Introversion

Introversion ist ein Thema, bei dem ich redensartlich zur Löwin werde und einen enormen Kampfgeist entwickle. Gemerkt habe ich das wieder am vergangenen Dienstag, als ich gemeinsam mit drei anderen Menschen bei einer Dame aus dem Chor zum Neujahrskaffee eingeladen war. Da ich weder Sekt noch Kaffee trinke, gab es für mich zum Glück einen Orangensaft. Außerdem wurden reichlich Kuchen und Schnittchen gereicht, so dass wir uns am Abend fast nach Hause kugeln konnten. Es machte mich sehr glücklich, dass ich von der Gastgeberin eingeladen wurde, denn ich kann nicht nur sie gut leiden, sondern auch die anderen an dem Tag anwesendenden Personen. So war es eine nette und freundliche Runde.

Am späten Nachmittag kam das Gespräch dann auf introvertierte Menschen, weil die Enkeltochter der Gastgeberin wohl ein sehr in sich gekehrter und ruhiger Mensch ist. Es wurde darüber gerätselt, wie eine introvertierte zu einer extravertierten Person werden kann. Aufgrund von Müdigkeit und Kopfschmerzen war ich an dem Nachmittag etwas stiller, aber bei dem Thema spitzten sich meine Ohren. Ich war nicht die Einzige introvertierte und etwas andersartige Person in dieser Runde. Die Mitbewohnerin von einer weiteren Dame aus dem Chor war ebenfalls eingeladen, mit der ich in der Vergangenheit schon häufiger einer Meinung war. Aus meiner Sicht ist sie eine äußerst intelligente Frau.

Ich habe leider das Gefühl, dass diese Frau sehr unterschätzt wird; hauptsächlich aufgrund ihrer bipolaren Störung und Introversion. Aus diesem Grund mag ich nach wie vor keine Stigmatisierungen. Ich finde es unfair, dass sie aufgrund ihrer Erkrankung häufig in Schubladen gesteckt wird, obwohl sie sehr viele weise Worte von sich gibt. Sie macht keinen Unterschied zwischen den Menschen, zeigt eine hohe Toleranz und spricht sehr viel von den Ungerechtigkeiten auf dieser Welt. Natürlich lebe ich nicht täglich mit ihr zusammen und ich kann mir vorstellen, dass das Zusammenleben mit ihr auch nicht immer einfach ist; aber ich lausche gerne ihren Worten und Ansichten, weil sie Menschen nicht vorschnell in Schubladen steckt und die Welt redensartlich mit anderen Augen sieht.

Wie dem auch sei; es wurde auf jeden Fall über die Enkeltochter der Gastgeberin und ihre Introversion gesprochen. Die Gastgeberin meinte, dass sie ihr Tipps geben würde, denn Extraversion sei doch wesentlich erstrebenswerter und besser für einen Menschen. Das war der Moment, an dem ich meine Gedanken nicht mehr für mich behalten konnte. Ich zählte die Vorteile der Introversion auf und meinte, dass introvertierte Menschen genau wie extravertierte Menschen ihren Platz auf der Welt haben dürfen. Introversion sei schließlich kein Verbrechen.

Aber, sagte die Gastgeberin nun, ihre Enkeltochter sei doch so unglücklich über diesen Zustand, da müsse sie doch etwas an ihrem Verhalten ändern. Ich wiederum fragte, ob die Enkeltochter unglücklich über ihre Introversion sei oder unglücklich darüber, dass andere Menschen sie nicht auf ihre Art und Weise akzeptieren. Natürlich stellte sich heraus, dass es mal wieder um die Intoleranz der anderen Menschen ging. Etwas, dass mich inzwischen schon seit Jahren sehr traurig macht. Natürlich habe ich mir selbst auch schon gewünscht, dass ich etwas mehr aus mir herauskommen könnte, aber im Großen und Ganzen machen mich die Intoleranz und die herablassenden Verhaltensweisen mancher Menschen viel verzweifelter.

Zu oft habe ich erlebt, dass ich aufgrund meiner introvertierten Art nicht ernst genommen oder unterschätzt wurde. Als wären meine Meinungen und Ansichten weniger wert, weil ich sie nicht laut in die Welt hinausbrülle. Und trotzdem hat dies auch seine guten Seiten. Manche Leute lassen mich deswegen redensartlich links liegen, schenken mir keinerlei Beachtung; aber einige Menschen werden gerade deswegen erst auf mich aufmerksam und hören mir zu.

Eine äußerst introvertierte Freundin von mir bekam im Studium von einem Professor sogar zu hören, dass sie mit ihrer zurückhaltenden und stummen Art sicher niemals einen Job finden könnte. Sie solle sich doch ändern, mehr an ihren Verhaltensweisen arbeiten. Sie war übrigens keinen einzigen Tag nach dem Studium arbeitslos, ganz im Gegenteil. Für mich zeigt dieses Beispiel aber, wie sehr introvertierte Menschen manchmal unterschätzt werden.

Ich finde Extraversion für mich persönlich gar nicht mehr erstrebenswert, sondern möchte mich nur noch auf meine Weise akzeptieren. Ich mag aber sowohl introvertierte als auch extravertierte Menschen. Mit introvertierten Personen kann ich mich oft besser identifizieren, finde schnell gemeinsame Themen. Extravertierte Menschen mag ich hingegen, weil sie mich oft aus meinem Schneckenhaus kitzeln können und die Welt für einen Moment etwas lauter und bunter machen. Es gibt sogar extravertierte Menschen, die einen Funken von Extraversion in mir auslösen können. Mein bester Jugendfreund war einer dieser Menschen; mit ihm zusammen hätte ich sprichwörtlich Pferde stehlen können.

Wichtig ist für mich nur, dass jeder Mensch auf seine Art akzeptiert wird. Ein introvertierter Mensch muss nicht extravertiert werden, es sei denn, es liegt in seinem Bestreben. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich bin gerne introvertiert. Ich mag es mit Menschen zusammen zu sein, mit Leuten etwas zu unternehmen; aber ich bin auch froh, wenn ich danach wieder meine Ruhe habe und Interessen nachgehen kann, die nicht in Verbindung mit anderen Menschen stehen. Ich liebe es zu schreiben, zu zeichnen oder mich auf mein Sofa zurückzuziehen und ein Buch zu lesen. Je mehr ich mit Menschen in Kontakt war, desto mehr Zeit brauche ich am Ende einfach für mich selbst.

Gemerkt habe ich das übrigens direkt zu Beginn des Jahres. Nach den sechszehn Tagen bei meiner Großmutter, nach den zwei Tagen mit meinen Eltern und den zwei Tagen mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin und ihrer Mutter, schätze ich, dass ich in einer Art von übergroßem Overload war. Ich war gestresst, müde, erschöpft und hatte wahnsinnige Kopfschmerzen. Nachdem ich nun ein paar Tage für mich allein hatte, geht es mir allmählich besser und die Kopfschmerzen lassen nach.

Was ich einfach nur sagen möchte, ist: Es ist in Ordnung introvertiert zu sein. Introversion ist kein Verbrechen, keine Schande, keine Schwäche. Ruhepausen sind wichtig. Zeit für sich alleine zu haben ist wichtig. Akzeptanz ist wichtig. Selbstliebe ist wichtig. Und Menschen sind wichtig, die einen mit der Introversion mögen.

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