Selbstakzeptanz

Vor einiger Zeit gab mir meine Therapeutin eine Arbeitsaufgabe. Ich sollte schriftlich ausformulieren, was sich in Zukunft für mich ändern würde, wenn ich mich auf meine Weise akzeptieren könnte. Im Internet suchte ich dann nach der Definition von Selbstakzeptanz, weil ich keine Antwort auf diese Frage fand. Ich fühlte mich wie ein Wattwanderer, der mitten im Wattenmeer vom Nebel überrascht wurde. Ich suchte nach meinem Kompass, der mir die Richtung zeigen würde, und stolperte wild durch die Gegend.

Schließlich schrieb mir eine Freundin, was sich durch die Selbstakzeptanz für mich ändern würde. Ich fügte ihre Worte in das Dokument an meine Therapeutin ein, natürlich mit Quellenangaben. Ihre Worte brachten mich zum Weinen.

Die Selbstakzeptanz ist mein Hauptziel der Therapie. Ich schrieb das am Anfang der Therapie in den Fragebogen, ohne mir größere Gedanken deswegen zu machen. Ich weiß, dass ich mich selbst nicht besonders akzeptiere und liebe und andere Menschen oft auf einen unerreichbaren Thron setze. Ich weiß nur nicht, was ich an dieser Tatsache ändern kann, wie ich für mich selbst mehr Akzeptanz erschaffe. Bisher konnte ich mir nicht einmal vorstellen, was sich in Zukunft für mich ändern würde. Das war fernab meiner Realität.

In den letzten Tagen hatte ich dann eine ziemlich große Erkenntnis. Mir wurde einmal von einer Person gesagt: „Wenn du dich selbst nicht lieben kannst, dann kannst du auch keine anderen Menschen lieben.“ Falsch! Ich bin sehrwohl in der Lage viel Liebe für andere Menschen zu verspüren, sie sogar zum Ausdruck zu bringen. Das sind keine Lügen, sondern wahre Emotionen und tiefe Gefühle. Meine neuste Erkenntnis ist jedoch: Solange ich mich selbst nicht akzeptiere und liebe, kann ich die Liebe und Freundschaft anderer Menschen auch nicht annehmen. Ich kann nicht glauben, dass andere Menschen mich mögen und etwas Positives an mir sehen, solange ich selbst keine gute Meinung von mir habe.

Ich habe das Gefühl, dass diese Erkenntnis ein ziemlich wichtiger Schritt ist, denn in den letzten Tagen ging es mir schon wesentlich besser als in den ganzen letzten Wochen zuvor. Ich habe bei den Gassirunden zum ersten Mal wieder Musik gehört, in die Sonne geblickt und gelächelt.

Und ich denke, dass ich die Arbeitsaufgabe nun selbst lösen könnte. Was sich für mich verändern würde, wenn ich mich auf meine eigene Weise akzeptiere und liebe? Nun, ich würde mich vermutlich nicht mehr schlecht fühlen, wenn ich andere Menschen anschreibe, sie um ein Treffen bitte oder überhaupt mit ihnen in Kontakt trete. Ich würde nicht mehr so oft denken, dass ich bloß ein Klotz am Bein bin und die Leute mit meiner Anwesenheit nerve. Ich könnte Freundschaften mehr genießen, würde häufiger meine Meinung sagen, würde das Lob und die Liebe der Menschen besser annehmen. Und eine ganz leise Stimme in mir flüstert: Ich wäre bereit für eine Beziehung.

Ja, unter dem Schutt und der Asche meiner Vergangenheit und einiger Erlebnisse, die viele negative Gefühle in mir hinterlassen haben – habe ich eventuell meine eigene Sexualität entdeckt. Es ist seltsam so offen darüber zu schreiben, zumal ich in meinem bisherigen Leben asexuell war und empfunden habe. In den letzten Tagen spüre ich jedoch etwas in mir, dass in eine ganz andere Richtung deutet. Ich kann das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genauer benennen oder beschreiben, denn ich muss mir selbst erst darüber klar werden, welche Bedeutung das alles hat. Ich muss das selbst erst sortieren, muss weiteren Schutt und weitere Asche beseitigen, ehe ich Worte dafür finde und dieser Entdeckung tatsächlich glaube.

Zumindest habe ich langsam das Gefühl, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Das klingt toll, aber zur gleichen Zeit macht es mir auch Angst. Denn ich ahne bereits, dass sich auf diesem Weg große Veränderungen befinden. Und Veränderungen sind nicht gerade das, was ich als Autistin gern habe. Auf der anderen Seite brauche ich diese Veränderungen. Ich brauche sie, um meinem ‚wahren Ich‘ sprichwörtlich mehr Raum zu geben. Es war auf jeden Fall sehr schön, dass ich in den letzten Tagen etwas aus meinem depressiven Loch herauskam. Ich glaube leider nicht, dass ich das Loch schon hinter mir gelassen habe, aber ich kämpfe mich immer wieder an die Oberfläche und gebe die Hoffnung nicht auf.

2 Kommentare zu „Selbstakzeptanz

  1. Ich schaffe es bei einem Großteil meiner Gedanken zu dem Artikel nicht wirklich, sie in Worte zu fassen und zu formulieren – aber ich wünsche dir viel Kraft, um diesen Weg der Selbstfindung mit seinen Schwierigkeiten zu gehen, und ich freue mich auf den Ninja, der am Ende dieses Weges stehen wird, was es auch immer für ein Ninja sein mag. ❤

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  2. Als mir mein eigener Therapeut sagte, dass Akzeptanz ein Schlüssel dazu wäre, dass es mir besser geht, habe ich auch erst einmal nach der Bedeutung des Wortes gegoogelt. Selbstakzeptanz ist meiner Erfahrung nach ein wichtiger Schrittt auf dem Weg aus der Depression. Es ist schwer, aus dem Depressionsloch zu klettern. Es geht schneckös und manchmal rutscht man auch ein Stück zurück. Aber es geht. Ich wünsche dir weiterhin Kraft und viel Kletterwillen.

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