Entscheidungen

Es sind nicht unsere Fähigkeiten, die zeigen wer wir wirklich sind, sondern unsere Entscheidungen.
Harry Potter und die Kammer des Schreckens

Ich bin angekommen am Tiefpunkt meiner Depression. In den letzten Tagen habe ich mich mit Filmen abgelenkt, um nicht auf falsche Gedanken zu kommen und den negativen Gefühlen aus dem Weg zu gehen. Ich befürchte, auf Dauer werden mir nur Veränderungen in meinem Leben helfen. Es wird also Zeit für Entscheidungen.

Nach einem tiefen Atemzug und einem schweren Seufzer habe ich meiner Mitbewohnerin geschrieben, dass ich sie vermisse, zur gleichen Zeit aber auch das zweite Zimmer brauche. Dort befinden sich noch immer ihre Sachen. Es ist der Grund dafür, dass ich keine Leute zum Kaffee oder für einen längeren Besuch einladen kann. Ich sehne mich nach einem getrennten Schlaf und Wohnbereich. Außerdem führt das Fehlen des zweiten Zimmers zur weiteren Isolation. Ich war nervös, aber sie antwortete mir, dass auch sie einen Brief mit dem gleichen Thema an mich abgeschickt hätte. Wir einigten uns freundschaftlich und es sieht so aus, als würde sie ihre letzten Sachen im Januar abholen.

Es tut nicht gut, wenn du nur deinen Träumen nachhängst und vergisst zu leben.
Harry Potter und der Stein der Weisen

Keinesfalls leichter war der Schritt, meine zwei bestehenden Accounts bei Twitter zu löschen. Ich verspürte plötzlich dieses Verlangen, so dass ich entschied, auch keine große Abkündigung zu starten. Natürlich weiß ich, dass mein Account am Anfang des Jahres schon einmal gelöscht war, ich den Weg aber ziemlich schnell wieder zurück zu Twitter fand. Ich will deswegen kein großes Theater darum machen, auch wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt keinen Rückgang mehr für mich sehe. Ich glaube, dass meine eigenen Bedürfnisse sich in den letzten Wochen und Monaten verändert haben. Und diese Bedürfnisse passen nicht mehr zu der Plattform.

Jeder nutzt soziale Netzwerke auf seine ganz eigene Weise. Für mich war Twitter immer eher wie mein Tagebuch. Ein Tagebuch, dass mir Antworten gab und mich mit Menschen zusammenbrachte, die ähnliche Ansichten und Erfahrungen und Schwierigkeiten wie ich haben. Dieses Tagebuch lebte durch den Austausch, aber es kostete auch sehr viel Energie. Ich genoss die Anonymität. Genau diese Anonymität ist es jedoch, die mir in der letzten Zeit sehr zu schaffen machte.

Meine Therapeutin sagte in der letzten Sitzung jedoch etwas, dass mich sehr zum Nachdenken animierte. Es ging eigentlich um eine Familiensituation, die sich aus meiner Sicht aber leicht übertragen lässt. „Wenn Sie immer wieder in diese Situation hineingehen, dann zertrampeln Sie ständig das kleine Pflänzlein des Selbstwertgefühls, dass Sie mühsam pflegen und großzuziehen versuchen.“ Twitter hat mich in der letzten Zeit sehr einsam gemacht, wofür die Menschen dort nichts können. Die Sozialkontakte sind nur sehr weit weg; und ich meine noch nicht einmal die räumliche Distanz. Ich meine damit die Anonymität. Nur wenige kennen meinen Namen, mein Aussehen, meinen Wohnort, meine Art des Sprechens. Immer wenn ich Twitter öffnete, fühlte ich mich am Ende noch einsamer. Früher war das nie so, aber meine Bedürfnisse haben sich eben verändert.

Aber glaubt mir, dass man Glück und Zuversicht selbst in Zeiten der Dunkelheit zu finden vermag. Man darf bloß nicht vergessen ein Licht leuchten zu lassen.
Harry Potter und der Gefangene von Askaban

Meine Therapeutin gab mir auch wieder eine Aufgabe, aber ich habe beschlossen, dass ich diese Aufgabe nicht erledigen werde. Es klingt fast schon rebellisch, doch ich glaube, ich sollte nicht so viele Aufgaben schriftlich lösen. Ich habe immer viel geschrieben und das Schreiben gehört zu meinem Leben. Das Problem ist nur, dass ich mit dem Sprechen beginnen muss. Ich hatte diese Erkenntnis bereits vor fast einem Jahr, nämlich am letzten Silvestertag. Damals sprach ich mit dem Mann meiner Oma. Dieses Gespräch brachte mir wesentlich mehr, als es das Schreiben bisher vermochte. Ich muss anfangen zu reden, denn sonst ersticke ich an den Worten.

Außerdem brauche ich unbedingt einen Job, aber diese Baustelle zieht sich gerade in die Länge. Es macht mir auch alles wahnsinnige Angst und es gibt Tage, an denen sehe ich einfach keine Zukunft für mich. Ich weiß, dass dann die Depression aus mir spricht, aber sie hat halt manchmal eine wahnsinnig laute Stimme. Ich weiß nicht, wie ich alles in den Griff bekommen soll, aber ich kämpfe mich mit einem Ninjaschwert durch das Dickicht und versuchte mit meinen letzten Kraftreserven Wege zu finden.

Meine Therapeutin hat in einer der Sitzungen mal ein Sinnbild erschaffen, dass ich seit diesem Augenblick gerne nutze. In dieser Sitzung damals konnte ich kaum ein Wort sprechen und meine Therapeutin sagte, dass sie vor einer verschlossenen Tür bei mir steht. Vor kurzem sagte ich ihr, dass ein Teil von mir die Tür bewacht hätte. In der letzten Stunde war ich dann wieder ruhig und fand keine Worte, aber dieses Mal saß ich verzweifelt mit dem Rücken zur Tür und wollte keinen Menschen hereinlassen, weil mein Leben chaotisch war. Und dann gibt es noch die Momente, wo ich die Türe öffne und vorsichtig hinaussehe. Ich glaube, dass das in Wahrheit auch mein größtes Bedürfnis ist. Ich möchte meine Türe öffnen und Menschen hineinlassen, damit sie an meinem Leben teilnehmen und ich im Gegenzug auch an ihrem Leben teilhaben kann.

Ich hab noch keine Ahnung, wie mir all das gelingen wird, aber ein anderes Leben möchte ich nicht mehr. Ich muss meine Türe öffnen und reden; und ich muss Menschen finden, die bereit für meine geöffnete Türe sind. In erster Linie muss ich jedoch erst einmal selbst bereit sein…

2 Kommentare zu „Entscheidungen

  1. Ich hatte mich schon etwas gewundert, als ich bemerkt hab, dass du von Twitter verschwunden warst. Keinen Ninja mehr auf Twitter zu haben, ist natürlich schade, aber wohl auch besser so, wenn es dir ohne besser geht.
    Auch wenn wir damit wohl nicht mehr so oft schreiben werden, schicke ich Kraft und Flausch für den Weiterweg – auch ein Ninja braucht Wegzehrung 😉
    Und ich wünsche dir, dass „Tiefpunkt“ auch andersherum bedeutet, dass es von dort aus nicht nur nur nach oben gehen kann, sondern es das auch tatsächlich tut.

    Gefällt 3 Personen

  2. Wow! Das ist ein starker Text. Man spürt beim Lesen die Aufbruchstimmung, man spürt Deine Überlegungen, Deine Gedanken, die Du Dir um Dein weiteres Leben machst. Ich lese ja schon recht lange Deine Beiträge, aber dieser starke Wille nach Veränderung, diese selbstbewusste Zuversicht, das habe ich so kräftig bisher noch nicht wahrgenommen.

    Auch in den letzten Beiträgen klang schon an, daß Du gerade einen großen Umbruch in Deinem Leben einleitest, daß Du bereit bist für Veränderungen, selbst wenn Du den weiteren Weg noch gar nicht richtig überblicken kannst. Du erwähnst das Sprechen, Du schreibst über Menschen in Deinem Leben, Du denkst nach über Sexualität.

    Ich habe neulich woanders auch etwas dazu kommentiert:
    https://yowriterblog.wordpress.com/2016/10/02/bodenhaltung/

    Du hast Dir einiges vorgenommen. Es wird Dich Kraft kosten, es wird vermutlich auch Rückschläge geben. Aber es lohnt sich. Du wirst Deinen Weg gehen, und es wird für Dich passen. Du hörst auf Dein Herz und Deinen Verstand, Du machst das, was für Dich persönlich am Besten ist (das hört man aus Deinem Text ganz deutlich heraus), und dann ist es auch der richtige Weg für Dich.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s