Essgewohnheiten

Vor kurzem war ich mit einer Person aus dem Chor verabredet; wir haben eine Runde über den Markt gedreht und sind anschließend ins Café gegangen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Zusammenhang, aber plötzlich wurde ich danach gefragt, welche Lebensmittel ich über den Tag verteilt denn gerne esse. Ich geriet sofort in einen Schockzustand. Alle meine Sinne stellten sich auf Abwehr, weil ich mich zu oft in meinem Leben für meine Essgewohnheiten rechtfertigen musste. Ich stotterte, fühlte mich in Erklärungsnot, spürte die ersten Schweißtropfen in meinem Nacken. Dann meinte die Person, dass sie sich auch ihr Leben lang rechtfertigen musste, und mein Herzschlag beruhigte sich wieder.

Das Thema „Essverhalten“ begegnet mir immer wieder im Zusammenhang mit Autismus. Vor allem in Bereichen, in denen Eltern autistischer Kinder schreiben. Deswegen dachte ich mir, dass ich heute in meinem Blog mal etwas genauer darüber schreibe.

Zunächst einmal muss ich gestehen, dass ich keinerlei Lebensmittel essen kann, die für mich aus irgendwelchen Gründen nicht in Frage kommen. Ich bekomme dann nicht einen einzigen Bissen runtergeschluckt, was mich schon in viele „unangenehme“ Situationen brachte. Ich weiß von anderen Menschen, dass sie „aus Höflichkeit“ etwas aufessen können, aber das steht nicht im Bereich meiner Möglichkeiten. Bedeutet allerdings auch im Umkehrschluss: Wenn ich zu Besuch bin und alles aufesse, haben mir die Lebensmittel und die Kompositionen auf jeden Fall sehr gemundet.

Da ich Gerüche (das meiste, was wir als „Geschmack“ bezeichnen, sind ja in der Tat Gerüche) sehr intensiv „abbekomme“, werden sie mir vor allem in Kombination auch schnell zu viel. Stellt euch vor, es wäre doppelte oder dreifache Menge Glutamat ins Essen geraten.
Autist an Bord

Beginne ich aber in der Kindheit. Eine der häufigsten Aussagen über mich lautete: „Sie ist eine schwierige Esserin.“ Es klang für mich immer nach Kritik. Wenn ich Lebensmittel nicht essen konnte, saß ich manchmal stundenlang vor meinem Teller am Tisch, weil erwachsene Menschen der Meinung waren, dass der Teller am Ende leer gegessen sein muss. Ich hatte schon immer viel Durchhaltevermögen, was mir als Starrsinn ausgelegt wurde. Am Tisch sitzend schob ich die Zutaten auf meinem Teller zu einem Haufen zusammen, in der Hoffnung, dass es am Ende weniger aussah. Irgendwann mussten die Erwachsenen dann aufgeben, denn sie konnten mich ja schlecht zur Nahrungsaufnahme zwingen.

Das Essen im Kindergarten und Hort war mir oft sogar lieber, weil es hier eine gewissen Routine gab, also die einzelnen Gerichte tauchten in regelmäßigen Abständen immer wieder auf. Mir waren gleichbleibende und vertraute Speisen lieb, denn sie gaben mir ein Gefühl der Sicherheit und bildeten eine wichtige Konstante.

Die Zutaten einer Speise aß ich stets getrennt voneinander, weil getrennte Zutaten weniger Reizüberflutung bedeuteten. Gab es beispielsweise „Risi Bisi“ im Hort, aß ich zuerst die Erbsen, dann den Reis und zum Schluss das Hühnchenfleisch. Das Leckerste wurde zum Schluss gegessen, denn es war der Höhepunkt der Speise. Meine Mutter hingegen kochte gerne Gulasch. Hier sortierte ich die Paprika an den Rand, dann aß ich die Kartoffeln und zum Schluss das Fleisch. Das Beste kommt halt zum Schluss. Gekochte Paprika hat für mich eine furchtbare Konsistenz, genau wie Karotten. Gemüse aß und esse ich fast ausschließlich im rohen Zustand, weil ich die knackige Konsistenz im Mund bevorzuge.

Da ich also alle Zutaten von Speisen getrennt voneinander aß oder bestimmte Zutaten an den Rand sortieren musste, brauchte ich zum Essen übermäßig viel Zeit. Im Hort war ich immer einer der Letzten.

Ich mische Essen auf dem Teller nur, wenn ich es nicht vermeiden kann. Soßen, Ketchup, Zucker, Salz, was auch immer man normalerweise auf dem Essen verteilen würde, kommt bei mir an den Tellerrand. Dann wird Bissen für Bissen nach Bedarf und Kapazität eingetunkt.
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Besonders schlimm war es, wenn ich dann doch mal zur Nahrungsaufnahme gezwungen wurde. Natürlich wollte ich im Hort gerne an den Basteltisch zurück, durfte aber erst, wenn ich den Rosenkohl oder Blattsalat aufgegessen hatte. Würgte ich die Zutaten mit aller Kraft hinunter, konnte ich diese Lebensmittel meist am Nachmittag nicht mehr in mir behalten. Genauere Details unterlasse ich an dieser Stelle. Die Bescherung hatte meine Mutter dann zuhause, weswegen sie regelmäßig den Hort aufsuchte und erklärte, dass mich niemand zur Nahrungsaufnahme zwingen darf.

Die Hauptnahrungsmittel meiner Kindheit waren Fleisch, rohes Gemüse, Obst, sowie Kartoffeln und Nudeln in geringem Maße. Konsequenz war, dass ich in meiner gesamten Kindheit zum Untergewicht neigte. Und damit fast zwangsläufig eine Angriffsfläche bot, die manche Leute ausnutzten. Es hieß dann, dass meine Mutter mich vernachlässigte; ich kann aber versprechen, dass sie mich beim Thema Essen immer ermunterte und ihr Bestes gab. War ich appetitlos, kaufte sie irgendein Fleisch und briet es in der Pfanne an, so dass der Geruch sich in der ganzen Wohnung verteilte. Oft bekam ich durch den wohlriechenden Duft dann doch noch Hunger. Ich erinnere mich, dass eine meiner Lieblingsspeisen folgendermaßen aussah: Zwei kleine Steaks, eine halbe Salatgurke und eine halbierte Zitrone zum Löffeln.

In der Grundschule aß ich übrigens immer das Gleiche zum Frühstück: Toastbrot mit Salamischeiben. Das durfte nicht variieren. Ich weiß noch, wie ich einmal etwas anderes auf dem Brot hatte und das Essen daraufhin verweigerte. Als meine Mutter mich abends fragte, weshalb ich mein Brot nicht gegessen hatte, sagte ich, dass keine Salami drauf lag. Folglich gab es am nächsten Tag wieder mein Salamitoast.

An einem Osterfest kaufte meine Mutter einmal ganz viele Schokoladenosterhasen, die sie mir auf den Esstisch stellte. Sie erzählt heute noch davon, wie die Osterhasen wochenlang herumstanden. Hin und wieder mochte ich Schokolade zwar gerne, aber nicht in solchen Massen. Leider hat sich das heute geändert; inzwischen liebe ich Schokolade und könnte sie mehrmals am Tag essen.

Als Jugendliche aß ich dann nur noch, was ich auch wirklich essen wollte; meine Ernährung war vermutlich nicht immer die Beste. Einmal aß ich sechs Wochen am Stück ausschließlich Spaghetti mit Tomatensauce zum Mittag. Immer von einer bestimmten Marke. Das gab mir ein Gefühl der Sicherheit, der Kontrolle, der Geborgenheit. In einer viel zu chaotischen, hektischen und stressigen Welt, bilden vertraute Lebensmittel oft meine einzige Konstante. Daran hat sich bis heute nichts verändert; je chaotischer meine Woche, desto mehr greife ich zu vertrauten Speisen. Es fällt mir schwer Abwechslung in meine Essgewohnheiten zu bringen, weil ich nur schwer mit den Veränderungen klarkomme.

Zudem aß ich als Jugendliche meist alleine in meinem Zimmer. Einige Monate lang ließ ich sogar die Rollläden runter, so dass ich in Dunkelheit und Abgeschiedenheit meine Ruhe hatte. Mit der Zeit änderte ich das wieder, weil die Dunkelheit mir zu sehr aufs Gemüt schlug. Meine Eltern regten sich oft auf, weil ich in vollkommender Einsamkeit aß, anstatt mich zu ihnen an den Tisch zu setzen. Alleine in meinem Zimmer fühlte ich mich jedoch wohler, weniger reizüberflutet. Heute esse ich ganz gerne in Gesellschaft; ich bevorzuge dennoch kleine Runden, also nicht zu viele Menschen.

Zu Beginn meines Studiums, als ich in jeglicher Lage meines Lebens kompensiert habe, versuchte ich mehr gekochtes Gemüse zu essen. Es klappte eine Weile, vor allem, wenn das Gemüse in anderen Zutaten versteckt war. Inzwischen bin ich allerdings wieder bei meinen alten Essgewohnheiten angelangt; also hauptsächlich rohes Gemüse, viel Obst, aber auch Nudeln, Reis und Kartoffeln. Ich bevorzuge reizarmes Essen. Oder wie meine Eltern es ausdrücken: Zu wenig gewürzt. Für mich haben alle Nahrungsmittel schon einen Eigengeschmack, weswegen ich tatsächlich zu wenig Würze neige.

Beispiel Kartoffelpüree: Selbstgemacht aus gestampften Kartoffeln hat es eine unregelmäßige Textur, die ich angenehm finde und gerne essen. Angerührt aus der Tüte ist es glatt, einheitlich, ohne „Unterbrechung“ der Masse, und löst in meinem Mund das Gefühl aus, als würde sich dort drin etwas glitschiges, glibberiges, rutschiges und sehr selbständiges im Mund. Klingt nicht besonders angenehm, oder?
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Unangenehm wird es aber immer dann, wenn ich Speisen nicht essen kann. Im letzten Jahr war ich auf einem kleineren Twittertreffen, wo es einen Salat mit Oliven gab. An sich stört mich der Geschmack von Oliven nicht, aber Oliven selbst kann ich nicht essen. Ich sortierte sie also an den Rand. Innerlich hatte ich leichtes Herzrasen. Dann stellte ich fest, dass eine liebe Person neben mir genau das Gleiche tat. Auch sie sortierte die Oliven an den Rand. Ich musste erleichtert auflachen und fühlte mich sehr verstanden in diesem Moment.

Aus diesen Gründen besuche ich aber auch nicht gerne Restaurants. Beziehungsweise am liebsten solche, wo es vertrautes Essen gibt. Es kam durchaus schon vor, dass ich mir ein Gericht bestellte, eine Gabel voll probierte, und die Speise dann nicht mehr anrühren konnte. Noch immer neige ich dann zu dem Verhalten meiner Kindheit: Ich schichte alle Zutaten aufeinander in der Hoffnung, dass es dann aussieht, als hätte ich mindestens die Hälfte der Speise gegessen.

Ich spreche wirklich nicht gerne über meine Essgewohnheiten. Immerzu habe ich dann das Gefühl, dass ich mich für meine Verhaltensweisen rechtfertigen muss. So war ich vor zwei Jahren mal für einen Kurztrip in der Großstadt. Am Hauptbahnhof fand ich einen kleinen Laden, der eine bestimmte Salattasche anbot, ähnlich wie ein Döner. Ich aß dann zweimal am Tag meine Salattasche, während meine Begleitungen verschiedene Läden aufsuchten. Sie machten dann einige Kommentare über die Macht der Gewohnheit, aber mir gab diese Salattasche in dieser Großstadt eben extrem viel Sicherheit. In einer fremden Umgebung ist sowieso alles schwieriger, so dass das Essen für mich zum Vertrauten wird.

Einigermaßen typisch für Autisten dürfte es sein, tagelang – wochenlang – das gleiche essen zu können – und zu wollen. Prä-vegetarisch musste es bei mir jeden Abend Leberwurstbrot sein. Danach Frischkäsetoast. Dann Käsebrot. Jede dieser Phasen dauerte mehrere Jahre.
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Wie in dem oben genannten Zitat ergeht es mir auch: Ich kann oft wochenlang jeden Tag das Gleiche essen. Im Moment frühstücke ich jeden Morgen die gleiche Sorte von Cornflakes. Das geht jetzt schon seit einigen Wochen so; nur unterbrochen durch den Aufenthalt bei meiner Oma. Bei ihr gab es dann jeden Morgen „Brioche“ zum Frühstück, entweder mit Aprikosenmarmelade gefüllt oder mit Schokolade. Auch zum Mittagessen gibt es Woche für Woche meist das Gleiche bei mir, auf verschiedene Tage verteilt. Ich zwinge mich nicht mehr zu Veränderungen, weil diese mein Essverhalten meist erheblich verschlimmern. So litt ich eine Weile unter Appetitlosigkeit.

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2 Kommentare zu „Essgewohnheiten

  1. Ich esse auch keine Oliven. Ich mag zwar Olivenöl, aber keine Oliven. Wenn ich meinem Essen Oliven sind, dann lege ich die ordentlich an den Tellerrand. Ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, daß ich mich dafür rechtfertigen müsste!

    Was ich überhaupt nicht mag, sind Lebensmittel, die aussehen wie Glasscherben. Also irgendwas „in Aspik“. Zum Glück wird so etwas selten serviert.

    Ach ja, Schokolade! Bei dienstlichen Besprechungen wird der Besprechungstisch eingedeckt mit Heiß- und Kaltgetränken sowie Tellern mit Schokoladenkeksen. Man erkennt nach Besprechungen leicht, wo ich gesessen habe, wenn man darauf achtet, wo ein komplett leerer Keksteller steht.

    Als ich Kind war, musste meine Mutter mich immer davon abhalten, Soja-Sauce aus der Flasche zu trinken.

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  2. In vielem was du schreibst, erkenne ich mich wieder. Ich esse ebenfalls über Wochen und Monate immer dieselben Speisen und habe mir bis heute die Angewohnheit erhalten, Speisen zu sortieren und das Beste zum Schluss zu essen.

    Meine Mutter wollte mir früher einmal Nudel mit Ketchup abgewöhnen und drohte damit, dass es von nun an jeden Tag nur noch Nudel mit Ketchup geben würde und zwar zum Frühstück, Mittag- und Abendessen. Die folgenden Wochen waren paradiesisch für mich. Leider gab meine Mutter nach ein paar Wochen auf und das „Abgewöhnprogramm“ endete zu meinem großen Bedauern.

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