Gruppensituationen

Gruppensituationen sind für mich eine der schwierigsten Herausforderungen meines Lebens. Einmal in der Woche gehe ich derzeit in einen Chor. Ich mag das Singen und die Abwechslung, ich mag auch die Menschen dort sehr gerne. Trotzdem ist mir aufgefallen, dass im Chor manchmal mehr übereinander anstatt miteinander gesprochen wird. Ich finde das unbegreiflich, denn wenn ich Probleme mit einem Menschen habe, ist für mich die erste Anlaufstelle der Mensch selbst. Wenn also jemand in meiner Gegenwart davon anfängt, was eine andere Person im Chor gesagt oder gemacht hat, habe ich meist nur einzigen Ratschlag: „Sprich mit der Person.“ Es wird sich doch niemals eine Lösung finden lassen, wenn alle im Chor von dem Unmut wissen, außer die betreffende Person.

Leider fühle ich mich in Gruppensituationen auch immer sehr schnell ausgeschlossen, was ganz verschiedene Gründe hat. Zunächst einmal finde ich es unheimlich schwierig Anschluss zu finden, weil ich ein zurückhaltender und introvertierter Mensch bin. Der Einstieg zum Kennenlernen ist aus meiner Erfahrung zudem meist der Smalltalk. Genau damit habe ich allerdings meine Schwierigkeiten, denn ich rede lieber über ernstere oder tiefsinnigere Themen. Fragen scheinen mir oft auch ein guter Einstieg zu sein, weil sich damit Interesse zeigen lässt, aber auch hier bekomme ich leicht einen Blackout.

Ich bevorzuge daher sogenannte Gespräche „unter vier Augen“. Mit einer einzigen Person komme ich meist schneller ins Gespräch, die Situation lässt sich für mich besser überblicken und die äußeren Reize bleiben dabei eher gering. In Gruppensituationen bin ich hingegen schnell überfordert, weil viele Menschen automatisch auch viele äußere Reize bedeuten. Oft sprechen die Menschen dann entweder durcheinander oder wechseln sich ab; ich begreife allerdings nie wann es Redepausen gibt. Manchmal gibt es auch keine Redepausen, aber trotzdem kommt es zu einem regen Wortwechsel zwischen den Leuten. Nur ich selbst bleibe meist stumm, höre zu, finde keine Lücke für meine eigenen Worte und Gedanken. Und wenn doch mal eine winzige Redepause entsteht, kann ich den Augenblick meist trotzdem nicht nutzen. Für mich ist und bleibt gesprochene Sprache irgendwie ein abstraktes Bild.

Es gibt aber auch Gruppensituationen im Internet, beispielsweise über soziale Netzwerke oder Chats. Hier läuft es grundsätzlich etwas besser bei mir, aber das ganze Thema bleibt ein Trigger. Ich schätze es liegt auch an schlechten Erfahrungen. In der Schule erlebte ich viel Mobbing, Ausgrenzung und Hänseleien. Ich fand nie so richtig Kontakt zu meinen Mitschülern. Zudem fällt es mir extrem schwer, mich in Gruppen zu integrieren. Ich bleibe oft am Rand, die Außenseiterin, die Einzelgängerin. Teilweise aus Zwang, aber zum Teil auch aus eigener Entscheidungskraft. Gruppensituationen sind immer mit einem höheren Energieaufwand verbunden, weil es extrem viele Faktoren zu beachten gibt. Ich fühle mich auch schnell ausgeschlossen, wenn ich bei einem Thema nicht mitreden kann oder einen Witz nicht verstehe oder irgendwas dieser Art geschieht.

Ich erlebe es aber auch immer wieder, dass ich in einer Gruppe von Menschen dabeistehe, und sich plötzlich eine Person vor mich stellt. Von der einen Sekunde auf die andere sehe ich auf einmal einen Hinterkopf oder Rücken vor mir, als wäre ich selbst nur ein Geist oder gar nicht von Bedeutung.

Es gibt durchaus sehr interessante Gruppengespräche, aber ich selbst bleibe in den Situation oft stumm. Ich möchte niemandem ins Wort fallen, finde keine Lücken in den Gesprächen, und bin oft auch unsicher, ob mein eigener Beitrag für die Leute überhaupt relevant wäre. Bei fremden Menschen bevorzuge ich das ruhige Zuhören allerdings manchmal auch, weil ich mir dann erst einen Überblick verschaffen und Vertrauen aufbauen kann. Leider bedeutet das jedoch viel zu oft, dass ich für andere Menschen nicht interessant genug bin. Ich bin unscheinbar in diesen Augenblicken. Das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass Leute sich plötzlich vor mich stellen und diesen Umstand gar nicht bemerken. Es ist halt schade, weil ich durchaus glaube, dass ich mehr Potenzial habe. Zumindest merke ich das hin und wieder an den Reaktionen, wenn ich dann doch mal zu Wort komme.

Ich bin gerne alleine und genieße diese Zeit, aber ich mag es auch Kontakt zu anderen Menschen zu haben. Ist nur manchmal schwierig, weil mir das Halten von Kontakten schwer fällt und ich halt viel mehr Ruhepausen und Freiräume zu brauchen scheine als andere Menschen. In der letzten Zeit merke ich allerdings verstärkt, dass mir der Kontakt mit anderen Menschen aus dem autistischen Spektrum hilft.

Es hilft unwahrscheinlich, wenn sich da Menschen mit den gleichen oder ähnlichen Schwierigkeiten befinden. Da braucht es keine Kompensation, keine Maskierung, kein Versteckspiel, keine Erklärungen, keine Rechtfertigungen. Deswegen tausche ich mich in der letzten Zeit ein wenig in Facebookgruppen aus und habe mich wieder auf Twitter angemeldet, denn die Vernetzung darüber ist einfach von großem Vorteil. Neben den persönlichen Erfahrungsberichten sind Artikel, Blogbeiträge und Informationen auf Twitter doch wesentlich besser gebündelt und auffindbar. Ich muss allerdings gestehen, dass ich viele Menschen dort auch vermisst habe.

Vergangenes Wochenende habe ich zudem Mails verschickt, da ich einige Stammtische für erwachsene Autisten in meiner Umgebung gefunden habe. Eine Rückmail habe ich bereits erhalten, so dass ich noch in dieser Woche zu einem der Treffen fahre. Mir fehlt der persönliche Austausch. Als ich noch bei meinen Eltern gelebt habe, war ich einige Monate auch in einer Selbsthilfegruppe für Autisten. Ich mochte diese Treffen sehr, weil sie einmal im Monat stattfanden und die Gespräche immer sehr interessant und informativ waren. Ich bin jetzt voll von Vorfreude und Nervosität bezüglich des Treffens in dieser Woche.

Tatsächlich war ich vergangenes Wochenende auch in einem Voicechat. Also einen Chat mit gesprochener Sprache. Ich bin über eine autistische Youtuberin dazu gekommen, denn auf ihrer Plattform tummeln sich recht viele neurodiverse Menschen. Es wurde online gespielt und ich habe mich dem Spiel angeschlossen; war jetzt kein besonderes Spiel, aber es macht mir großen Spaß. Als ich in den dazugehörigen Voicechat ging, hielt ich mein Mikrofon zunächst ausgeschaltet. Ich konnte den Leuten dann also zuhören, während sie keinen Ton von mir bekamen. Nach einer Weile habe ich das Mikrofon dann aber angemacht und schaffte es sogar einige Sätze zu sagen, wobei es definitiv eine Herausforderung für mich bleibt. Ich habe hier all die oben beschriebenen Probleme, dass ich niemandem ins Wort fallen möchte, keine Redepausen entdecke und auch nicht die geringste Ahnung habe, ob überhaupt jemand an meinen Worten interessiert ist. Trotzdem fühle ich mich dort verstanden, denn in den Themen und angesprochenen Schwierigkeiten des Lebens erkenne ich mich selbst.

Alles in allem versuche ich also keine Gruppensituationen zu meiden, obwohl sie für mich viele Schwierigkeiten, Herausforderungen und Sorgen mitbringen. Manchmal muss ich mich selbst aber aus diesen Situationen herausnehmen, weil es aufgrund von Gefühlen und Erlebnissen schnell zum Trigger für mich werden kann. Das ist von meiner Seite aus dann nie böse gegen die Menschen in der Gruppe gemeint, sondern eher eine Art von Selbstschutz.

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