Klang von fallendem Schnee

Mir war beim Aufwachen heute Morgen bereits bewusst, dass es in der Nacht geschneit haben musste, denn mein Schlafzimmer war merklich runtergekühlt. Noch immer ist es ein glückseeliges Gefühl für mich in einem Bett aufzuwachen, mit meiner neuen großen Steppdecke. Darunter könnten mindestens vier Personen ihren Platz finden, stattdessen genieße ich diesen Luxus für mich ganz alleine. Ich wünsche mir seit vielen Jahren ein Bett mit großer Decke und vielen Kissen; und dieser Wunsch ist jetzt im Januar in Erfüllung gegangen. Für mich ist das purer Luxus. In den letzten Jahren habe ich auf meiner Schlafcouch geschlafen, die zwar überaus gemütlich ist, aber trotzdem nicht mit einer Matratze vergleichbar. Außerdem habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein größeres Bett.

Mein erster Gang führte heute Morgen also zum Fenster, wo mich eine schneebedeckte Straße erwartete. Sofort machte mein Herz einen Hüpfer. Ein genervter Nachbar schob den Schnee mit einer Schaufel auf die Straße, als würde es sich dabei um eine radioaktive Substanz handeln. Ich zog mir schnell andere Kleidung an, denn mein Hund und ich lieben den Schnee. Es gibt kaum etwas Schöneres, als bei der kühlen Luft durch die weiße Landschaft zu wandern.

Ich mag den Klang von fallendem Schnee, das Knautschen unter meinen Schuhsohlen, das sanfte Gefühl von Schnee in meinen Händen. Ganz langsam laufe ich durch die weiße Masse, immer darauf bedacht, dass ich im unbefleckten Schnee gehe. Am liebsten sind mir Wege, auf denen noch kein anderer Mensch gelaufen ist. Alternativ versuche ich nur auf den Stellen zu gehen, auf denen sich keine Fußspuren befinden. Dann lausche ich dem Knautschen und spüre, wie der Schnee unter meinen Schuhen nachgibt. Mein Hund dreht sich währenddessen fragend zu mir um, weil ich plötzlich mehr als das doppelte der Zeit für die Strecke brauche. Ich genieße jeden Schritt. Außerdem versuche ich Muster in den Schnee zu bekommen und stelle mir vor, dass die Menschen sich wundern, die irgendwann nach mir auf dem Weg sind.

Nun befinde ich mich in der siebten Woche ohne Depression. Nach vierzehn Monaten mit Depression mache ich mir jedoch nichts vor; es fühlt sich an, als wäre ich zwar aus der Spirale raus, aber der Weg zurück ist nicht weit. Ich habe festgestellt, dass mein Zustand jedoch nicht mehr so stumpf und grau ist. Und irgendwie scheint das zu bedeuten, dass meine Autismus bedingten Schwierigkeiten wieder einen höheren Stellenwert bekommen. In den letzten Wochen verlasse ich meine Wohnung unter keinen Umständen ohne Kopfhörer. Während meiner depressiven Zeit konnte ich ohne Musik auf den Ohren den Supermarkt hier besuchen, jetzt nehme ich die Stöpsel nur noch zum Bezahlen raus. Ich merke, dass ich wieder viel häufiger im Overload bin und sich dadurch auch die Kopfschmerzen verschlimmern.

Den Höhepunkt hat es vergangenen Samstag erreicht, als ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen war. Eine Person aus dem Chor sagte mir das sie sofort gesehen hat, dass es mir an dem Tag nicht gut ging. Ich war an dem Vormittag in einem overloadähnlichen Zustand und spürte bereits, dass ich keine Energie für andere Menschen habe. Zuerst überlegte ich, ob ich den Geburtstag absage und zuhause bleibe, aber dann raffte ich mich doch auf und ging zum vereinbarten Treffpunkt. Zwei Leute nahmen mich im Auto mit, also die ersten Konversationen. Auf der Geburtstagsfeier selbst waren viele Leute, das Lokal hallte und die Geräuschkulisse war dadurch unbeschreiblich laut. Nach wenigen Minuten verspüre ich bereits Fluchtreflexe, die ich mit aller Kraft unterdrückte. Dann fiel mein Zustand aber einer Dame aus dem Chor auf, die nichts vom Autismus weiß. Ich outete mich, weil ich keine andere Möglichkeit sah. Und war dann überrascht, dass mir sofort eine Mitfahrgelegenheit zurück in meinen Ort angeboten wurde.

Ich hatte nicht mit so viel Verständnis gerechnet und war froh, als ich dann wieder in meiner Wohnung war. Einige Stunden war ich dann wie ausgeknockt, lag einfach nur auf meinem Sofa in vollkommener Stille und ließ die Zeit vergehen. Ich las dann eine Weile in meinem Buch, ehe es mir am Abend wieder besser ging. Meine Wohnung ist eben der ideale Rückzugsort.

Für mich sind „kleine Dinge“ der wahre Luxus, wie mein Bett mit der übergroßen Decke und den kleinen Kuschelkissen. Aber auch meine Wohnung, die seit dem Auszug meiner Mitbewohnerin meine kleine persönliche Höhle geworden ist. Als ich zwanzig Jahre alt war, dachte ich, dass ich vielleicht nie bei meinen Eltern ausziehen würde. Ich wusste nicht, wie mir ein selbstständigen Leben gelingen sollte. Ehrlich gesagt wagte ich nicht einmal, von meiner eigenen Wohnung zu träumen. Ich stehe noch immer jeden Morgen auf, gehe einmal durch die komplette Wohnung und genieße den Anblick. Für mich wird das einfach nicht zur Normalität. Das war schon in meiner vorherigen Wohnung so; jeden Tag nach der Uni habe ich dankbar die Tür hinter mir geschlossen und den Anblick meiner Wohnung in mich aufgesogen.

Luxus ist für mich auch mit meinem Hund durch die Landschaft zu spazieren. Er wird im nächsten Monat schon zehn Jahre alt, rennt aber immer noch manchmal wie ein Junghund durch die Weinberge. Ich genieße den Ausblick, wenn ich oben auf den Hügeln stehe. Schaue über die Dächer des ganzen Ortes; bis hinunter zum Fluss, der bei Sonnenschein wie mit Feenstaub berührt glitzert. Für mich spielt das Wetter keine große Rolle; ich liebe die warmen Sonnenstrahlen in meinem Gesicht, das Knautschen des Schnees, das Prasseln des Regens auf meinem Schirm, und den peitschenden Wind. Wobei ich auch meine Probleme damit habe: Beispielsweise wenn mir die Sonne in den Augen schmerzt oder der Wind mir die Tränen in die Augen treibt.

Es sind viele Kleinigkeiten, die eben meinen Tag bereichern. Genau diese Kleinigkeiten scheinen Menschen jedoch redensartlich schnell aus den Augen zu verlieren, obwohl eben genau diese Kleinigkeiten nicht für jeden Menschen dieser Welt eine Selbstverständlichkeit sind. Morgens in einem Bett aufzuwachen, eine warme Heizung und fließendes Wasser, Kleidung und mein Hund, aber auch das Wetter und die Wunder der Natur. Ich nehme viele dieser Dinge sehr bewusst wahr; vor allem, seitdem ich der Depressionsspirale entflohen bin.

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