Chorgeflüster

Ich muss jetzt einfach schreiben, den Kummer von der Seele lassen. Heute Abend war ich beim Dienstagschor, den ich letzte Woche zum ersten Mal besucht habe. Und es war eine Katastrophe. Ich habe schon lange nicht mehr so deutlich gespürt, dass ich Autistin bin; eigentlich hätte ich mir ein Schild umhängen können. Als ich ankam, waren schon einige Leute im Proberaum. Die zwei Sängerinnen, bei denen ich letzte Woche stand, waren noch nicht vor Ort. Also wusste ich nicht, auf welchen Platz ich mich setzen könnte. Ich stand demzufolge einfach nur verloren im Raum, bis ein junger Mann mich auf einen Stuhl verwies. Es waren viele Leute da, die letzte Woche gefehlt haben.

Ich saß also auf meinem Stuhl und um mich herum unterhielten sich die Chormitglieder. Zwei Leute sprachen über Klausuren, also hörte ich in dieser Richtung zu; aufgrund des sonstigen Stimmengewirrs schaffte ich es allerdings nicht weiter der Unterhaltung zu folgen. Stattdessen entfernte ich mich innerlich und wechselte wie so oft in meinem Leben in die Beobachterrolle. Die Chorleiterin kam an und ich fixierte sie eine Weile, aber eine leiste Stimme in mir meldete sich, dass mein starrender Blick unhöflich sein könnte. Schon letzte Woche habe ich bemerkt, dass in diesem Chor sehr viel Kommunikation und soziale Interaktion vorherrscht. Zwei Bereiche, die mir Probleme bereiten.

Als wir mit dem Singen begannen, war ich auf zweierlei Weise froh. Erstens fand das Spiel von letzter Woche nicht statt, bei dem viel Augenkontakt verlangt wurde. Zweitens hörten die Koversationen auf und somit saß ich nicht mehr als Einzige stumm auf einem Stuhl. Es bereitete mir arge Probleme, dass ich nicht bei den zwei Sängerinnen von letzter Woche saß. Sie saßen am anderen Rand der Reihe. Eine von ihnen lächelte mir zu und ich war erleichtert, dass ich wenigstens für eine einzige Person in diesem Raum zu existieren schien. Dieses kurze Lächeln war am heutigen Abend meine einzige Kontaktaufnahme dort.

Nach dem Singen brachte ich meinen Stuhl weg und dann stand ich wieder mittem im Raum. Es hatten sich verschiedene Grüppchen gebildet, aber ich war nicht in der Lage, mich zu einer Gruppe dazuzustellen. Ich fühlte mich wieder sehr weit entfernt und fand mich in der Beobachterrolle. Am liebsten wäre ich einfach im Erdboden verschwunden, weil ich nicht wusste, wie ich hätte Kontakt aufnehmen können. Ich wusste, dass ich mich zu einer Gruppe dazustellen sollte, aber mir fehlte die Energie. Vermutlich war mir am Anfang und während des Singens schon Energie verloren gegangen, denn ich bemerkte, dass ich inzwischen auch in einem mutistischen Zustand war.

Die wenigen Minuten, die ich dort mittem im Raum stand, kamen mir vor wie Stunden. Beim Mittwochschor habe ich nie solche Situationen erlebt, aber das liegt sicher auch daran, dass die Mitglieder viel älter sind. Sie haben mich von Anfang an herzlich aufgenommen, in die Gruppe integriert, mir Fragen gestellt und sogar darauf geachtet, dass ich von der Gruppe nicht ausgeschlossen werde. Sie sagten mir, dass ich mich zu ihnen stellen darf und sie gaben Themen vor, über die ich mit ihnen sprechen konnte.

Ich war erleichtert, als wir den Raum heute Abend verlassen habe. Ich bin gleich zu meinem Fahrrad gegangen, bin noch neben den Leuten gelaufen, aber wieder fand ich keinen Kontakt zu ihnen. In meinem mutistischen Zustand und Overload war ich dazu vermutlich auch gar nicht mehr in der Lage. Ich hörte noch irgendwo hinter mir ein „Tschüss“, aber ich war nicht einmal sicher, ob die Person mich gemeint hat. Vier Leute schienen in Richtung der Bar zu gehen, wo der Chor abends noch was trinkt, aber viele Leute blieben auch auf dem Parkplatz zurück. Ich wusste wieder nicht, was ich tun sollte, also bog ich ab und fuhr nach Hause.

Und da sitze ich jetzt und kann nicht einmal beschreiben, wie frustrierend und deprimierend dieser Abend war. Dazu fehlt mir die Kraft. Ich habe mich so autistisch gefühlt, so weit entfernt von diesen Menschen. Ich war nicht mal mehr in der Lage zum Kompensieren. Die ganze Zeit frage ich mich nur, wie diese Leute so problemlos miteinander kommunizieren und interagieren können. Acht Jahre lebe ich jetzt mit der Diagnose, aber hinter dieses Geheimnis bin ich noch immer nicht gekommen. Es ist wie meine Therapeutin sagt: Diese Menschen sprechen alle eine Sprache, die ich selbst nie gelernt habe. Mit dem Unterschied, dass ich sie seit Jahren zu lernen versuche, aber immer wenn ich glaube, dass ich einige Wörter und Sätze drauf habe, sprechen die Menschen beim nächsten Mal wieder eine ganz andere Sprache. So hinke ich immer hinterher.

Ich glaube nicht, dass ich nächste Woche wieder hingehen kann. Es raubt mir meine Energie. Ich würde so gerne dazugehören, aber ich finde keinen Weg. Es frustriert mich, dass ich immer im Dunkeln tappe. Es frustriert und deprimiert mich ohne Ende.

3 Kommentare zu „Chorgeflüster

  1. Es ist schwierig mit existierenden Gruppen. Wenn man da neu hinzukommt, hat man meist den Eindruck, alle anderen kennen sich untereinander, und man selbst durchschaut das Beziehungsgeflecht überhaupt nicht. Manchmal ändert sich das nach einigen Treffen, manchmal bleibt es wie am Anfang.

    Man kann sich auch mit der Rolle als Beobachter zufrieden geben. Es hängt davon ab, ob man wegen Kontakten hergekommen ist oder wegen des Themas der Gruppe.

    Es gibt auch Gruppen, bei denen bleibt man so lange Außenseiter, bis sich plötzlich Gruppenmitglieder untereinander zerstreiten und eine Lagerbildung stattfindet. Im dem Fall suchen beide Lager möglichst viele Verbündete. Dann wünscht man sich, man wäre unsichtbar, und man könnte weiter in der passiven Rolle des Beobachters bleiben.

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  2. Ich kenn das so gut
    Jeden Montag mein Problem, wenn Ich in meinen Lieblingssport gehe, der sozial für mich aber genau wie bei dir im Chor aussieht
    Der Leiter nett, aber redet nur mit anderen, ich kann riechen, wie komisch er mich findet
    Ich geh trotzdem hin, beobachte, guck die Leute wenigstens an, das muss für mich reichen…

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