#DieMaskeAbnehmen

Meine heutige Therapiestunde begann mit der Frage, welche positiven Ereignisse sich seit der letzten Stunde zugetragen hätten. Meine Antwort darauf war ein langes Schweigen. Dann wurde die Frage anders gestellt, denn nun sollte ich von den negativen Ereignissen berichten. Auch hier war meine Antwort ein Schweigen. Ich hatte genauso einen Blackout, wie ich ihn auch bei mündlichen Prüfungen habe. In meinem Kopf wiederholte ich währenddessen immer die gleichen Phrasen: „Positive Ereignisse. Negative Ereignisse. Positive Ereignisse. Negative Ereignisse. Positive Ereignisse. Negative Ereignisse.“ Ich wiederhole das so lange, bis ich meiner Therapeutin irgendein winziges Zeichen geben kann oder sie wieder das Wort ergreift. Mein winziges Zeichen besteht meist darin, dass ich in ihre Richtung blicke, manchmal versuche ich ein Lächeln. Reagiert sie darauf nicht, wiederhole ich weiterhin in meinem Kopf die Worte.

Zu einer vernünftigen Antwort gelange ich auf diese Weise natürlich nicht. Es ist nicht so, als würde ich das nicht in Betracht ziehen. Allerdings scheinen sich die Worte in meinem Kopf einfach nicht zu sortieren, es reihen sich keine vernünftigen Sätze aneinander. Die Wiederholung der Worte ist das Einzige, was in diesen Momenten funktioniert. Ich fühlte mich nicht vorbereitet auf diese Frage. Ich wusste nicht, woher ich die richtigen Worte nehmen sollte. Ich fühlte mich nicht einmal, als wäre ich schon richtig am Ort und in der Therapiestunde selbst angekommen. Meine Therapeutin fragte daraufhin, ob sie irgendetwas machen kann, und woran ich das Ankommen erkenne. Auch darauf konnte ich keine Antwort geben.

Auf dem Nachhauseweg fiel mir dann aber ein, dass es keinerlei Routine in der Therapie gibt. Ich hatte nicht die Möglichkeit, mich auf die Therapiestunde vorzubereiten, weil zu Beginn immer andere Fragen gestellt oder Punkte angesprochen werden. Mal wird nach meinem Zustand gefragt, mal wird eine Situation hervorgehoben, heute nach den positiven und negativen Ereignissen gefragt. Ich muss mich also immer auf etwas Neues einstellen, so dass es mir schwer fällt in die Therapiestunde hineinzufinden. Ohne Vorbereitung funktioniere ich nicht gut; und da ich dazu neige auf möglichst jede Frage eine Antwort zu finden, verliere ich mich häufig in Schweigen und Wiederholungen.

Für mich ist es nichts Neues, dass ich nur schwer in die Therapiestunde hineinfinde. Das Gleiche begegnet mir immer wieder im Leben. Vor meiner Ausbildung war es besonders schlimm bei den Praktika. Wenn ich beispielsweise eine Woche zur Probe arbeiten sollte, konnte ich mein Potenzial nie zeigen; ich brauche schon weitaus mehr als diese eine Woche, um mich an die neue Situation und die Menschen zu gewöhnen. In der Therapie ist mir meine Therapeutin zwar inzwischen vertraut, aber die Situation an sich bleibt für mich immer neu. Eine Dozentin an der Hochschule war mir hier mal eine große Hilfe. Sie erfuhr von dem Nachteilsausgleich und fragte mich, auf welche Weise sie mir helfen kann. Wir vereinbarten dann, dass sie mir vor den Übungsstunden die Aufgaben per Mail zuschickt. So konnte ich mich in die Aufgabenstellung einlesen und mich auf die Stunde vorbereiten. Ohne Vorbereitung fühle ich mich wie ein Nichtschwimmer in einem großen Ozean.

Dann wurde die heutige Therapiestunde fortgeführt und es ging um meine Depression. Ich sagte, dass ich zwar aus der Spirale raus bin, aber der Weg zurück in die Depression sich für mich nicht weit anfühlt. Eigentlich wollte ich heute andere Themen ansprechen, aber nachdem diese Richtung einmal eingeschlagen war, gab es für mich kein Zurück mehr. Das ist ebenfalls wie bei mündlichen Prüfungen. Der Prüfling bekommt zwar Fragen gestellt, kann aber mit Hilfe seiner Antworten in eine bestimmte Richtung lenken. Mir ist das leider nicht möglich, denn ich verliere mich in der Frage und wenn ich keine passende Antwort finde, bekomme ich augenblicklich einen Blackout. Und dann folgen die Wortwiederholungen in meinem Kopf. Die Wiederholungen verhindern somit zusätzlich, dass ich mich auf die Frage konzentrieren und eine Antwort finden kann.

Ich weiß nicht wieso, aber wenn in der Therapie eine bestimmte Richtung eingeschlagen wird, wie das Sprechen über die Depression, finde ich keinen anderen Weg mehr. Somit verlor ich mich immer wieder im Schweigen und in Wiederholungen, weil sich das einfach nicht nach meinem heutigen Thema anfühlte. Ein anderes Thema konnte ich jedoch auch nicht ansprechen; es fühlt sich dann an, als befände ich mich in einem Labyrinth ohne Ausgang. Und ja, genau das Gleiche passiert mir in mündlichen Prüfungen oder wenn bei Gesprächen plötzlich das Thema gewechselt wird. An anderer Stelle meines Blogs habe ich schon mal darüber geschrieben: Bis ich eine Antwort zu einem Thema in meinem Kopf formuliert habe, sprechen die Beteiligten schon wieder über was ganz anderes.

In der Therapie ist es nicht anders: Wenn das Thema plötzlich gewechselt wird, habe ich arge Probleme mit diesem Übergang. Selbst dann, wenn das vorherige Thema sowieso nicht mein aktuelles Thema war. Im heutigen Fall habe ich dann mit Wiederholungen in meinem Kopf begonnen, die mit den Therapieinhalten überhaupt nicht mehr in Verbindung stehen. Besonders beliebt ist bei mir ein bestimmtes Lied. Ich wiederhole es dann unzählige Male in meinem Kopf. Dabei drehe ich entweder mein Haargummi in der Hand oder blicke aus dem Fenster. Und dann wiederhole ich: „Oh lordy, pick a bale of cotton. O lordy, pick a bale a day. Oh lordy, pick a bale of cotton. O lordy, pick a bale a day. Gonna jump down, turn around, pick a bale of cotton. Gonna jump down, turn around, pick a bale a day.“ Und dann wieder von Vorne. Das kann ich ohne Probleme mehrere Minuten bis hin zu einer ganzen Stunde.

Als das Thema dann auch noch auf die Kompensation fiel und meine Therapeutin sagte, dass ich heute nicht mehr wie eine Autistin wirke, war das Chaos in meinem Inneren komplett. Ja, ich kompensiere auch in der Therapie ohne Ende. Innerlich war ich den Tränen nahe, weil ich einfach das Gefühl habe, dass kein Mensch den Kraftaufwand dahinter sieht. Ich habe erst zu Beginn meines Studiums mit der Maskierung begonnen, aber kann sich jemand vorstellen, wie viele Komplimente und wie viel Lob ich seitdem bekommen habe?

Ich werde dafür gelobt und anerkannt, dass ich nicht wie eine Autistin wirke. Es sei großartig, dass ich meinen ‚inneren Kerker‘ immer häufiger verlasse. Ich würde ja solche Fortschritte machen, so viel Besserung zeigen. Und innerlich kotze ich mir bei jedem Lob und jedem Kompliment die Seele aus dem Leib. Was nicht bedeutet, dass meine Therapeutin mich dafür gelobt hätte; ich meine damit andere Menschen. Meine Therapeutin hat damit aber einen wunden Punkt bei mir getroffen. Ich schäme mich für meine autistischen Verhaltensweisen, so dass ich inzwischen versuche sie vor jedem Menschen zu verstecken; auch in der Therapie. Und innerlich leide ich deswegen.

Ich leide, weil meine Kompensation mit Lob und Anerkennung quittiert wird; und meine autistischen Verhaltensweisen zeitgleich als Rückfall und Fehlverhalten bezeichnet werden. Das ist keine Vermutung meinerseits. Sobald ich nicht mehr kompensiere, sprechen die Menschen über mich. Ja, die Menschen sprechen erstmal über mich, anstatt mich selbst als Person zu fragen. Ich habe das am vergangenen Weihnachtsfest erfahren, als meine Oma mir von ihrem letzten Aufenthalt in Deutschland erzählte. Da hätten sich einige Leute wieder Sorgen um mich gemacht, sie selbst auch, weil ich wohl einen Rückfall hätte. Rückfall? Ja, ich sei wieder so in mich gekehrt gewesen und hätte die gleichen Verhaltensweisen gezeigt wie vor ein paar Jahren.

Es ist kein schönes Gefühl, wenn mein „Normalzustand“ als Rückfall und Fehlverhalten bezeichnet wird. Es gibt mir nicht den Mut, wieder mehr ohne die Maskierung zu leben. Ganz im Gegenteil. Dabei ist das der größte Kraftaufwand in meinem Leben. Die Kompensation raubt mir viel von meiner Energie, die ich für andere Sachen dringender bräuchte. Alle sind stolz auf mich, weil ich nicht wie eine Autistin wirke. Und ich selbst? Ich leide an dem Energiemangel. Ich leide darunter, dass ich nicht sein darf wie ich bin. Ich leide an der ewigen Maskierung. Es ist, als würde ich Applaus dafür bekommen, dass ich nicht autistisch wirke; und für mich selbst fühlt sich dieser Applaus an, als würde mit Dreck nach mir geworfen. Bin ich denn nur mit Maske ein respektabler Mensch?!

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