Sozialkater

Da sitze ich nun mit meinem Sozialkater. Erst passiert wochenlang gar nichts und ich versinke in der Einsamkeit, dann überschlagen sich die Ereignisse redensartlich. Das bereitet mir arge Probleme, weil die Ruhepausen zwischen den Sozialkontakten nicht lang genug sind und ich mit der Verarbeitung nicht hinterherkomme; diese beiden Faktoren sind übrigens abhängig voneinander. Ich brauche die Ruhepausen auch zur Verarbeitung.

Ein Sozialkater bezeichnet die Folgen einer oder mehrerer sozialen Interaktionen in einem Individuum. Er tritt in der Regel im Anschluß daran auf und ist unabhängig davon, ob die soziale Interaktion als erfolgreich oder angenehm erlebt wurde. Allein ihre Dauer und Komplexität bestimmen das Ausmaß.
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Erst war ich beim Stammtisch für erwachsene Autisten. Das war ein schöner Ausflug. Ich musste zwar eine Weile mit der Bahn fahren, aber dank meinem Hund und einer zuvor erstellten Playliste, war die Fahrt ganz in Ordnung. Beim Stammtisch selbst habe ich nette Menschen mit ähnlichen Schwierigkeiten kennengelernt, sogar einige Gespräche geführt. Für mich also ein voller Erfolg. Auf dem Rückweg hatte die erste Bahn dann allerdings Verspätung, so dass ich die zweite Bahn in der Großstadt verpasste. Somit saß ich noch eine ganze Stunde lang am Gleis. Eine junge Frau setzte sich zu mir, streichelte meinen Hund und suchte das Gespräch. Ich unterhielt mich eine Weile mit ihr, obwohl es mich weitere Energie kostete. Es war mittlerweile fast Mitternacht, deswegen nahm ich an, dass sie froh war eine weibliche Person mit Hund um sich zu haben.

Den nächsten Stammtisch besuchte ich bereits am Dienstag. Dieser war allerdings nicht für Autisten, weswegen es mich wesentlich mehr Kraft kostete. Ich betrat das Lokal alleine, kämpfte mich durch Menschenmassen, und musste eine größere Gruppe an fremden Leuten begrüßen. Ich kann mit Worten gar nicht beschreiben, was für eine wahnsinnig große Herausforderung das für mich war. Ich war froh, als ich endlich einen Platz gefunden hatte. Hier war ich viel ruhiger, weil mir gemeinsame Themen fehlten. Ich stellte wieder ziemlich schnell fest, dass viele nichtautistische Menschen einen sehr reges Sozialleben führen. Eine Dame erzählte, dass sie abends nach ihrem Vollzeitjob gerne noch zum Sport geht. Wenn ich eine Vollzeitstelle habe, genieße ich abends nur noch die Ruhe. Arbeit, Sport, Freizeitaktivitäten, ehrenamtliche Tätigkeiten und ein großer Freundeskreis; für die meisten Menschen scheinbar Normalität.

Tatsächlich kann ich da nicht mithalten. Allein der Gedanke daran erschöpft mich ohne Maße. In solchen Situationen fällt es mir dann schwer, zu mir und meinen „Eigenarten“ zu stehen. Zwischendurch sagte ich einmal, dass ich introvertiert bin, aber damit stoppte ich bloß den Redefluss der anderen. Trotzdem hatte ich ein paar nette Gespräche, die dennoch viel Energie kosteten. Als ich das Lokal am Ende verließ, verspürte ich bereits Kopfschmerzen und Unwohlsein. Wieder musste ich am Bahnhof auf meinen Zug warten, eine Dame rauchte in meiner Nähe und verschlimmerte meinen Overload. Ich wünschte, ich hätte ein Auto. Als ich endlich zuhause war, fand ich jedoch keinen Schlaf, weil in der Wohnung über mir noch gefeiert wurde.

Am Mittwoch blieb mir dann keine Zeit zum Ausruhen, denn bereits am frühen Nachmittag fand der Kreppelkaffee vom Chor statt. Es wurden Büttenreden gehalten und für mich seltsame Lieder gesungen, so in Richtung Volkslieder und Fasching. Nach einer halben Stunde war ich dermaßen im Overload, dass mir erste Tränen in die Augen stiegen. Ich wusste, dass ich nach Hause muss, wenn ich keinen Heulkrampf und Meltdown riskieren wollte.

Nicht zu unterschätzen sind die indirekten Interaktionsfolgen. Auf somatischer Ebene möglich sind Migräne (infolge der Reizüberflutung, aber auch infolge muskulärer Anspannung in Nacken-Kiefer-Gesicht), Appetitlosigkeit, Erschöpfung. Selbstverständlich Schlaflosigkeit.
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In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag schlief ich ebenfalls nicht viel, obwohl ich früh ins Bett ging. Ich fühlte mich aufgewühlt und unruhig, weil ich die Sozialkontakte immer noch nicht verarbeitet hatte. Es blieb auch keine Zeit. Am Donnerstagmorgen litt ich dann unter extremer Übelkeit. Ich überlegte sogar, ob ich die Therapiestunde absage, aber das hätte meine Routine zerstört. An der frischen Luft ging es mir besser, so dass ich die Therapie ganz gut meisterte. „Sie wirken distanziert“, sagte meine Therapeutin. „Liegt das noch an dem Missverständnis aus der letzten Sitzung?“ Ich war extrem müde, was automatisch zu weniger Kompensation führt. Da sie das Thema aber ansprach, nutzte ich die Gelegenheit um das Missverständnis endgültig aus der Welt zu schaffen.

Am Mittag nach der Therapie kam dann noch meine ehemalige Mitbewohnerin. Es stresste mich weniger als gedacht, aber wir verbrachten auch einen recht ruhigen Tag zusammen. Spazierten durch die Gegend, aßen beim Asiaten, schauten uns Filme an. Trotzdem bin ich sehr froh, dass ich heute einen ruhigen Tag habe. Und ein ruhiges Wochenende. Ich brauche jetzt wirklich Zeit, um die Sozialkontakte zu verarbeiten. Zeit für mich. Zumal in der nächsten Woche die nächsten Kontakte anstehen. Eine ehemalige Kommiliton kommt her, so dass wir abends eine Runde spazieren wollen. Darauf freue ich mich allerdings schon, da sie Verdachtsautistin ist. Dann steht wieder Chorprobe an, Therapie, ein Treffen mit einem Autisten vom Stammtisch; und am Wochenende folgen meine Eltern. Hilfe!

Ein Sozialkater kann direkte Interaktionsfolgen bezeichnen. Das kann beinhalten: Erinnern von Gesprächsabschnitten, Bewerten und Rekapitulieren von Gesprächsabschnitten oder Interaktionssequenzen. Nachdenken über das eigene Verhalten, inneres Wiederholen, ängstliches Erforschen, Versuche, die Reaktionen anderer im Nachhinein zu deuten.
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Meine Art der Verarbeitung sieht übrigens tatsächlich so aus wie in dem obrigen Zitat. Ich erinnere mich an die Gespräche, überprüfe sie nach Fehlerquellen, denke über Verbesserungen nach, wiederhole die Unterhaltungen, erforsche die Situationen, grüble über Reaktionen. Deswegen könnte ich am Ende einer Therapiesitzung auch nicht sagen, ob es schwierige Situationen oder Missverständnisse gab. Ich muss im Nachhinein erst noch einmal über alles nachdenken, alles durchgehen, alles abarbeiten; erst dann bin ich in der Lage die Situation zu überblicken.

3 Kommentare zu „Sozialkater

  1. Endlich habe ich einen Begriff dafür 🙂 Habe das auch regelmässig, insbesondere in meinem zeitweise gesprächslastigen Job. Diffizil wird es, die Faktoren zu eruieren, die den Sozialkater einer Begegnung beeinflussen: Wie gut kenne ich eine Person (oder wie schwierig ist die Interpretation von Mimik, Gestik und Subtext), wie sensorisch anstrengend ist die Umgebung, wie intensiv muss ich mit dem Kopf bei Gesprächen dabei sein, wie hoch ist mein genereller aktueller Stresslevel?

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  2. „Eine Dame erzählte, dass sie abends nach ihrem Vollzeitjob gerne noch zum Sport geht. Wenn ich eine Vollzeitstelle habe, genieße ich abends nur noch die Ruhe. Arbeit, Sport, Freizeitaktivitäten, ehrenamtliche Tätigkeiten und ein großer Freundeskreis; für die meisten Menschen scheinbar Normalität.“

    So wie ein Kollege vor dem Spätdienst immer gerne Radtouren macht. Ich schlafe vor dem Spätdienst lang, frühstücke gemütlich und dann fahr ich los. Mehr geht einfach nicht. Manchmal, wenn ich nach dem Frühdienst früher gehen durfte, sagte der Kollege „damit du noch was hast von dem schönen Tag.“ Meist fuhr ich direkt nach Hause, maximal noch was einkaufen fürs Abendessen. Musste mich immer sehr konzentrieren mit dem Rad, weil müde und verzögerte Reaktionszeit. Zuhause dann nichts mehr, nur noch am PC die Zeit totschlagen bis ins Bett gehen.

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