Freundschaften

Ich habe gelesen, dass das Finden von neuen Freundschaften in der Kindheit kein großes Problem sei, da Kinder schnell Gleichaltrige kennenlernen und Kontakte aufbauen. Im Grunde genommen glaube ich das auch, aber für meine eigene Kindheit kann ich das nicht unbedingt bestätigen. Das Thema Freundschaften ist gerade sehr aktuell für mich, weswegen ich heute unbedingt in einem Blogbeitrag darüber schreiben mag.

In meiner frühen Kindheit hatte ich einen einzigen ‚Freund‘. Ich bin dem Jungen auf Schritt und Tritt gefolgt, weil er im Kindergarten der einzige Mensch war, den ich wahrnahm und der für mich eine Bedeutung hatte. Wenn ich nicht wie eine Stalkerin an seiner Seite war, verbrachte ich die Zeit im Kindergarten alleine. Ich drehte meine Finger ein, zwirbelte meine Locken auf oder berührte Gegenstände. Die Menschen selbst haben nicht einmal für mich existiert, sie waren wie unwichtige Randfiguren. Der Kontakt zu dem Jungen verlor sich, als wir beide in die erste Klasse der Grundschule kamen. Er war in meiner Parallelklasse und sagte mir eines Tages, dass Jungen und Mädchen nicht miteinander befreundet sein können.

Eine Kindergärtnerin versuchte eine Freundschaft aufzubauen zwischen mir und einem älteren Jungen, der schon damals ein Helfersyndrom hatte. Ich nahm den Jungen jedoch nicht wahr, was sich schnell als Problem darstellte. Trotzdem erwähne ich diesen Jungen hier, weil wir später im Hort erneut aufeinandertrafen. Zu dieser Zeit war es immer noch schwer mit mir befreundet zu sein, aber zumindest rückte er ein Stück weit in meine Wahrnehmung. Als er den Hort verließ, verlor sich jedoch augenblicklich der Kontakt. Es heißt aber schließlich, dass man sich immer dreimal im Leben trifft; und in diesem Fall stimmt das sogar. Als meine Eltern und ich in die Nachbarstadt umzogen und ich die Schule wechselte, stand genau dieser Junge plötzlich vor mir. Und dann geschah es ziemlich schnell, dass wir beste Freunde wurden.

Wenn jemand in dein Leben tritt aus einem Grund, dann heißt das, dass du dich mit einem Bedürfnis auseinander setzen musst, das du geäußert hast, bewusst oder unbewusst. Diese Menschen treten in dein Leben, um dich durch eine schwere Zeit zu begleiten, dich zu schützen durch Führung und Unterstützung, dich zu heilen, körperlich, emotional oder seelisch. Sie sind da aus dem Grund, für den du sie benötigst da zu sein.
Bettina Hielscher

Er wurde meine wichtigste Bezugsperson in dieser Zeit. Ich erlebte viel Mobbing dort, aber bei meinem besten Freund fühlte ich mich sicher. Damals dachte ich, dass die Freundschaft für immer hält, weil ich mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen konnte. Er hatte immer noch ein Helfersyndrom, während ich Hilfe brauchte. Heute befürchte ich, dass das im Großen und Ganzen die Grundlage unserer Freundschaft war. Er gab mir viel und ich nahm alles wie ein Schwamm auf, während ich ihm im Umkehrschluss nicht viel geben konnte. Stolz bin ich darauf nicht, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt immer noch keine Ahnung von Freundschaften und blieb die meiste Zeit gerne allein.

In meiner Grundschulklasse hatte ich keinerlei Freunde, weswegen ich in den Pausen meist alleine dastand und die anderen Kinder beobachtete. Erst im vierten Schuljahr baute ich leichten Kontakt zu einer Mitschülerin auf, wobei Kontakt hier schon ein sehr großes Wort ist. Ich nahm sie wahr, regisitrierte ihre Existenz und konnte wenige Worte mit ihr auf dem Schulhof wechseln. Meine Kontakte kamen vor allem im Hort zustande, in den ich nach der Schule ging. Im Hort saß ich die meiste Zeit alleine an einem Tisch, malte Bilder oder bastelte an Projekten. Erst nachdem ich ‚dissoziativ‘ wurde, nahm ich die ersten Kinder wahr.

Diese Kontakte funktionierten im Hort, aber nicht außerhalb des Horts. Ein Mädchen lud mich einmal zum Spielen zu sich nach Hause ein, aber ich saß nur still auf ihrem Bett und wünschte mir, dass wir wieder im Hort wären. Im Hort waren die Kontakte leichter, weil sie unverbindlich waren; ich konnte Kontakt aufnehmen oder alleine am Tisch bleiben. Es störte die Kinder nicht, weil sie sich dann andere Kinder als Alternative zum Spielen suchten. Im privaten Kinderzimmer fühlte ich mich überfordert, weil ich nun keine Wahl mehr hatte. Wenn ich also nicht funktionierte, konnte sich das Kind keine Alternative suchen.

Wenn Menschen für eine bestimmte Zeit in dein Leben treten, dann, weil deine Zeit gekommen ist, zu teilen, zu wachsen und zu lernen. Sie bringen dir Erfahrungen oder bringen dich zum Lachen. Sie können dich etwas lehren, was du nie zuvor gelernt hast. Aber es ist nur für eine bestimmte Zeit.
Bettina Hielscher

In der weiterführenden Schule, in der ich auch Mobbingerfahrungen gemacht habe, traf ich dann meine spätere beste Freundin. Wir hatten damals schon Kontakt, aber durch die täglichen Hänseleien geriet ich in eine sehr schwere Phase meines Lebens, in der ich keinerlei Freundschaft mehr zulassen konnte. Nach dem Abschluss verloren wir uns also aus den Augen, trafen uns aber zehn Jahre später bei einem Junggesellinnenabschied wieder. Ich hatte damals gerade meine Ausbildung abgeschlossen, hatte zwei Kontakte zu Mitschülerinnen aus der Berufsschule, und wusste inzwischen mehr über Freundschaften. Wir kamen bei dem Junggesellinnenabschied also schnell in Kontakt und dann war ich überrascht, als sie mir eines Tages sagte, dass ich inzwischen ihre beste Freundin sei.

Zu dem Zeitpunkt befand ich mich bereits im Studium und an meinem Studienort, aber in den Semesterferien fuhr ich zu meinen Eltern, so dass meine beste Freundin und ich uns treffen konnten. Ich wusste inzwischen, dass Freundschaft auf Gegenseitigkeit beruht und durch ein Geben und Nehmen lebt. Es war eine wunderbare Zeit mit meiner besten Freundin. Wir waren gemeinsam im Schwimmbad, im Kino, auf Partys und Mittelaltermärkten, sind durch die Stadt geschlendert oder waren eine Kleinigkeit essen. Sie war zwar etwas älter als ich, aber wir haben sehr viel Zeit herumgealbert und Spaß gehabt. Wir haben sehr viel gemeinsam gelacht.

Was wir nur nicht bemerkten, war, dass wir uns eines Tages auseinanderentwickelten.  Ich glaube nicht, dass eine Freundschaft auseinanderbrechen muss, wenn sich eine der beiden Personen weiterentwickelt. Zumindest nicht, wenn beide Parteien die Entwicklung akzeptieren. Meine beste Freundin akzeptierte meine Entwicklung leider nicht, die ich während meiner Studienzeit an einem anderen Ort einfach automatisch durchlebte. Ich ging immer offen damit um, dass ich nicht an den Wohnort meiner Eltern zurückgehen werde.

Für meine beste Freundin war das inakzeptal, was erste Risse in unsere Freundschaft brachte. Aus meiner Sicht funktionieren auch Freundschaften über Distanz. Ich habe viele dieser Freundschaften, vor allem durch das Studium, Briefe und Twitter. Es ist schade, dass ich diese Menschen nicht jeden Monat sehen kann, aber ich halte die Kontakte über andere Wege und freue mich, wenn dann doch ein Treffen zustande kommt. Ich registrierte jedoch, dass meine beste Freundin damit Probleme hatte. Sie redete auf mich ein, dass ich nach dem Studium zurückkommen soll, aber für mich gab und gibt es diese Option nicht.

Dann ging es im letzten Jahr sehr schnell für mich; ich geriet in die „Identitätskrise“ und hatte sehr bald die Vermutung, dass auch die Depression zurückgekehrt ist. Meine beste Freundin versuchte mich täglich anzurufen und ich schrieb ihr täglich, dass ich nicht telefonieren kann und in einem schlechten Zustand bin. Ich bat sie um Ruhe und Zeit. Sie rief weiterhin mehrmals am Tag an und schickte mir irgendwann eine Sprachnachricht, in der sie mich mit Anschuldigungen und Vorwürfen überhäufte. Damals rief ich zum ersten und bisher letzten Mal bei der Telefonseelsorge an, weil ich mit den Anschuldigungen in meinem depressiven Zustand nicht gut umgehen konnte. Ich war am Ende. Ich hatte mir Verständnis und Zeit erhofft, stattdessen erhielt ich weiteren Kummer. Es hat mich sehr verletzt von dem Menschen in Stich gelassen zu werden, den ich seit mehr als vier Jahren als beste Freundin bezeichnete.

Die Freundschaft hat nicht mehr die Bedeutung für dich, die sie einmal hatte. Das siehst jedoch nur du so. Dein Freund sieht das genau anders. Aber für dich fühlt sie sich an wie Ballast, weil die Zeit, die du diesem Menschen schenken würdest, zu wertvoll für dich ist, als dass du sie mit ihm verbringen möchtest.
Bettina Hielscher

Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Meine beste Freundin tat so, als würde ich mir die Depression einbilden und machte mir Vorwürfe. Ich zweifelte sehr an mir und entschuldigte mich Ende des Jahres sogar, weil ich die Freundschaft nicht verlieren wollte. Als wir uns einige Zeit später bei meinen Eltern trafen, fand ich jedoch keine Verbindung mehr zu ihr. Sie war lustig und albern wie immer und ich wusste, dass sie mich nur in meinem lustigen und albernen Zustand mochte. Sie mochte aber die andere Seite an mir nicht; die ernste und nachdenkliche Seite. Mir fiel auf, dass wir nie über ernste oder tiefsinnige Themen sprachen. Es erschien mir, als befänden wir uns inzwischen auf zwei verschiedenen Wegen. Als ich ihr später schrieb, dass ich ein Erstgespräch bei einer Therapeutin habe, fragte sie nur: „Wieso das denn? Du brauchst doch keine Therapie!“

Am Anfang hatte ich deswegen große Angst, anderen Menschen von meiner Therapie zu erzählen. Ich weiß es gibt Leute, die verschweigen ihre Therapie, und für manche mag das ein guter Weg sein. Für mich ist die Therapie aber im Moment ein essenzieller Teil meines Lebens. Ich erzähle nicht viel darüber, was in der Therapie selbst geschieht; aber ich möchte trotzdem das mir wichtige Menschen wissen, dass das gerade mein Thema ist.

Es gibt gute und es gibt sehr schlechte Tage. An den guten Tagen bin ich noch immer gerne albern und scherze herum, aber an den schlechten Tagen brauche ich Verständnis und Zeit. Dann bin ich froh, wenn Menschen um meine derzeitige Arbeit in der Therapie wissen und mit Verständnis und Rücksicht reagieren. Und in diesen Momenten fällt mir nur umso stärker auf, dass meine beste Freundin das nicht konnte, obwohl andere Freunde von mir sehrwohl dazu in der Lage sind. Ich habe sogar gemerkt, dass einige mir gleichfalls ihr Herz ausschütten und von ihren Problemen und Schwierigkeiten berichten. Ich habe gemerkt, dass man sich sogar gegenseitig ein Stück weit aufbauen und Hoffnung geben kann. Und wenn es ’nur‘ durch sich gegenzeitig Zeit und Verständnis geben ist. Ohne Erwartungen, ohne Druck, ohne Vorwürfe. Selbst wenn wir nicht Tür an Tür wohnen, so zumindest Herz an Herz.

Dann solltest du diese Beziehung loslassen und die Freundschaft beenden, um dein Herz leichter zu machen und um Platz zu schaffen, für neue Beziehungen, die dich brauchen oder die du brauchst. Oder um andere Freundschaften intensiver zu pflegen.
Bettina Hielscher

Freundschaften sind mir wichtig, genau wie mir auch Freiräume wichtig sind. Ich brauche Kontakte, aber ich brauche auch Ruhephasen und Abstand. Es ist mir wichtig in Kontakt zu bleiben, aber jeder Mensch hat natürlich auch noch andere Bereiche in seinem Leben. Und ich brauche Menschen, mit denen ich lachen und albern sein, aber auch schweigen und tiefsinnig sein darf.

3 Kommentare zu „Freundschaften

  1. Es überrascht Dich wohl kaum, wenn ich Dir schreibe, dass sich unsere Kindergarten- und Schulerfahrungen so gleichen. Ich kann mich überhaupt kaum an die Kindergartenzeit erinnern. In der Grundschule gab es zwar „Kumpel“, aber unsere Interessen entwickelten sich später auseinander, weil ich während der Pubertät nicht die klassischen Jungen-Themen hatte, sondern lieber Bücher las. Wobei ich mir bis heute mit der Definition von Freundschaft schwertue. Kann man mit jedem Freund über alle Themen reden? Wohl eher nicht. Mit Wanderfreunden ist das wieder anders als bei anderen Freunden. Richtige Schulfreunde hatte ich keine. Gegenseitige Wertschätzung gab es erst, nachdem ich Internetzugang hatte (ab 2002), daraus sind zwei Freundschaften erhalten geblieben. Ein dritter hat sich leider umgebracht. Das war zugleich auch meine erste direkte Berührung mit dem Tod in meiner „virtuellen Nähe“. Die Reaktion auf mein Autismus-Outing war dann doch erstaunlich: Die Wanderfreunde haben das sofort akzeptiert/respektiert, konnten es sich sogar gut vorstellen, wobei ich zumindest einen in Verdacht habe, selbst Autist zu sein, und der zweite Frau/Tochter mit Asperger hat. Wir dachten also ähnlich, und deswegen war es nicht so verwunderlich. Mit den „Nicht-„Wanderfreunden und damaligen Kollegen war es viel schwieriger, sie waren nicht überzeugt und ich hatte eher das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, was mich enttäuscht hat. Bis heute ist es für mich schwierig, mit ihnen über meinen Autismus zu reden. Dabei gehört der eben dazu und ich rede so extrem selten außerhalb Blog/Twitter darüber. Eine Freundschaft muss das aushalten können. Man soll die Hoffnung aber nicht aufgeben. Auch bei Freunden verändern sich die Blickwinkel durch persönliche Erfahrungen.

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    1. Ich habe tatsächlich während des Schreibens darüber nachgedacht, ob ich noch eine Definition von Freundschaft einfüge. Die gängigen Definitionen im Internet klingen auch nicht schlecht, aber irgendwie sind sie dennoch Einheitsbrei und ich glaube, ganz so leicht lassen sich Freundschaften auch gar nicht definieren. Natürlich spielen Sympathie und Vertrauen eine Rolle, aber aus meiner Sicht gibt es noch viele anderen Faktoren. Ich glaube auch nicht, dass man mit jedem Freund über alles reden kann. Das ist ein Punkt, der mich lange darüber nachdenken ließ, ob es nicht doch noch eine Chance für meine „beste Freundin“ und mich gibt. Doch dann kam der Punkt hinzu, der bei den Definitionen so oft erwähnt wird: Vertrauen; beziehungsweise im Fall meiner ehemaligen besten Freundin das fehlende Vertrauen. Ich glaube man kann nicht mit jedem Freund über alles sprechen, weil nicht jeder die gleichen Erfahrungen und Interessen und Persönlichkeitsmerkmale mitbringt. Die Menschen, die ich Freunde nenne, wissen inzwischen alle von meinem Autismus, aber auch hier gab es ganz unterschiedliche Reaktionen. Viele können es erstmal nicht glauben, weil sie das ‚typische Klischeebild‘ eines Autisten im Kopf haben. Einer Freundin, die erst meine Brieffreundin war, wurde das Ausmaß erst bewusst, als ich bei unserem zweiten Treffen im Overload und Shutdown war. Es ist auch für mich schwierig darüber zu reden. Viele kennen sich mit dem Thema ja auch nicht aus und ich bin oft unsicher, ob sie Interesse daran haben. Manchen ist auch nicht bewusst, wie viel Platz der Autismus im eigenen Leben einnimmt. Für uns ist er ja immer da, wir sind in jeglicher Situation unseres Lebens autistisch, bei jedem Schritt den wir gehen. Andere sehen eher, dass wir von Außen recht ’normal‘ erscheinen und nehmen deswegen gar nicht wahr, dass der Autismus eben das ganze Leben beeinflusst. Mal mehr und mal weniger. Aber irgendwie schweife ich gerade ab.

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