALSCH. FALSCH. FALSCH. FALSCH. Immer wieder redeten die Leute auf mich ein, dass ich mich und mein Verhalten ändern müsse. Immer und immer wieder. Kein einziger dieser Menschen sagte mir, WIE ich mein Verhalten ändern könnte. Unzählige Tage nahm ich mir vor, endlich ein besserer und richtigerer Mensch zu sein, aber immer wieder scheiterte ich an diesem Vorhaben. Ich fühlte mich wie eine Versagerin. Ob mein leiblicher Vater, die Erzieherinnen im Kindergarten, die Lehrerin in der Grundschule oder die Leute aus dem Kinderhort: Immerzu wurde mir übermittelt, dass ich auf meine Weise falsch bin. Ich MUSS mich ändern. Ich MUSS mein Verhalten ändern. Mir schwirrte der Kopf.

Ich sprach mit niemandem, aber ich kämpfte einen unsichtbaren Kampf. Ich strebte nach der Normalität. Gleichzeitig bemerkte ich, dass ich nicht „normal“ sein konnte. Trotzdem wurde diese angebliche Normalität mein Mittelpunkt, mein Hauptziel. Ich ging durch Jahre voller Selbsthass. Ich arbeitete hart an mir und meinem Verhalten. Ich unterdrückte mein Verhalten. Ich unterdrückte mich. Es kostete mich alle Energie. Es kostete mich am Ende sogar mein Ichgefühl.

Selbstliebe, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl.
Für mich sind das Fremdworte.

Ich durfte nie ich selbst sein, deswegen musste ich mein „wahres Ich“ vor der Welt verstecken. Verständnis und Akzeptanz, zwei bedeutende Worte. Sie sind wichtig, sehr WICHTIG. Mir fehlten sie als Kind und Jugendliche die meiste Zeit, deswegen bin ich tief in meinem Inneren zerbrochen. Es ist nicht schlimm Autistin zu sein, es ist schlimm nicht auf seine Weise akzeptiert zu werden. Sehr, sehr schlimm! Ich hoffe, dass ich in meiner jetzigen Therapie so etwas wie Selbstakzeptanz und Selbstliebe lernen kann. Ich muss lernen, dass meine „Wünsche“ und „Träume“ in Ordnung sind. Das „Ich“ in Ordnung bin, obwohl die Zweifel aus meiner Kindheit und Jugend noch wie Gift durch meine Adern fließen. Autismus ist keine Krankheit. Komorbiditäten, die aus Intoleranz und Druck entstehen, sind das wahre Gift für Körper und Seele. Nicht der Autismus. Akzeptiert Eure Kinder. Begleitet sie auf ihrem Weg. Steht an ihrer Seite. Arbeitet nicht gegen sie oder ihren Autismus. Es ist wichtig, weil sonst kämpfen sie eines Tages so um ihr Überleben wie ich es derzeit mache.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s