Spiel- und Lernverhalten

Im Moment versuche ich einige meiner alten Blogbeiträge aufzuarbeiten, daher geht es heute um das Spiel- und Lernverhalten. Ich sortiere hier meine Erinnerungen und Erfahrungen chronologisch nach Jahr.

Im Kindergarten hatte ich kaum Kontakt zu anderen Kindern. In mir bestand schlicht und ergreifend gar nicht erst der Wunsch nach diesen Kontakten. Ich war zufrieden, wenn ich meine Haare aufzwirbeln, meine Finger verdrehen, die Gegenstände befühlen, oder an meinen Bildern malen durfte. Besonders faszinierend fand ich damals die Puppenecke. Ich wusste, dass vor allem die Mädchen gerne dort Zeit verbrachten. Als die Puppenecke eines Tages leer war, schlich ich mich in den Raum und befühlte die Gegenstände dort. Ich nahm sie in die Hand, strich über die Oberflächen, sortierte sie auf meine Weise zurück in die Schränke. Dann kamen zwei Mädchen in den Raum. Eine der Beiden fragte mich, ob sie mitspielen dürfen, aber ich schüttelte zur Verneinung mit dem Kopf. Die Mädchen verschwanden und kamen wenige Zeit später mit einer Erzieherin zurück, die mir sagte, dass ich die Mädchen mitspielen lassen muss. Mein System der Ordnung wurde innerhalb von Sekunden zerstört, so dass ich aus der Puppenecke in den Gemeinschaftsraum floh.

Im Gemeinschaftsraum setzte ich mich gerne an einen kleinen Tisch, wo ich meine Ruhe vor dem Chaos und Trubel haben konnte. Ich beschäftigte mich stundenlang mit dem Aufzwirbeln meiner eigenen Locken, die ich immer wieder um meine Finger drehte. Alternativ verdrehte und verknotete ich meine Finger, so dass sich ständig neue Muster ergaben. Ich weiß noch, wie sich eine Erzieherin zu mir setzte: „Ist dir das Verknoten deiner Finger nicht zu langweilig?“ Ich schüttelte den Kopf: Nein. „Willst du nicht lieber mit den anderen Kindern spielen?“ Wieder schüttelte ich den Kopf: Nein. „Magst du nicht wenigstens zu uns an den großen Tisch kommen?“ Erneut schüttelte ich den Kopf: Nein. Dann stand die Erzieherin auf und setzte sich rüber an den Tisch, wo einige Kinder und eine weitere Erzieherin saßen. Ich blieb an meinem ruhigen Fleck.

Es gab jedoch im Kindergarten einen Jungen, der meine volle Aufmerksamkeit bekam. Ich weiß nicht, ob er mein Freund war, aber ich folgte ihm eine Weile auf Schritt und Tritt. Einmal saß er am Maltisch; ich setzte mich zu ihm und beobachtete seine Bewegungen. Die Erzieherinnen wunderten sich immer wieder über mein Verhalten. Hier wunderten sie sich, dass ich nicht selbst zu Stift und Papier griff, sondern einfach nur dasaß und den Jungen beobachtete.

Zuhause in meinem Zimmer hatte ich damals eine Spielküche, aber ich verstand den Sinn dieser Küche nicht. Es gab keinen Strom, keine realen Lebensmittel. Eines Morgens wachte ich vor meinen Eltern auf, suchte alle Spielsachen zusammen und sortierte sie nach ihrer Größe auf die Spielküche. Mein Vater kam ins Zimmer, sah die Stapel von Spielsachen und meinte, dass ich das hoffentlich wieder in Ordnung bringen werde. Dann zog er die Vorhänge zur Seite und ließ das blendende Licht in mein Zimmer.

Der Wechsel zur Grundschule war für mich sehr schwierig, weil ich mich auf ein neues Gebäude und neue Menschen einstellen musste. Unsere allererste Hausaufgabe lautete, dass wir unsere Schultüte aufs Papier malen sollen. Ich weiß noch, wie ich zuhause an meinem Schreibtisch saß und verzweifelte. Meine Schultüte bestand aus vielen queren und undefinierbaren Mustern. Ich versuchte sie auf das Papier zu zeichnen, aber ich konnte die Muster nicht exakt nachmalen. Folglich gab ich auf, was bedeutete, dass ich meine allererste Hausaufgabe verweigerte. Ich wollte das nicht, aber ich konnte auch nicht akzeptieren, dass die Muster auf meinem Papier denen meiner Schultüte nur ähnlich sahen. Schließlich lautete die Aufgabe, dass wir unsere Schultüte malen sollten; wenn die Muster also nicht exakt die Gleichen waren, war die Aufgabe für mich nicht erfüllt.

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen als Kind waren Kassetten. Ich liebte es die Bänder der Kassetten rauszuziehen, um sie anschließend mit meinen Fingern oder einem Stift wieder aufzufädeln. Einmal schaffte ich es jedoch nicht, das Band wieder auf die Kassette zu bekommen. In einem Meltdown riss ich alle Kassettenbänder aus sämtlichen Kassetten, so dass ich am Ende einen großen Haufen des flimmernden Bands hatte. Als meine Mutter daraufhin ins Zimmer kam, schaute sie nur verwundert auf den Haufen.

Ich liebte das Zeichnen, Malen und Basteln. Gerade im Hort saß ich stundenlang am runden Tisch, um Bilder zu malen oder Wolle zu flechten. Andere Kinder waren noch immer kaum in meiner Wahrnehmung. Sie waren wie Randerscheinungen, die mir Kopfschmerzen bereiteten, weil ihre Schreie meist zu laut oder ihre Worte zu viel waren. In den ersten zwei Jahren hatte ich somit keine Freunde im Hort, aber ich war mit diesen Umständen trotzdem zufrieden. Auch zuhause bastelte ich viel; besonders freute ich mich auf den Quellekatalog. Ich schnitt hier fein säuberlich Möbel und andere Gegenstände aus, um sie anschließend auf Papier zu kleben. Meine Mutter war immer sehr stolz darauf, dass ich mich die meiste Zeit ruhig und selbstständig in meinem Zimmer beschäftigte.

Auch mit Lego war ich viel beschäftigt, allerdings baute ich ausschließlich Häuser. Die Figuren, die die Menschen darstellten, lagerte ich an der Badewanne. Ich brauchte sie nicht zum Spielen, aber ich ließ sie beim Baden auf den Badewannengrund abtauchen und sah fasziniert dabei zu, wie die Schwerkraft im Wasser wirkte.

Später hatte ich sogar Puppen und Barbies, doch diesen schnitt ich immer die Haare ab; einen anderen Sinn sah ich in dem Spielzeug nicht. Als ich im fortschreitenden Alter im Hort eine Freundin fand, war sie es, die mir das Spielen mit den Barbies zeigte. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, als sie mir das Spiel in allen Einzelheiten erklärte. Wir saßen bei ihr im Zimmer und das Mädchen begann die Barbies reden zu lassen, während ich auf meinem Fleck saß und mich nicht rührte. Ich beobachtete ihr Verhalten, ihren Umgang mit den Puppen. Dann sah sie mich an und fragte, ob ich irgendwelche Probleme hätte. Ich nickte und antwortete, dass ich das Spiel nicht verstünde. Prompt fing sie mit den Erklärungen an: „Die Barbies sind wie wir Menschen. Guck! Sie haben ein Auto und Kleidung und sogar eine Haarbürste.“ Ich versuchte es zu begreifen, aber ich konnte keine Menschen darin sehen. Also ahmte ich das Verhalten meiner Freundin nach und gab mir viel Mühe. Richtig nachvollziehen konnte ich es dennoch nicht; vor allem, als meine Freundin die Barbies an den Strand fahren ließ. Ich konnte keinen Strand sehen, nur eine Badewanne mit Wasser.

Mir fehlte es dennoch nicht an Fantasie. Ich mochte es, mir Geschichten auszudenken, aber ich konnte in Gegenständen wie der Badewanne halt keinen Strand entdecken.

Große Probleme hatte ich dann bei der Motorik. Ich lernte viel später als andere Kinder solche Dinge wie Radfahren, Schwimmen oder das Lesen der Uhr. Beim Radfahren konnte ich einfach nicht verstehen, dass ich zuerst das rechte Bein und dann das linke Bein betätigen musste. Es war, als könnte mein Gehirn nicht so schnell umdenken. Ich lernte das Radfahren erst, als ich andere Menschen dabei beobachtete und mir anschließend noch mein Fahrrad ansah. Ich versuchte den Mechanismus in all seinen Einzelheiten zu verstehen. Dann setzte ich mich aufs Rad und sagte mir die ganze Zeit: „Rechts treten! Links treten! Rechts treten! Links treten! Rechts treten! Links treten! Rechts treten! Links treten!“ Und schon fuhr ich über die Wiese.

Beim Schwimmen sah es nicht anders aus: Ich verstand nicht, wie ich meinen Körper zu bewegen hatte. Dann erklärte mir ein Junge das Schwimmen in allen Einzelheiten. Er sagte mir, worauf ich achten muss, und machte mir jede einzelne Bewegung vor. Dank seiner detailgenauen Beschreibung verstand ich das System und machte sogar noch ein Abzeichen.

Es war unheimlich wichtig, dass die Menschen sich geduldig zeigten, mir die Dinge immer wieder erklärten und zeigten. Ich lernte zudem viel durch Beobachtung. So verstand ich auch lange Zeit nicht, wie ein Purzelbaum funktioniert, beobachtete aber die anderen Kinder und versuchte es dann zuhause auf der Matratze mit den gleichen Bewegungen.

Nur das Lesen der Uhr funktionierte nicht. Im Hort versuchte eine Erzieherin mir die Uhr ganz genau zu erklären, aber die Zahlen und Zeiger verursachten bloß ein Chaos in meinem Kopf. Noch als Jugendliche machte mich das Lesen der Uhr nervös; wurde ich also nach der Uhrzeit gefragt, zeigte ich dem Fragenden meine Armbanduhr, damit er die Zeit selbst ablesen konnte. Heute erfreue ich mich über digitale Uhren. Ich bringe aber noch immer gerne Zahlen durcheinander, weswegen ich bei Terminen am Nachmittag fast zwanghaft alle paar Minuten zur Uhr sehe und mit dem Termin vergleiche.

Eines meiner größten Interessen zum Ende der Grundschule hin, waren dann Worte. Dadurch verbesserten sich auch endlich mein Schriftbild und meine Grammatik. Bis dato hatte ich nämlich eine furchtbare Handschrift. Ich begann meine Schulbücher zu lesen, weil ich keine Alternativen hatte. Eine Weile faszinierten mich vor allem Reime. Zopf, Topf. Haus, Maus. Mutter, Butter. Licht, Wicht. Klang, Gesang. Jeden Nachmittag legte ich Listen an, auf denen ich alte und neue Reime sortierte. Das war für mich eine stunden-, ja sogar wochenlange Beschäftigung.

Andere Menschen vermisste ich nicht. In der Grundschulklasse hatte ich keine Freunde, aber mit der Zeit fand ich im Hort einige Kontakte. Im Alter von acht Jahren begann ich Menschen noch intensiver zu beobachten; dazu nutzte ich vor allem Fernsehserien. Eine Fernsehrolle faszinierte mich dabei am Meisten. Es handelte sich um eine junge Frau, die sehr aufgeschlossen war und viele Freunde in der Serie hatte. Ich ahmte ihr Verhalten und ihre Worte nach, schlüpfte komplett in ihre Rolle und verlor dadurch zum Teil sogar mein ‚wahres Ich‘. Wenn ich im Hort diese Rolle war, konnte ich mit anderen Kindern in Kontakt treten. Diese Kinder waren immer jünger als ich, weil ich feststellte, dass der Kontakt mit ihnen irgendwie leichter war. Auf ähnliche Weise konnte ich auch an Rollenspielen teilnehmen: So war ich im Hort stets die Lehrerin und ahmte das Verhalten und die Aussagen meiner Grundschullehrerin nach, die ich am Vormittag noch in der Schule beobachtet hatte.

Drei Mädchen traf ich auch außerhalb des Horts in der Freizeit. Eines der Mädchen besuchte ich bei ihr zuhause, wo ich still und stumm auf ihrem Bett saß. Ich fühlte mich sehr unwohl: Wenn ich im Hort keinen Kontakt haben wollte, setzte ich mich an den Basteltisch. Das war nie schlimm, weil das Mädchen sich dann anderen Kindern anschloss. Bei ihr zuhause gab es jedoch keinen Fluchtweg. Sie lud mich danach nie wieder ein, was für mich allerdings kein Problem war; ganz im Gegenteil. Ein anderes Mädchen besuchte mich zuhause, was aber ebenfalls in einer Katastrophe endete. Ich ignorierte sie und ging meinen Interessen nach, weswegen sie Heimweh bekam und von meiner Mutter getröstet wurde. Sie saß in einer Umarmung umschlungen auf dem Sofa neben meiner Mutter, was plötzlich meine Wahrnehmung veränderte. Ich nahm an diesem Tag zum ersten Mal bewusst wahr, dass andere Kinder Körperkontakt zulassen konnten. Ich war daraufhin sehr eifersüchtig und neidisch, was ganz neue Gefühle für mich waren. Da war ich ungefähr zehn Jahre alt.

Nur das weiter oben schon erwähnte Mädchen, dass mir das Spiel mit Barbies zeigte, hielt den Kontakt mit mir aufrecht. Ich zeigte ihr meine Art des Spielens, sie zeigte mir ihre Art des Spielens. Einmal schnitten wir gemeinsam Möbel aus Katalogen aus, ein anderes Mal fuhren wir mit den Barbies an die Badewanne, äh, den Strand meine ich natürlich. Einmal zeigte ich ihr meine Fahrradrouten und wo ich frisches Obst pflückte, ein anderes Mal zeigte sie mir Gesellschaftsspiele. Einmal malten wir zusammen bunte Bilder, ein anderes Mal zeigte sie mir ihre Lieblingssendungen im Fernsehen. Es war wie ein Wunder, dass ich mich so sehr auf einen anderen Menschen einstellen konnte; aber das Mädchen zeigte auch immer viel Geduld und Verständnis.

Ein weiteres Mädchen wohnte bei uns im Haus. Sie war älter als ich und versuchte mir ebenfalls neue Spiele zu zeigen, allerdings hatte sie weniger Glück als das Mädchen aus dem Hort. Mich persönlich interessierte in erster Linie ihre Nintendo-Konsole, auf der ich stundenlang spielen konnte; bis dem Mädchen eben langweilig wurde und sie sagte, dass sie andere Spiele machen möchte. Sie versuchte mit mir zu singen, aber ich verstand damals nichts von Musik. Sie sang, während ich den Text ablas. Dann sagte sie mir, dass ich singen muss, nicht lesen. Ich versuchte es, aber immer wieder las ich bloß den Text ab. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich hatte keine Ahnung wie ich singen konnte. Dann zeigte sie mir, wie ich Gummitwist springen konnte; aber meine Fußgelenke knackten bei jedem Sprung und sie hasste dieses Geräusch. Folglich erklärte sie mir, dass ich mit dem Fuß abrollen muss; aber ich sprang weiter ausschließlich mit den Zehenspitzen, was eben das Knacken auslöste. Am Ende landeten wir immer wieder an der Konsole.

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