Stimming

Stimming bedeutet „Selbststimmulierendes Verhalten“ und dient der Reizregulierung. Meist geschieht das durch sich immer wiederholende Tätigkeiten. Meiner Meinung nach recht typische Beispiele sind das Flattern mit den Händen oder das Schaukeln mit dem Oberkörper. Es gibt allerdings noch viele weitere Methoden. In meinem heutigen Blogbeitrag möchte ich zeigen, welche dieser Methoden mich selbst betreffen.

Vielleicht kennt es auch mancher von sich selbst, wenn man aus Nervosität auf einem Blatt herumkritzelt, mit dem Stuhl wippt oder sich auf der Lippe herumbeißt. Der Unterschied zum Stimming bei AutistInnen ist jedoch meist die Art der Bewegungen, die Intensität und vor allem die Notwendigkeit dieses Verhaltens. Denn für viele AutistInnen ist es zum Beispiel eine notwendige Schutzfunktion, um nicht in einen Meltdown zu kommen.
Ellas Blog

Geruch und Haptik
Für mich persönlich steht dieses Stimming an erster Stelle. Die Kombination aus Geruch und Haptik begleitet mich seit meiner frühsten Kindheit. Zu meiner Geburt bekam ich eine blauweiße Babydecke geschenkt, die für mich zum wichtigsten Begleiter meiner Kindheit wurde. Ich nahm diese Decke nach Möglichkeiten überall mit hin; wurde mir das verboten, geriet ich augenblicklich in einen Meltdown. Die Babydecke selbst hielt ich mir meist an die Nase, so dass ich durch den weichen Stoff atmete. Das angenehme Material und der vertraute Geruch beruhigten mich, machten die Welt weniger chaotisch, halfen mir bei der Konzentration und ließen mich Umgebungsreize besser ertragen. Meist benutzte ich immer die gleiche Ecke der Decke, so dass dort mit der Zeit sogar ein Loch entstand.

Katastrophal war es, wenn meine Mutter die Decke in die Wäsche gab. Ich nahm die Decke weder mit in den Kindergarten noch in die Schule. Zuerst aus Angst vor dem Verlust, später aufgrund der Auffälligkeit. Das gab meiner Mutter stets die Gelegenheit, meine Decke heimlich zu waschen und mich vor vollendete Tatsachen zu stellen. Wenn ich nachmittags dann nach Hause kam, war meine Mutter vermutlich innerlich schon auf das Schlimmste vorbereitet. Ich schrie und weinte mir die Seele aus dem Leib. Für mich war es der Horror, wenn meine geliebte Decke plötzlich nach Frühlingsblumen duftete und der vertraute Geruch verschwunden war. Meine Mutter erklärte mir, dass die Decke gewaschen werden musste, damit die Keime rausgespült werden. Je mehr sie zu erklären versuchte, desto lauter wurden meine Schreie. Ich brauchte dann mehrere Tage, ehe meine Decke wieder den vertrauten Geruch angenommen hatte. Eine Zeit, in der mir mein wichtigstes Stimming fehlte.

Meine Babydecke ist inzwischen in Rente gegangen; sie liegt jetzt bei meinen Eltern unterm Gästebett in einem Kasten. Verändert hat sich dadurch aber nichts für mich, denn Geruch und Haptik bleiben mein Hauptstimming. Aus diesem Grund liebe ich den Winter. Ich trage immer riesengroße Schals, die ich mir unterwegs an die Nase halten kann. Alternativ helfen aber auch die Ärmel oder Kragen meiner Pullover. Ich kann mit Worten gar nicht beschreiben, was für eine unglaublich beruhigende Wirkung das auf mich hat. Im Sommer fehlt mir dieses Stimming manchmal, wobei ich gemerkt habe, dass ich mir auch meine Hand immer wieder an die Nase halte. Für mich sind Geruch und Haptik ein eher unauffälliges Stimming, dass sich aber zu jeder Zeit durchführen lässt.

Beschäftigung der Hände
Die Beschäftigung der Hände ist für mich ein Stimming, dass ich in den meisten Fällen sehr unbewusst mache. Ich habe mir auch einen sogenannten „Tangle“ gekauft, ein spezielles Spielzeug fürs Stimming mit den Händen, gebrauche meist aber doch eher Gegenstände des Alltags. Hier nutze ich alles Mögliche, was nicht immer gut ist für die Gegenstände selbst. Knetradiergummis, die Kappen von Stiften, Schlüsselanhänger, Reißverschlüsse, Jackenkordeln, irgendwelche Cremedosen in meinen Jackentaschen, Haargummis und Fransen.

Damit habe ich meine Mutter regelmäßig genervt. Immer, wenn wir irgendwo zusammen waren und ich nervös wurde, suchte ich mir einen Druckknopf an meiner Jacke und machte ihn auf. Und wieder zu. Und auf. Und wieder zu. Oder, noch schlimmer und öfters vorhanden, einen Reißverschluss. Auf, zu, auf, zu, auf, zu. Stifte hatten im Allgemeinen ein eher kurzes Leben, sobald sie einen Deckel und/oder einen Clip besaßen. Ich spielte in der Schule (insbesondere, nachdem ich das ständige Zeichnen aus unterschiedlichen Gründen aufgeben musste) ständig an diesen herum. Das Material war dafür natürlich nicht ausgelegt.
Elodiy

Als Kleinkind waren aber auch meine eigenen Finger und Locken beliebt. Ich weiß noch, wie ich im Kindergarten am Tisch saß und manchmal stundenlang meine Finger verknotete und immer neue Muster mit ihnen formte. An anderen Tagen zwirbelte ich meine Locken um die Finger oder rollte sie zu Schneckenhäusern. Eine Erzieherin kam einmal an meinen Tisch und fragte, ob mir das Zwirbeln der Haare nicht langweilig wird. Ich schüttelte den Kopf. Dann fragte sie, ob ich nicht lieber mit den anderen Kindern spielen möchte. Wieder schüttelte ich den Kopf. Und dann sagte sie, dass ich doch mit rüber an den großen Tisch kommen könnte, dann würde ich nicht so allein in meiner Ecke sitzen. Ein letztes Mal schüttelte ich den Kopf, ehe die Erzieherin aufgab und zurück an ihren Platz ging.

Die Beschäftigung der Hände ist für mich auch eher ein unauffälliges Stimming, weil viele Menschen bei Nervosität und Aufregung etwas in dieser Richtung machen. Also unabhängig vom Autismus. Der Unterschied für mich ist, dass ich nicht nervös oder aufgeregt oder gelangweilt sein muss; das Stimming hilft mir auch bei der Konzentration, zur Beruhigung, bei der Ordnung der Welt. Es verläuft die meiste Zeit unbewusst, also manchmal merke ich erst nach einer halben Stunde, dass ich die ganze Zeit mit einem Faden meines Pullovers beschäftigt war.

Ein besonders beliebtes Stimming seit meiner frühsten Kindheit, das sich bis in mein heutiges Leben gehalten hat, ist übrigens das Zeichnen und Malen. Schon in der Schule habe ich immer auf irgendeinem Papier gekritzelt, weil ich mich dann besser auf den Unterricht konzentrieren konnte.

Ab in den Mund
Ein sehr viel genutztes Stimming meiner Kindheit, vor allem zu Grundschulzeiten. Häufig mussten hier Stifte herhalten, deren Enden ich mir in den Mund steckte und dann mit den Zähnen ankaute. Alternativ kaute ich aber auch auf Reißverschlüssen oder Kordeln, wie sie sich oft an Jacken oder Pullovern befinden. Bei Stiften wurde es meist unangenehm, wenn ich sie an andere Kinder verlieh und diese mich fragten, weshalb sich an den Enden oder Kappen die Bissspuren befinden. Im Umkehrschluss musste ich demnach auch aufpassen, dass ich nicht auf geliehenen Stiften kaute. Inzwischen weiß ich, dass es auch sogenannte Kauketten und andere Accessoires gibt.

Wortwiederholungen
Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich dieses Thema komplett zum Stimming zählen kann. Vermutlich gehören Teile hiervon eher zur Echolalie, also dem Wiederholen der Äußerungen anderer Menschen. Trotzdem gehören Wortwiederholungen für mich persönlich auch zum Stimming. Besonders beliebt ist bei mir ein bestimmtes Lied, welches ich in meinem letzten Blogbeitrag schon erwähnte:

Gonna jump down, turn around, pick a bale of cotton.
Gonna jump down, turn around, pick a bale a day.
Oh lordy, pick a bale of cotton.
Oh lordy, pick a bale a day.

Wenn ich alleine bin singe ich den Text laut, ansonsten wiederhole ich ihn ausschließlich in meinen Gedanken. Für andere Menschen wirke ich in dieser Zeit abwesend, als hätten sie den Kontakt mit mir verloren. Ich kann diese Wiederholung des Lieds über mehrere Minuten ausführen, manchmal sogar bis zu einer Stunde; es kommt auf die jeweilige Situation an und wie sehr ich damit andere Reize auszublenden versuche. Alternativ können es aber auch Wörter, Phrasen oder einzelne Satzfetzen sein, die ich in meinem Kopf wiederhole. Häufig passiert mir das bei Wörtern, die für mich einen schönen oder eigenartigen Klang haben. Wörter aus dieser Gruppe sind zum Beispiel: Eloquent, Melancholie, Echolalie, Melodiös, Fantasie. Es müssen aber nicht unbedingt Wörter sein; es kann sich auch einfach um das Summen eines Lieds oder einer eigenen ausgedachten Melodie handeln.

Für mich ist diese Art des Stimmings sowohl unauffällig als auch auffällig. Unauffälliger ist es, wenn die Wiederholung in meinen Gedanken vonstattengeht. Dann wirke ich zwar durchaus abwesend, mache dabei aber keine Geräusche. Auffälliger hingegen ist es, wenn ich die Lieder laut singe oder die Melodien summe.

Bewegung des Körpers
Ein Stimming, welches ich persönlich sehr wenig nutze. Und wenn ich es nutze, dann meist alleine in meinen eigenen vier Wänden. Zudem zeigt sich diese Art des Stimmings bei mir nur unter enormen Stresssituationen oder bei zu vielen Reizen; und diese Reize sind bei mir meist innere Reize.

Ich selbst nehme diese Art des Stimmings seltsamerweise am wenigstens wahr; es sind meist andere Menschen, die mich auf mein Verhalten aufmerksam machen. Ich finde das äußerst interessant, weil es aus meiner Sicht sehr auffällig ist. Auffällig für andere Leute, während es bei mir selbst wohl vollkommen unbewusst verläuft. Noch vor einem Jahr habe ich beispielswiese behauptet, dass ich selbst nie mit den Händen flattere. Dann hatte ich mit meiner Mutter ein Gespräch darüber und sie sagte mir, dass ich meine Freude fast immer mit den Händen ausdrücke. Als ich dann bewusst darauf achtete, durfte ich tatsächlich feststellen, dass ich in freudigen Situationen mit den Händen flattere. Vor allem dann, wenn ich mich in meiner Umgebung wohl fühle. Hier liegt bei mir also ein innerer Reiz vor, denn ich mit dem Flattern nach außen transportiere.

Freude ist ja ein schönes Gefühl, also das Flattern eine positive Reaktion. Auch positive Gefühle können bei mir zur Reizüberflutung führen; ich nenne das meist Gefühlsoverload. Zu viel Freude oder zu viele Glücksgefühle scheinen mein inneres System zu überlasten, so dass das Stimming mein einziger Weg zur Regulierung ist. Häufig tanze ich bei zu vielen positiven Gefühlen auch durch mein Zimmer, um diesen inneren Stress abzubauen und die Gefühle wieder in den Griff zu bekommen.

Im Gegenzug dazu stehen bei mir die negativen Gefühle. Und hier meine ich in meinem Fall extrem negative Gefühle. Dazu können Mobbing und Hänseleien zählen, aber auch Drohungen oder innere Unsicherheit. Wenn ich meiner Therapeutin beispielsweise eine Mail schreibe, in der ich viele meiner Gefühle offenlege oder einen Einblick in meine Wahrnehmung gebe, löst das viele überwältigende Gefühle in mir drin aus. Es fällt mir schwer diese nach außen zu transportieren, so dass ich dazu neige, meinen Körper zu wiegen und zeitgleich mit meinen Füßen zu wippen. Wenn ich dieses Stimming zeige kann mein Gegenüber also automatisch davon ausgehen, dass ich in einem extremen Overload stecke und mit inneren Gefühlen nicht zurechtkomme. Dann hilft mir nur noch ein Ruheraum. Berührungen, Drohungen oder Vorwürfe verschlimmern die Situation.

Schlussworte
Ich hoffe ich konnte ein wenig zeigen, welche unterschiedlichen Stimmingmethoden ich nutze. Es gibt sicher noch mehr und andere Methoden, aber das ist von Mensch zu Mensch, von Autist zu Autist unterschiedlich.

Grundsätzlich hilft es aller Erfahrung nach nicht und ist auch nicht ratsam, Stimming einfach zu verbieten oder abzutrainieren. Bei den meisten AutistInnen ist Stimming Bestandteil ihres gesunden autistischen Verhaltens, das meiner Meinung nach von der Außenwelt als solches akzeptiert werden sollte.
Wenn es zu intensiv stattfindet und andere funktionale Handlungen nicht mehr ermöglicht, kann man versuchen, es Stück für Stück umzulenken, ohne dieses Umlenken jedoch an Bedingungen und Konsequenzen zu knüpfen.
Wenn es um bedenkliches und selbstverletzendes Verhalten geht, sollte zunächst das Umfeld die Rahmenbedingungen (Einrichtung, Geräusche, Lautstärken, Abläufe, Kommunikation) so verändern, dass ein Miteinander ohne übermäßige Reizüberflutung möglich wird.
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