Umgebungsgeräusche

Durch diesen Blogbeitrag von Forscher kam ich auf mein heutiges Thema. Für mich sind Umgebungsgeräusche häufig sehr frustrierend, weil sie mir ein Stück von meiner Lebensqualität rauben; dabei müssen es nicht einmal besonders viele oder laute Geräusche sein.

Als ich am Mittwoch im Chor war, gab es nach der Probe noch eine Geburtstagsfeier. In den letzten Wochen hatten drei Leute Geburtstag, die allerhand Getränke und Leckereien mitbrachten. Wir haben im Proberaum einen großen Tisch, an dem wir dann alle im Kreis sitzen. Ich finde das wirklich nett und gemütlich, weil es hier eigentlich keine Umgebungsgeräusche gibt. Zumindest nicht so, wie dass in einem Lokal der Fall wäre. Wir sitzen als Gruppe alleine in diesem Raum. Trotzdem habe ich hier bereits enorme Schwierigkeiten.

Um mich herum entstehen automatisch verschiedene Gespräche, wie dass in einer Gruppe mit mehr als zehn Personen eigentlich immer der Fall ist. Hier unterhalten sich drei Personen über ein Thema, dort quatschen zwei Personen über private Ereignisse, weiter hinten am Tisch haben sich drei andere Personen zusammengefunden. Ich selbst versuche mich an einem Gespräch in meiner Nähe zu beteiligen, scheitere aber meist, weil ich mich durch die Umgebungsgeräusche nicht auf das Gesagte konzentrieren kann. Die Umgebungsgeräusche kommen zwar nur von den anderen Chormitgliedern am Tisch, aber sie sind für mich trotzdem bereits ein Störfaktor. Neben diesen Geräuschen habe ich allerdings noch ein weiteres Problem: Ich weiß nie, ob und wann ich mit dem Sprechen an der Reihe bin.

Wenn sich also drei Personen über ein Thema unterhalten, höre ich die meiste Zeit nur zu. Manchmal könnte ich zwar etwas zu dem Thema beitragen, aber ehe ich die Worte in meinem Kopf formuliert und den richtigen Zeitpunkt abgewartet habe, sprechen die Beteiligten schon wieder über andere Sachen. Früher habe ich dann trotzdem manchmal meinen Beitrag noch vorgebracht, damit meist aber nur verständnislose Gesichter geernet und den Redefluss unterbrochen.

Fazit ist in diesen Situationen also, dass ich mich oft an Gesprächen nicht beteilige. Dadurch gelte ich sehr schnell als schüchtern und zurückhaltend, oft aber auch als desinteressiert und arrogant.

Vor meiner Autismusdiagnose war das immer seltsam für mich. Ich hatte solche Momente vor allem immer wieder bei Familienfeiern. Ich habe nie verstanden, wieso sich andere Leute so rege miteinander unterhalten können, und ich habe auch nie verstanden, wie sie sich quer über den Tisch noch verständigen können. In jeglicher Gruppensituation war ich immer diejenige, die kein Wort sagte, obwohl mein Kopf voller Worte und Ereignisse war.

Ich wäge allerdings immer ab: Ist der Moment richtig? Ist das eine Pause, in die ich einfallen und meine Worte loswerden kann? Interessiert es die Menschen überhaupt, was ich zu dem Thema zu sagen habe? Und während ich abwäge, verpasse ich dann die Augenblicke. In einem vollen Lokal ist alles noch deutlich schlimmer, wie Forscher bereits in seinem Beitrag beschreibt.

Eine zunehmende Unruhe stellt sich auch dann ein, wenn wir ein Lokal betreten, in dem es sehr laut ist (klapperndes Geschirr in der Küche/an der Bar, Hintergrundmusik, laute Gespräche der anderen Gäste, Kindergeschrei) oder in dem geraucht wird. Mir fällt es dann zunehmend schwer, mich in größeren Gruppen an den Gesprächen zu beteiligen, weil ich akustisch nicht mehr mithalten kann. Meine akustische Reizverarbeitung ist dann zu langsam. Je nachdem, wie viel Kraft der Tag bis dahin gekostet hat, ist meine Reizschwelle relativ schnell erreicht.
Forscher

Mit einer Kommilitonin war ich Anfang des Jahres in einem Café hier in der Stadt. An diesem Tag gab es ein Fest auf dem großen Platz vor dem Café, so dass es im Lokal sehr voll war. Wir fanden zwar noch einen Platz, aber die Geräuschkulisse war wirklich enorm. Unzählige Menschen führten Gespräche, klapperten mit den Gabeln auf ihren Kuchentellern, schoben Stühle über den Boden, hatten schreiende und quängelige Kinder dabei, ließen ihre Handys klingeln oder Musik darauf abspielen. Meine Kommilitonin spricht auch noch sehr leise, so dass ich überhaupt kein Wort verstehen konnte. Als wir das Café verließen, atmeten wir beide erleichtert auf und machten einen großen Spaziergang durch die ruhige Gegend. Wir sind uns in diesem Punkt zum Glück sehr ähnlich, wobei ich schon länger vermute, dass sie auch im Spektrum sein könnte.

Früher bin ich sehr oft geflüchtet. Heute flüchte ich weniger, allerdings versuche ich volle Lokale auch zu vermeiden. Ich weiß aber noch, wie ich einmal an Karneval mit meiner Mutter, der Freundin meiner Mutter und ihrer Tochter unterwegs war. Das war noch vor meiner Diagnose. Wir gingen zuerst in eine Kneipe, die recht ruhig war, aber danach suchten wir ein volleres Lokal auf. Es gab eine Tanzfläche, laute Musik, viele Menschen, grelle Lichter, laute Geräusche. Ich versuchte so lange wie möglich auszuhalten, aber irgendwann war meine Grenze erreicht. Ich sprang auf, schnappte mir meine Jacke und lief aus dem Lokal. Ich eilte die Straße entlang und konnte nicht eher stehenbleiben, bis ich die Straßenbahn erreichte und darin ein ruhiges Plätzchen fand. Es tat gut, einfach nur dazusitzen und aus dem Fenster zu schauen.

Am Ende wurden mir natürlich immer Vorwürfe gemacht. Ich könne doch nicht einfach abhauen, was würde das denn für ein Licht auf mich werfen, die Leute würden sich Gedanken oder gar Sorgen machen, was sei das schließlich für ein Verhalten, ich könne mich doch wenigstens verabschieden und Bescheid geben.

Ja, ich wusste das auch alles. Ich wusste, dass mein Verhalten nicht in Ordnung war und ich Bescheid geben müsste. Ich konnte aber nicht! Wenn der Fluchtreflex sich einschaltet, funktioniere ich nicht mehr auf diese Weise. Sobald ich in der Straßenbahn war, schaltete sich auch bei mir das schlechte Gewissen ein und ich wusste, dass ich einen Fehler begangen hatte. Ich konnte jedoch nicht anders. Die Umgebungsreize haben mich in diesem Moment so sehr überflutet, dass ich zu keiner anderen Handlung als der Flucht mehr fähig war. Alle Sinne schalten dann auf Flucht.

Als ich mit meinen Freundinnen aus Wien vor zwei Jahren gemeinsam in Hamburg war, hätte ich beinahe wieder die Flucht ergriffen. Ich war total überlastet, nachdem wir in der Nacht zuvor bereits auf einem Konzert waren und vormittags über den Fischmarkt geschlendert sind. Mittags war ich im absoluten Overload. Als wir am Hauptbahnhof vorbeigingen, dachte ich einen Moment darüber nach, die Flucht zu ergreifen und heimlich zurück zum Hotel zu fahren. Allerdings wusste eine der beiden Freundinnen, dass ich Autistin bin; ich hatte ihr bloß nie erklärt welche Schwierigkeiten damit in Verbindung stehen.

Ich habe nicht die Flucht ergriffen, aber als wir schließlich an der Binnenalster waren und aufs Wasser blickten, konnte ich mich nur noch auf eine Parkbank setzen. Shutdown. Ich konnte nicht mehr sprechen, mich nicht mehr bewegen, nicht mehr reagieren. Und zum Glück ließen mich die beiden Mädels alleine. Sie sagten, dass sie kurz auf der anderen Seite nach einem Lokal schauen und in spätestens zwanzig Minuten wieder da seien. Es war gut, weil ich die Ruhe und Abgeschiedenheit in diesem Moment brauchte. Ich hatte den Eindruck, dass sie den Autismus in diesem Moment ziemlich gut begriffen, denn als sie zurückkamen fuhren wir gemeinsam zum Hotel. Das war eine große Erleichterung für mich. Wir setzten uns dann ins leere Hotelrestaurant. Ich durfte weiterhin schweigen und mich ausruhen, so dass ich am Abend für die Rückfahrt vorbereitet war.

Aus diesen Gründen bevorzuge ich eine ruhige Umgebung. Ich mag Konzerte und Aktionen und Unternehmungen, aber es dürfen nicht zu viele an einem Tag oder in einer einzigen Woche sein. Das überfordert mich zu schnell. Ruhepausen sind wichtig, aber auch verständnisvolle Menschen, die Rücksicht und meine Schwierigkeiten ernst nehmen.

Wenn ich ruhig bin und schweige, ist das meist keine Schüchternheit. Oft liegt es an äußeren Faktoren, die mich auf die ein oder andere Weise stören. Ich bin immer neugierig und interessiert, aber wenn meine Energiereserven aufgebraucht sind brauche ich Momente der Ruhe.

Ich bin normalerweise recht offen bis hin zur schonungslosen Unverblümtheit. Nicht jeder kann damit umgehen. Ich frage auch selten zurück bzw. muss mich daran erinnern, soziale Floskeln zu benutzen, was ich im Gespräch mit anderen Autisten überspringen kann und direkt zum Punkt komme, bzw. wo sich tiefsinnige Gespräche entwickeln.
Forscher

Tatsächlich fällt es mir auch sehr schwer Smalltalk zu führen. Genau wie Forscher neige ich dazu, eher in tiefsinnige Gespräche zu verfallen, womit die Menschen oft genau so wenig umgehen können wie mit meinem Schweigen. Ich scheue mich auch nicht vor Outings, sondern stehe in den letzten Monaten immer mehr zu meinen Schwierigkeiten. Im Chor weiß der Großteil inzwischen vom Autismus, weil ich derzeit einfach keine Energie habe, mich immer wieder mit irgendwelchen Ausreden erklären zu müssen. Ich sehe auch nicht ein, weshalb ich mich für meine Behinderung und Komorbiditäten schämen soll. Ich spreche auch nicht darüber, weil ich so geil auf Aufmerksamkeit bin. Ich versuche bloß zu erklären, welche Gründe für ’seltsame Verhaltensweisen‘ vorliegen.

„Du bist doch ein intelligenter Mensch, mach dich und deine Fähigkeiten doch nicht klein“ sagte mir eine Person aus dem Chor, als ich den Autismus erwähnte. Woraufhin ich ihr erklärte, dass der Autismus nicht nur negativ ist. Meine Schwierigkeiten bleiben, egal wie intelligent ich auch sein mag, genau wie auch viele positive Fähigkeiten mit meiner Behinderung in Verbindung stehen. Aus meiner Sicht müssen die Menschen damit aufhören, eine Behinderung immer direkt in eine Negativschublade zu stecken. Ich erwähne nicht, dass ich Autistin bin, um mich klein zu machen, sondern um Schwierigkeiten aufzuzeigen und für mehr Verständnis zu sorgen. Eine Behinderung zu haben bedeutet schließlich nicht automatisch, dass ein Mensch weniger Intelligenz oder Fähigkeiten hat.

2 Kommentare zu „Umgebungsgeräusche

  1. Probleme bei Gesprächsbeteiligung kenn ich auch gut – je besser sich eine Gruppe kennt, desto schlimmer wird es, weil sich die anderen so gut aufeinander abzustimmen scheinen und ich noch weniger Chancen hab, überhaupt zu Wort zu kommen. Noch dazu bin ich schnell irritiert, wenn ich eine Pause nutze, um selbst was zu sagen und mir dann jemand nach wenigen Sekunden ins Wort fällt und mich damit quasi wieder ausschließt – das bringt dann meist auch das in Gedanken ausformulierte durcheinander, was ich sagen wollte (selbst wenn ich wollte, könnte ich also nicht „zurück-unterbrechen“). Am ehesten geht es noch, wenn eine Gruppe unterwegs ist, sich im Gehen aufteilt und ich mich einer Teilgruppe anschließen kann. Oder wenn es um ein Thema geht, bei dem auf Input von meiner Seite gewartet wird.
    „Fluchtsituationen“ sehen bei mir meist so aus, dass ich mich nach Möglichkeit ein wenig von der Gruppe entferne (weil es mir entweder nicht möglich ist oder mich nicht traue, komplett zu gehen) und Kopfhörer aufsetze, sofern ich sie nicht schon aufhab – darauf wird dann auch gerne mit „verhält sich wieder seltsam“ o.ä. reagiert. Oder vor der versammelten Gruppe gefragt, was denn los sei (darauf kann und will ich dann meist nicht antworten).
    Mittlerweile gehe ich mit der Diagnose etwas offener um, aber es kam oft genug (erst Recht von Verwandten) ein „das kann doch gar nicht sein, so wirkst du gar nicht“ o.ä. zurück. Warum Leute abweichendes Verhalten so schnell mit „ist ein wenig daneben“ gleichsetzen und sich darauf verlassen, dass Außenwirkung alles aussagt, werd ich wohl nie verstehen.

    Gefällt 2 Personen

  2. Danke. Du sprichst mir zu 100% aus der Seele. Auch die Erlebnisse mit Flucht ergreifen. Ich hatte das schon mehrmals vor dem Treffen in einem Lokal, wegen zuvielen Menschen in der Straße davor. Und auf einem Weihnachtsmarkt bin ich auch schon wortlos geflüchtet. Gestern Abend im Lokal zu acht hab ich auch wieder 2 Leuten zugehört, und jedes Mal, wenn ich etwas sagen wollte, konnte ich den Redner nicht unterbrechen. Ich warte dann auf Pausen, die nie kommen. Was dazu führt, dass ich entweder nie was sage oder ins Wort falle.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s