Schwermut

In der letzten Nacht habe ich einen Blogbeitrag geschrieben, weil ich meinen Gedanken dringend einen Raum geben musste. Ich wusste, dass ich den Beitrag am Morgen wieder löschen würde. In der Stille der Nacht überfallen mich die negativen Gefühle. Jede noch so winzige Kleinigkeit bringt mich aus dem Konzept. Beispielsweise der Kuchen, den ich für eine heutige Veranstaltung backen sollte. Ich wusste von Anfang an nicht, woher ich die Energie nehmen sollte; und dann ist mir der Kuchen auch noch missglückt. Ich wäre zuhause geblieben, aber dann hätte ich eine mir wichtige Person enttäuscht.

Es gibt viele widersprüchliche Gefühle in mir. Ich sehne mich nach einer Umarmung und Verständnis, obwohl ich gleichzeitig Probleme mit Nähe habe und mich einer Umarmung nicht einmal wert genug fühle. In der vorletzten Therapiestunde weinte ich, weil ich solche Sehnsucht nach meiner Oma hatte und mich auf den Besuch am Ende des Jahres freute. Doch noch am gleichen Tag kam ein Anruf meiner Oma, der mir redensartlich den Boden unter den Füßen wegzog. Auf ihre Frage nach meinem Zustand antwortete ich mit der Wahrheit, aber das war ein großer Fehler. Meine Oma meinte daraufhin nur, dass ihre Freundin einen Knoten in der Brust hat. Ich war sprachlos und fühlte mich schrecklich, was meine Oma kommentierte mit: „Nach dieser Nachricht geht es dir direkt besser, oder?“

Natürlich ging es mir nach dieser Nachricht nicht besser, denn ich mag diese Freundin meiner Oma sehr. Nun fühlte ich mich noch furchtbarer, als würde ich mich mit meiner Depression bloß anstellen. Doch meine Oma hörte nicht auf: „Du solltest eine Runde mit deinem Hund spazieren gehen, die frische Luft wird dir helfen und dann ist die Depression auch wieder weg.“ Noch immer war ich sprachlos, als meine Oma dann noch sagte: „Du kannst dich aber natürlich auch weiter in deinem Zustand suhlen.“ Und zurück bleibt in mir die Angst, dass alle Menschen so über mich denken. Meine Eltern sagen, dass meine Oma das nicht so meint. Meine Oma sagt, sie verstehe meinen Zustand nicht. Ich verstehe wiederum meine Oma nicht; und meiner Therapeutin konnte ich nichts davon erzählen, weil ich in der Woche zuvor doch so von meiner Oma geschwärmt habe.

Also lebe ich mit dem Gefühl des Versagens. Es ist, als hätte ich einfach keine Umarmung verdient. Im Chor stichelt zeitgleich eine Person, weil ich kein Fleisch esse, keinen Job habe, und dieser Umstand mit meinen Qualifikationen doch traurig sei. Und ich kann mit niemandem reden, weil ich keinen Menschen belasten möchte. Manchmal mag ich auch meine Therapeutin nicht damit belasten, was sich vielleicht jeglicher Logik entzieht, aber ich fühle mich nicht, als hätte ich ein Recht dazu. Ich sehe mich auch nicht als wertvoll genug, um anderen Menschen meine Probleme oder Sorgen aufzudrängen. Ich wüsste auch gar nicht, wie das funktioniert, wo da die Grenzen sind. Und ich hab auch keine Energie mehr mir anzuhören, was für ein schrecklicher oder undankbarer oder wasauchimmer Mensch ich bin.

Meine Therapeutin sagt, dass ich es trotzdem schaffen kann. Mich selbst zu akzeptieren, wert zu schätzen und zu lieben. Und ich habe Zweifel. Nicht in jeder Minute meines Lebens, aber in der Stille der Nacht. Denn da ist keine Umarmung, aber da sind Menschen, die weiter Druck ausüben. Vielleicht hat meine Therapeutin auch Recht und ich lasse immer wieder auf der zarten Pflanze meines Selbstwertgefühls herumtreten; aber in Momenten wie diesem trete ich auch selbst darauf. Weil ich so viele Dinge nicht schaffe und mich nicht traue, verständnisvollere Menschen anzusprechen. Und Mut allein würde auch nicht helfen, weil ich keine Ahnung habe, wie dieses Ansprechen überhaupt funktioniert. Und immer wieder die Angst, dass ich Grenzen überschreite oder abgelehnt werde.

Und dann schreibe ich mit Menschen und immer bin ich diejenige, die es plötzlich einige Tage nicht schafft, eine Antwort zu geben. Und dann schäme ich mich. Und zerstöre eventuell wieder Kontakte. Ein ewiger Kreislauf. Ich verstehe nicht, wie das alles funktioniert; und am Ende des Tages bin ich diejenige ohne Funktion. Es fühlt sich an, als stünde ich vor einem hohen Berg, aber die Mauern sind viel zu glatt. Ich versuche den Aufstieg, aber ich rutsche immer wieder an den Wänden ab.

Und jetzt bade ich auch noch hier in Selbstmitleid. Und lösche den Beitrag und stelle ihn wieder online und lösche ihn wieder. Weil ich mich schäme am Ende zu sein. So sehr schäme.

3 Kommentare zu „Schwermut

  1. Auch wenn Du in der Woche zuvor so von Deiner Oma geschwärmt hast, kannst Du ihr davon erzählen, was passiert ist und wie Du aktuell empfindest.

    Eine Therapeutin ist ja kein Freundin, mit der man sich zum gegenseitigen Gedankenaustausch trifft, und vor der man sich von seiner besten Seite zeigt. Sondern sie ist eine bezahlte Fachkraft. Deine Therapeutin ist dazu da, sich anzuhören, was Dich bewegt. Sie ist dazu professionell ausgebildet, sie ist zu Geheimhaltung verpflichtet. Es ist ihre Aufgabe, sich um Dich zu kümmern. Dafür wird sie bezahlt. Das ist ihr Beruf.

    Ich weiß, daß es schwierig ist, sich zu artikulieren und zu offenbaren, wenn sich Sachverhalte verändert haben, die man noch kurz vorher höchst emotional vertreten hat. Man möchte konsistent bleiben, das „Gesicht wahren“. Ich selbst erliege diesem Drang auch immer wieder. Zu anderen dagegen kann ich sagen: Mach das nicht! Erzähle, was Dir auf der Seele brennt!

    Gefällt 2 Personen

  2. Mir gehen die geschilderten Äußerungen Deiner Oma noch durch den Kopf. Ich glaube, daß es sich um ein Generationenproblem handelt. Deine Oma ist in einer Generation aufgewachsen, in der man Depressionen nicht ernstgenommen hat. Da hat man gesagt „Stell Dich nicht so an, die Sonne scheint doch!“. Über Sachverhalte wie Autismus oder Exekutive Dysfunktion hat man sich gar keine Gedanken gemacht, deshalb existieren es diese Sachen in der Realität der älteren Generation nicht.

    Hinzu kommt, daß man, wenn man älter wird, merkt, wie die Zeit wegläuft. Andere Menschen in demselben Alter werden körperlich krank oder sterben sogar („Die Einschläge kommen näher“). Man merkt, daß man nicht mehr so viel Lebenszeit vor sich hat wie es früher mal war. Man genießt jeden Moment, in dem man noch körperlich rüstig ist und etwas unternehmen kann.

    Da ist man der Natur dankbar, daß man selbst noch nicht gestorben ist. Da ist man dankbar, daß man selbst nicht den Knoten in der Brust hat. Natürlich bedauert man diejenigen, denen es schlechter geht, aber man freut sich, wenn es einem selbst im Vergleich noch gut geht – weil man weiß, daß dieser Zustand nicht ewig anhalten wird. Weil man immer mehr merkt, daß das Leben endlich ist.

    In der Situation ist Deine Oma. Sie freut sich, daß sie noch lebt und daß sie gesund ist. Nun erzählt ihre Enkelin ihr von Problemen, die in ihrer Realität gar nicht existieren (aufgrund ihrer Generation, siehe oben). Und dann denkt sich Deine Oma: „Meine Enkelin ist körperlich voll gesund. Sie soll sich doch freuen, daß sie noch so viele Lebensjahrzehnte vor sich hat. Wenn sie erst mal alt ist, dann ist die Zeit abgelaufen. Lebenszeit kommt nicht zurück“.

    Deswegen glaube ich durchaus, daß Deine Oma Dich liebt und daß sie Dir helfen will. Sie lebt lediglich in einer anderen Welt. Sie lebt in einer Welt, in der unsichtbare Behinderungen (wie etwa Depressionen) nicht existieren. Sie lebt in einer Welt, in der jeder Mensch, der körperlich gesund ist, diesen Zustand als Geschenk ansehen und das Leben genießen sollte.

    Du schreibst „Zurück bleibt in mir die Angst, daß alle Menschen so über mich denken“. Ich glaube nicht, daß Deine Oma schlecht über Dich denkt. Deine Oma will Dir helfen. Deine Oma will Dir sagen, daß das Leben schön ist. Aber weil sie in einer anderen Realität lebt, findet sie dafür nicht die richtige Worte.

    Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s