Auditive Wahrnehmungsstörung

Schon Anfang des letzten Jahres wollte ich einen Beitrag zum Thema schreiben, weil mich die Informationen darüber sehr berührt haben. Vor allem im Studium habe ich manchmal an meinem Verstand und meiner Intelligenz gezweifelt, weil ich den Professoren und Dozenten häufig nicht folgen konnte. Es kam nicht selten vor, dass neben mir sitzende Kommilitonen mich fragten, was die Lehrperson soeben gesagt hat, und ich darauf einfach keine Antwort geben konnte. Eine sehr, sehr unangenehme Situation. Ich versuchte immer aufmerksam zu sein, aber es war, als käme das Gesagte einfach nicht an mich heran. Die Konsequenz daraus war, dass ich den Stoff häufig zuhause richtig wiederholen musste, weil ich in den Vorlesungen selbst meist nicht viel lernte.

Am Anfang überlegte ich tatsächlich, ob ich nicht intelligent genug für die Hochschule sei, dann grübelte ich darüber nach, ob die Themen einfach nicht mein Interesse weckten. Die Lösung schien das jedoch nicht zu sein, denn beim Lernen daheim am Schreibtisch verstand ich die Inhalte und fand die Themen auch interessant. Es änderte nur nichts daran, dass ich während der Vorlesungen kaum etwas mitbekam. Immer wieder lauschte ich den Worten der Lehrbeauftragten, aber nach wenigen Minuten schon stellte ich fest, dass ich wieder kaum ein Wort mitbekommen hatte. Selbst wenn ich die Worte hörte, konnte ich sie schon wenige Sekunden später nicht mehr wiederholen und musste meinen Kommilitonen somit sagen, dass ich ihnen keine Hilfe bin.

Bereits in der Grundschule saß ich meist in der ersten Reihe, weil ich dem Unterricht dann besser folgen konnte als in der letzten Reihe. Unruhige Kinder, das Rascheln von Papier, schleifende Schuhsohlen auf dem Boden, das Schmatzen mit einem Kaugummi; das geringste Störgeräusch lenkte mich vom Unterricht ab.

Was mir in meiner Berufsschulzeit auffiel, war, dass andere Menschen den Inhalt des Unterrichts wiedergeben konnten. Die Lehrerin erklärte einen Sachverhalt, stellte eine Frage, und ein Mitschüler oder eine Mitschülerin meldete sich und wiederholte diesen Sachverhalt mit den eigenen Worten. Ich hatte diese Fähigkeit noch nie; ich kann den Inhalt erst wiedergeben, wenn ich den Sachverhalt zuhause noch einmal gelesen und nachgeschlagen habe. Auch das finde ich in den Beschreibungen zur auditiven Wahrnehmungsstörung, nämlich eine verminderte Merkfähigkeit akustisch vermittelter Informationen. Es erklärt auch, weshalb ich während meines Studiums kaum etwas in den Vorlesungen lernte, mich in den eigenen vier Wänden aber gut auf Klausuren vorbereiten konnte.

Ich kann mich auf nichts konzentrieren, sobald ich etwas höre oder Bewegungen um mich sind. Das war schon in meiner Kindheit so und hat mir in der Schule schwer zu schaffen gemacht. Wenn ich mir einen Platz in der Klasse aussuchen durfte, wählte ich ihn immer weit vorne. Ich wollte keine anderen Schüler dazwischen haben, die mich ablenkten. Jedes Geräusch und jede Bewegung unterbrachen mich in meinen Gedanken.
Denkmomente

In der Tat sind auch Bewegungen eine große Ablenkungsquelle. Deswegen saß ich in der Grundschule meist nicht nur in der ersten Reihe, sondern möglichst auch abgewandt vom Fenster. Ich weiß noch, wie ich zu Grundschulzeiten einmal minutenlang einen Schornsteinfeger beobachtete, der auf dem gegenüberliegenden Dach lief. Alternativ konnte ich aber auch im Wind wehende Äste oder vorbeiziehende Wolken betrachten.

Schwierig wurde es auch, wenn wir an der Hochschule Gruppenarbeiten machten und ich den Text einer anderen Person lesen und bewerten sollte. Wobei es meist schon reichte, wenn ich den Arbeitsauftrag lesen musste. Ich hatte nur ein einziges Mal das Glück, dass eine Dozentin mir immer zwei Tage vor den Gruppenarbeiten die Unterlagen per Mail zuschickte, damit ich mich in die Materie einlesen konnte. Auf diese Weise wusste ich, was bei der Gruppenarbeit zu erledigen ist, denn ansonsten fühlte ich mich immer wie in einem Haifischbecken. Ich verstand viele Arbeitsaufgaben nicht, weil ich mich nicht auf den Text konzentrieren konnte, weswegen ich natürlich auch nicht dazu in der Lage war mein volles Potenzial zu zeigen.

Das Gleiche gilt für Verträge. Wenige Tage vor dem Beginn meiner damaligen Ausbildung ging ich zur Vertragsunterzeichnung. Der Chef gab mir zwar die Zeit, den Vertrag in Ruhe zu lesen, blieb aber gemeinsam mit zwei anderen Vertragsunterzeichnern im Raum. Ich versuchte den Vertrag so gut wie möglich zu lesen und verstehen, aber in Wahrheit wusste ich nach jeglichem Satz schon nichts mehr von dessen Inhalt und Aussage. Heute weiß ich, dass ich den Vertrag nach Hause hätte mitnehmen und in Ruhe lesen können.

Schlimm war auch, wenn ich in der Schule oder im Studium etwas laut vorlesen musste. Mit dem Vorlesen an sich habe ich keine Probleme, denn ich kann den Text fließend mit lauter Stimme vorbringen. Das Problem war und ist dabei bloß, dass ich mich zur gleichen Zeit nicht auf den Inhalt des Textes konzentrieren kann. Also lese ich ihn zwar perfekt vor, begreife aber kein Wort.

Das Telefonieren ist ein weiteres Problem. Dabei treffen gleich zwei Probleme aufeinander. Zum einen mein Problem mit der spontanen sozialen Interaktion und der Fehlhörigkeit. Ich kann oft nicht angemessen auf Gespräche am Telefon reagieren, sondern rufe eingeübte Reaktionen ab, so dass andere mein Problem nicht bemerken. Nach dem Gespräch fallen mir dann die Antworten ein, die ich gerne gegeben hätte, doch sie waren im Moment des Gesprächs nicht abrufbar. Außerdem mag ich keinen Smalltalk.
Denkmomente

Am Telefon ist es auch für mich besonders schlimm; wobei ich am Mobiltelefon grundsätzlich noch mehr Schwierigkeiten habe als am Festnetzanschluss. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich selbst am Mobiltelefon bin oder mein Gesprächspartner. Es fällt mir extrem schwer, mich auf die Worte zu konzentrieren. Zusätzlich soll ich auch noch spontan reagieren, wobei ich meist weder weiß wann ich an der Reihe bin, noch welche Antworten ich geben kann. Die Situation am Telefon stresst mich extrem. Bei einigen Gesprächen in der letzten Zeit hatte ich dann sogar noch das Problem, dass ich beim Sprechen meine eigene Stimme am Telefonhörer vernahm. Ich hörte mich quasi selbst, was bei mir für Irritation und ein plötzliches Verstummen sorgte.

Als Jugendliche war ich gemeinsam mit meinen Eltern häufiger auf Festen und Besuchen meiner Stieffamilie. Wir saßen an einem großen Tisch, an dem sich mehrere Personen durcheinander unterhielten. Ich saß immer auf meinem Stuhl und starrte ins Leere, weil ich von den Unterhaltungen kein Wort verstand. Egal wie sehr ich mich konzentrierte, ich schnappte immer nur vereinzelnd Wortfetzen auf, während mir die gesamte Unterhaltung verborgen blieb. Das waren sehr anstrengende Besuche. Natürlich wurde ich am Anfang immer gefragt, weshalb ich kein Wort sprach, aber mit der Zeit gewöhnten sich die Menschen daran. Selbst wenn ich einzelne Worte mitteilte, verloren sie sich meist im Raum.

Der Verlust an Energiereserven, um “normal” zu erscheinen, ist für viele schlichtweg nicht erkennbar. Sie wundern sich dann, warum ich nicht ans Telefon gehe, oder selbst anrufe, wenn eine E-Mail offensichtlich nicht ausreicht.
Forscher

Tatsächlich kann ich meine Schwierigkeiten auch ganz gut verstecken; mit der Zeit habe ich eben Strategien erlernt. Manche Situationen meide ich einfach, weil sie für mich Zeitverschwendung sind. So habe ich im Studium auch einige Vorlesungen gar nicht erst besucht, sondern die Zeit daheim am Schreibtisch verbracht. Überhaupt versuche ich beim Lesen und Schreiben eine möglichst ruhige Umgebung zu schaffen, damit ich mich auf die Inhalte konzentrieren kann. Schade finde ich es dennoch manchmal, wie beispielsweise bei Bus- oder Bahnfahrten. Ich sehe dort einige Menschen, die ganz vertieft in ihre Bücher sind; eine tolle Möglichkeit, um die Zeit sinnvoll zu nutzen.

Werbeanzeigen

Ein Kommentar zu „Auditive Wahrnehmungsstörung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s