Gegen die Depression

Mein Energiehaushalt läuft im Moment auf niedrigster Stufe, seit genau einem Jahr sind meine Kraftreserven nun aufgebraucht. Das Ende meines Studiums im Juli hat meine Situation nicht gerade verbessert, ganz im Gegenteil. Das war von Anfang an meine größte Befürchtung. Mir fehlt eine sinnvolle Aufgabe im Leben. Dabei hatte ich in der letzten Zeit noch Glück, denn ich bin auf einige verständnisvolle Menschen gestoßen. Menschen, die mir keine Vorwürfe machen, weil ich mich mit meinem Studium nicht identifizieren kann.

Natürlich ist es seltsam, dass ich fünf Jahre studiert habe und mein Studium jetzt quasi nicht für das Berufsleben nutzen kann. Ich war einfach nur froh, als ich damals einen Ausbildungsplatz fand, und habe diese bereits begonnene Spur forgesetzt. Es gab tatsächlich immer wieder Menschen, die mich nach meinen Beweggründen fragten. Eine Lehrerin in der Berufsschule sprach mich bereits an und fragte, weshalb ich keine Ausbildung in Richtung Gestaltung oder Fotografie mache. Ihr war aufgefallen, dass ich viel Zeit und Arbeit in meine Plakate steckte und die Pflanzenbilder selbst fotografierte. Sie lobte meinen Sinn für Details. Ich wusste auch, dass ein kreativer Beruf für mich besser wäre, aber ich war lange Zeit arbeitslos gewesen und erleichtert, dass mir ein Ausbildungsbetrieb überhaupt eine Chance gab.

Das Grundstudium war hart für mich, weil es viele naturwissenschaftliche Fächer gab. Ich gehöre nicht zu den Autisten, die in Naturwissenschaften eine besondere Begabung haben. Ich habe zwar Interessen in dieser Richtung, aber es ist nichts wofür mein Herz lebt. Also konzentrierte ich mich im Hauptstudium auf den ökonomischen Bereich. Marktlehre und Betriebswirtschaft machten nun den größten Teil meines Studiums aus, was sich im Master fortführte. Ein Kommilitone fragte mich daher auch im Studium, weshalb ich etwas Naturwissenschaftliches studiere und nicht etwa Marketing. Eine berechtigte Frage, die mir jetzt auch in der Seele brennt.

Wenn ich auf mein bisherigen Leben zurückblicke wird deutlich, dass ich immer ein sehr kreativer Kopf war. Ich mochte alles in Verbindung mit Zeichnen und Malen, Gestaltung und Fotografie. Ich liebte Worte und entdeckte das Schreiben, ein für mich wichtiges Kommunikationsmittel. Als Jugendliche interessierte ich mich außerdem für philosophische und psychologische Themen. Naturwissenschaften spielten bei mir also nie eine Rolle, bis ich halt meine Ausbildung begann und mich in diesem Spinnennetz verfing. Die Spinne in diesem Netz saugte mich ganz langsam aus, so dass im letzten Jahr meine Energie verbraucht war und ich erkannte, dass ich auf einem komplett falschen Weg gelandet war.

Nun befinde ich mich auf diesem Weg und versuche auf meinen persönlichen Pfad abzubiegen, was sich nach drei Jahren Ausbildung und fünf Jahren Studium schwierig gestaltet. Es erstaunt mich, dass es trotzdem verständnisvolle Menschen gibt. Menschen, die meinen Wunsch verstehen können. Ich hoffe sehr, dass dieses Verständnis an meiner Seite bleibt, denn ich möchte nicht wieder gegen meine innere Überzeugung kämpfen. Ich habe keine Energie mehr für diese Kämpfe.

Der depressive Teil in mir wird wieder stärker, aber ich gebe mein Bestes, um im Vordergrund zu bleiben und mich von den negativen Gedanken und Gefühlen nicht ertränken zu lassen. Deswegen habe ich mich in der letzten Woche überwunden, bin zum zweiten Mal alleine ins Café gegangen und zum ersten Mal in meinem Leben sogar alleine ins Kino. Das waren sehr, sehr große Herausforderungen für mich, aber alleine in meiner Wohnung zu sein war ebenfalls keine gute Option. Deswegen versuche ich gerade eine Liste mit Dingen zu erstellen, die weitere Herausforderungen enthält und mir dabei hilft, aktiv Wege gegen den depressiven Anteil zu finden.

01. Alleine ins Café gehen ✓
02. Alleine ins Kino gehen und einen Film anschauen ✓
03. Alleine auf ein Konzert gehen ✓
04. Alleine in die Oper gehen ✓
05. Alleine ein Theaterstück besuchen
06. Alleine ins Museum gehen
07. Einen bekannten Menschen zum Kaffee einladen
08. Einen fremden Menschen zum Kaffee einladen
09. Einem fremden Menschen einen Blumenstrauß schenken
10. Einem bekannten Menschen einen gebastelten Stern schenken
11. Einem fremden Menschen einen gebastelten Stern schenken
12. In einer Menschenmenge mit Kopfhörern auf dem Kopf ein Lied singen
13. Sich zu einem Menschen auf eine Parkbank setzen und eine Unterhaltung beginnen
14. Einen fremden Menschen nach der Befindlichkeit fragen
15. Eine Unterhaltung mit einem Obdachlosen führen
16. Im Regen tanzen
17. Eine Strophe in der Kirche alleine singen
18. Ein selbstgeschriebenes Gedicht vor Publikum vortragen
19. Eine ehrenamtliche Tätigkeit aufnehmen
20. Ein Video für Youtube machen

Bisherige Ideenvorschläge:
01. Eine Kurzgeschichte schreiben und einem Menschen zum Lesen geben
02. Zettel mit positiven Nachrichten an belebten Orten hinterlassen
03. Eine bekannte Person bitten, drei positive Dinge über mich aufzuschreiben
04. Mir selbst eine Blume kaufen und mich an ihrer Farbe erfreuen
05. Mit meinem Hund eine schöne Wanderung machen
06. Meinem Hund einen neuen Hundetrick beibringen
07. Ein Gedicht für eine engere Bezugsperson schreiben und ihr zu Weihnachten schenken
08. Gnocchi nochmal eine Chance geben
09. Leute aus dem Chor nach Lieblingsbüchern fragen und mit ihnen darüber reden
10. Zum Frühschwimmen gehen
11. Einer Person aus dem Telefonbuch eine Postkarte schicken
12. Einen Kuchen backen und ihn an die Nachbarn verteilen
13. Nachbarn zum Kaffee trinken einladen

Fällt noch jemandem etwas für meine Liste ein? Welche realistischen Aufgaben könnten noch auf diese Liste passen? Ich brauche unbedingt mehr Ideen und Einfälle, damit die Depression mich nicht auffrisst und ich das Gefühl habe, dass ich irgendwie in meinem Leben weiterkomme und mich Situation gestellt habe. Etwas, dass mich von der Eintönigkeit meines momentanen Lebens ablenkt.

4 Kommentare zu „Gegen die Depression

  1. Da sind ja einige echt schwere Vorhaben dabei. Bei dem Punkt „Sich zu einem Menschen auf eine Parkbank setzen und eine Unterhaltung beginnen“ habe ich gedacht: Da könnte besser „Mit einem Raumschiff zum Mars fliegen“ stehen, das wäre ein deutlich einfacher zu erreichendes Ziel.

    Es wird manchmal gesagt, daß in anderen Ländern die Menschen einander viel schneller ansprechen und sich miteinander unterhalten würden. Aber einfach so einen wildfremden Menschen auf einer Parkbank ansprechen? Ich weiß ja gar nichts über ihn. Was soll ich da denn sagen? Der hat doch wahrscheinlich ganz andere Interessen als ich. Was will ich denn eigentlich von dem? Ist er denn überhaupt bereit für ein Gespräch? Mit welchem Anliegen soll ich denn an ihn herantreten? Oder entpuppt er sich nachher als total unsympathisch, und ich werde ihn nicht mehr los? Ja, es gibt tausende Gründe, warum ich keine fremden Menschen auf Parkbänken anspreche.

    Vielleicht ist der Mensch auf der Parkbank Autist, und er möchte dort von einer Reizüberflutung abschalten und von der ganzen Welt in Ruhe gelassen werden. Vielleicht ist der Mensch auf der Parkbank Autist, und er findet tausende Gründe, warum er keine Menschen auf Parkbänken anspricht, und deshalb hat er sich jetzt selbst alleine auf eine Parkbank gesetzt, um von anderen angesprochen zu werden. Man weiß es nicht.

    Von den 20 Punkte auf Deiner ersten Liste habe ich die Punkte 08 bis 18 noch nie gemacht, also mehr als die Hälfte. Obwohl: Zählt bei Punkt 10 auch das, was man als Kind im Kindergarten gebastelt und dann seiner Mutter geschenkt hat? Und zählt bei Punkt 18 eine mit der Software „PowerPoint“ erstellte Präsentation auch als Gedicht?

    Ich hatte allerdings nie ein Problem damit, etwas alleine zu machen, zum Beispiel alleine ins Kino zu gehen. Das ist ja ein definierter Ablauf: Man geht zur Kasse, kauft eine Karte für den Film, setzt sich in den Zuschauerraum, schaut sich den Film an, dann geht man wieder. Der Ablauf ist von vornherein bekannt, da kann kaum etwas schiefgehen. Die Interaktionen mit anderen Menschen, vor allem mit wildfremden Menschen, liegen dagegen für mich eher im Bereich der Unmöglichkeit. Ich bin gespannt, was Du darüber berichten wirst.

    In der Liste der Ideenvorschläge sind auch einige für mich total ungewöhnliche Vorhaben dabei. Einfach so irgendjemandem eine Postkarte schicken? Und Kuchen verteilen, so ganz ohne Anlass? Und einfach so Zettel irgendwo hinlegen?

    Obwohl: Ich habe so etwas schon mal gesehen – nicht Zettel, aber Steine.

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    1. Natürlich kann es sein, dass der Mensch auf der Parkbank keine Lust auf ein Gespräch hat oder seine Ruhe haben möchte. Ich hoffe einfach, dass dieser Mensch das dann auch zeigen und mir vermitteln kann. Die Punkte sollen andere Menschen nicht in Bedrängnis bringen, also wenn da Widerwille ist stehe ich von der Parkbank auf und gehe weiter. Mir ist das durchaus schon häufiger passiert, also dass ich selbst auf der Parkbank saß und ein Gespräch mit mir begonnen wurde. Hat mich häufiger schon überfordert, weil ich tatsächlich eher meine Ruhe haben wollte, aber manchmal war das auch in Ordnung. Schwieriger wird eher das Gesprächsthema. Ich habe arge Probleme mit Smalltalk, also muss ich mir vor dieser Aktion definitiv erstmal Gedanken darüber machen. Ich glaube viele Menschen sehen es an der Körpersprache oder am Augenkontakt, an einem Lächeln, ob ein anderer Mensch zu einem Gespräch bereit ist oder nicht. Gehört leider alles nicht zu meinen Stärken.

      Das zählt nicht. Überall wo „bekannte Menschen“ steht sind keine Menschen gemeint wie Familie, Freunde oder Kollegen. Damit meine ich zum Beispiel Menschen, die ich auf einer Hunderunde treffe, kurz ein paar Worte mit ihnen wechsel, aber sonst nicht viel Kontakt zu ihnen habe. Diese Menschen sind mir bekannt, weil ich sie mehrmals in der Woche kurz sehe, aber sie gehören nicht zu meinem engeren Kreis. Ein Familienmitglied oder einen Freund zum Kaffee einzuladen oder für diese Personen etwas zu basteln, habe ich schon häufiger in meinem Leben getan. Es geht hier eher um „neue Kontakte“. Darum, mehr auf Menschen zuzugehen und auch mal ein Risiko einzugehen. Denn es besteht ja immer die Gefahr, dass die Menschen ablehnen. Auch beim Gedicht zählt nur ein Gedicht, keine Präsentation.

      Ich bin auch sehr gespannt wie das wird. Andrerseits sehe ich vieles davon bei anderen Menschen. Sie setzen sich zu anderen Leuten auf die Bank, beginnen locker ein Gespräch, machen Dinge selbstbewusst alleine. Es wird sicher nicht leicht und ich befürchte, dass einige Aktionen auch scheitern könnten, aber ich versuche nach dem Motto zu handeln „Wer nicht wagt der nicht gewinnt.“

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  2. Ich finde, du hast hier sehr gute Ansätze gefunden. Auch für mich mit meinen Angstgedanken sind sehr viele schwere Aufgaben dabei. Aber vielleicht versuche ich auch das ein oder andere. 🙂

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  3. Mich motiviert deine Liste auch Punkte davon abzuarbeiten. Ich könnte mir nie vorstellen mich alleine in ein Café zu setzen, obwohl ich weiß das eigentlich nichts schlimmes passieren kann. Es klingt wirklich blöd, aber es ist schön zu wissen, dass ich nicht die einzige bin die damit Schwierigkeiten hat. Wenn ich das jemanden von meinen Familienmitgliedern oder Freunden erzähle, schauen die mich nur mit verwirrten Augen an und fragen mich was daran denn so schwer wäre.
    Ich freue mich für dich das du Menschen um dich rum hast die dir Verständnis entgegen bringen. Das kann einem viel Kraft schenken.

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