Gedankenspirale

In dieser Woche hatte ich meinen Termin beim Gesundheitsamt. Dort hatte ich ein Gespräch mit dem Arzt und einer Sozialarbeiterin, weil geklärt werden sollte, wie es in Zukunft beruflich für mich weitergeht. Ich fühle mich derzeit oft sehr energielos, weshalb ich mir beispielsweise im Moment keine Vollzeitstelle zutraue. Außerdem hoffe ich noch immer, dass ich entweder eine Umschulung machen kann oder es zumindest als Quereinsteiger in einen anderen Job schaffe. Was umso seltsamer ist, weil ich heute mein Masterzeugnis erhalten habe. Sowohl meine Note für die Abschlussarbeit als auch die Gesamtnote brachten mich zum Staunen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich beide Bereiche sehr gut abschließen würde.

Der Termin beim Gesundheitsamt war sehr anstrengend, aber ich versuchte auf alle Fragen so genau wie möglich zu antworten. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Arzt mich für sechs Monate krank schreiben würde. Er begründete die Krankschreibung damit, dass ich mich erstmal auf meine Therapie konzentrieren soll und dann würden wir in einem halb Jahr weitersehen, welche Möglichkeiten ich hätte. Ich soll die Zeit trotzdem auch dafür nutzen, mich nach Praktikumsstellen umzusehen und mir darüber klar zu werden, welche Arbeitsstellen für mich in Frage kommen. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit Verständnis für meine Situation.

Am Ende fragte ich, ob ich noch einen Bericht von meiner Therapeutin nachreichen soll, aber der Arzt und die Sozialarbeiterin antworteten, dass sie mir glaubten und ein Bericht frühestens in sechs Monaten notwendig ist.

Die Krankschreibung geht mir trotzdem nicht aus dem Kopf. Ich hatte nicht damit gerechnet, ich war nicht in dieser Absicht dort erschienen. Ganz langsam ist mir aber klar geworden, dass der Arzt vermutlich Recht hat. In den letzten Wochen ist es mir häufig nicht gerade gut ergangen, außerdem ist die Therapie oft sehr anstrengend und fordert viel Energie. Es ist seltsam für mich, dass ich meiner Therapeutin so sehr vertraue. Ich habe tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, dass eine Therapie mich tatsächlich weiterbringen kann. Ich habe meiner Therapeutin bereits viel anvertraut. Dinge, die ich noch keinem anderen Menschen erzählt habe. Ich habe jedoch das Gefühl, dass ich redensartlich alle Karten offen auf den Tisch legen muss. Nur dann kann die Therapie mir helfen. Davon bin ich überzeugt.

Zeitgleich merke ich, dass ich derzeit viel leichter in negative Gedankenstrudel gerate. Der depressive Teil in mir nimmt sich mehr Raum. Ich merke auch, dass ich viel leichter getriggert werde. Aus diesem Grund versuche ich mich derzeit wieder von Twitter fern zu halten, weil mich zu viele Beiträge dort sehr stark triggern und dadurch noch mehr negative Gedanken und Gefühle auslösen. Ich mag viele Menschen dort, aber zeitgleich frage ich mich, ob diese Menschen mich überhaupt mögen. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass Twitter sich irgendwie verändert hat. Vielleicht bin aber auch ich diejenige, mit der Veränderungen vor sich gehen.

Die Kontakte bei Twitter waren immer real für mich, aber in der letzten Zeit kommen sie mir sehr weit weg vor. Immer häufiger habe ich ein Gefühl wie damals in der Schule. Ich stand häufig am Rand und habe den anderen Kindern dabei zugesehen, wie sie miteinander gespielt, geredet und interagiert haben. Irgendwie war ich ein Teil von ihnen, aber nur als Randerscheinung. Möglicherweise ist es Einbildung, aber auch das triggert mich derzeit enorm bei Twitter. Daneben triggern mich allerdings auch alle Beiträge, die irgendwie in Verbindung stehen mit Elternschule oder schlimmen Kindheitserinnerungen oder Verzweiflung. Das ist kein Vorwurf. Ich habe die Plattform selbst häufig benutzt, um mein Herz zu erleichtern und über allerlei Dinge zu schreiben.

Das alles bringt mich zu dem Punkt, über den ich schon seit Wochen nachdenke: Ich brauche eine Pause von Twitter. Wahrscheinlich keine wie die letzte, die ich auf Twitter angekündigt und nur ein paar Tage durchgehalten habe. Ich brauche eine wirkliche Pause. Es schmerzt bis tief in meine Seele, aber auf der anderen Seite denke ich, dass es noch weitere Kontaktmöglichkeiten gibt. Kontaktmöglichkeiten, die sich für mich im Moment realer anfühlen als Twitter. Ich denke, wenn jemand mit mir in Kontakt bleiben möchte, wird es Wege geben. Ich habe Facebook und Instagram, ich habe Whatsapp und Threema. Ich behalte auch meinen Blog und möchte in der nächsten Zeit wieder mehr schreiben; außerdem habe ich eine Mailadresse. Auch persönlichen Treffen gegenüber bin ich aufgeschlossen, sofern sich Zeit und Ort vereinbaren lassen.

Ich schaffe es nicht mehr auf Twitter zu sein. Ich merke einfach, dass der Trigger zu groß ist und mich negativ in meinem derzeitigen Leben beeinflusst. Eine Pause ist hier sicher die beste Entscheidung. Ich werde aber keine Kontakte abblocken, die mich auf anderen Wegen erreichen.

6 Kommentare zu „Gedankenspirale

  1. Bei Twitter habe ich auch das Gefühl, dass sich in den letzten Monaten verstärkt Gruppen gebildet haben. Ich bin zwar selbst noch nicht so lange in der Bubble, aber mir kam sie am Anfang weit loser vor als in letzter Zeit (die Discord-Gruppe ist da vielleicht das auffälligste, aber nicht das einzige Beispiel). Die dann auch für das „am Rand steh“-Gefühl sorgen, ich hab selbst nicht wirklich das Gefühl, in eine dieser Gruppen zu passen oder bei einer dabei zu sein (quasi viele kleinere Blasen in der Blase, und ich seh mich eher in den Zwischenwänden zwischen den kleinen Blasen). Aber ich bin mir zumindest sicher, dass dich so einige Menschen auf Twitter auch gernhaben (mich eingeschlossen).
    Und auch wenn ich selbst traurig darüber bin, wenig Kontakt zu einer der wenigen Personen zu haben, mit denen gerne viel schreibe (auf anderen Plattformen bin ich ja wenig oder nicht unterwegs) – aber ich hoffe, dass es dir hilft, die Twitter-Pause dieses Mal auch durchzuziehen.

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    1. Das Gefühl mit der Gruppenbildung habe ich leider auch. Damit bin ich bereits zu Schulzeiten nicht gut klar gekommen, weil ich entweder in keine Gruppe passe oder aber mich schnell von der Gruppe ausgeschlossen fühle. Ich werde Dich und Deine Tweets auch sehr vermissen, aber ich komme derzeit einfach nicht mehr gegen den Trigger an. Werde aber trotzdem an Dich und andere Twitterianer denken.

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  2. Ich versteh dich 100%ig und mir geht selbiges durch den Kopf. Twitter war für mich vor 5 Jahren ein Mittel gegen Depressionen, heute verstärkt es meine depressive Endzeitstimmung. Es hilft auch wenig stummzuschalten oder zu blocken. Dann bleibt kaum noch einer mehr übrig. Ein paar Journalisten sind mir ja ans Herz gewachsen, und dadurch ergaben sich schon Gelegenheiten, über Autismus aufzuklären. Twitter hat sich definitiv verändert. Ein paar liebe Menschen sind einfach nicht mehr da. Das schmerzt sehr. Gerade wenn man sich schwer tut, im RL Kontakte zu halten und neue zu knüpfen. Solange ich noch in Salzburg bin, werd ich auf Twitter bleiben, aber in Wien überlege ich es mir dann. Hab die wichtigsten Freunde vor Ort und für andere gibt es andere Kanäle, wie bei dir.

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    1. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, wenn wir in Kontakt bleiben. Wenn Du zurück in Wien bist, dann gib gerne Bescheid. Ich würde sehr gerne nächstes Jahr mal wieder nach Wien fliegen, wenn Du dann auch dort bist und Dich wieder etwas eingelebt hast. Dann könnte ich meine Freundin in Wien besuchen und auch Dich persönlich kennenlernen, sofern das auch in Deinem Sinn wäre. 😉

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  3. Dieses Gefühl nicht dazuzugehören, kein Teil der Gruppe zu sein & in Wahrheit nicht gemocht zu werden, ist bei Depressiven sehr häufig, auch bei NTs. Gerade bei uns Autisten ist das naürlich noch schmerzhafter, wenn wir vorher schon wenig integriert waren.
    Ich fand es früher hilfreich, mein eigenes Nicht-Zugehörigkeits-Gefühl als Symptom der Depression anzusehen & nicht als real. Während einer Depression ist das Gehirn nicht rational & sieht alles viel negativer als es ist, es ist also nicht sinnvoll über Dinge zu grübeln.
    Es ist natürlich unmöglich „einfach“ nicht zu grübeln, aber mir hat damals der Gedanke geholfen, dass es mir zwar momentan aufgrund der Krankheit schlecht geht, aber diese Gefühle & Gedanken nicht real sind & wieder vergehen werden. „Glaub nicht alles was du im Moment denkst/fühlst.“

    Ich will dir damit nicht ausreden Urlaub von Twitter zu nehmen, auch wenn ich mich immer freue von dír zu lesen. Du bist definitiv ein wichtiger Teil meiner Autismus-TL & ich mag dich, soweit ich das kann ohne dich zu kennen.

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