Freunde

Ich schrieb hier schon einmal etwas zum Thema Freundschaften; zu den Kontakten in meiner Kindheit und Jugend sowie dem Kontaktabbruch zu meiner besten Freundin. Das ganze Thema macht mir immer wieder Gedanken. Ich erinnere mich zurück, als eine Mitschülerin aus der Berufsschule mir sagte: „Ich bin nicht der Typ Mensch für Freundschaften.“ Das brachte meine eigene Gefühlswelt ganz gut auf den Punkt. Ich denke nämlich, dass ich auch nicht dieser Typ von Mensch bin. Ich drehe und wende das Blatt redensartlich, betrachte es von allen Seiten, analysiere bis ins kleinste Detail. Immer wieder versuche ich klassische Freundschaften zu erhalten, aber vielleicht ist es an der Zeit, dass ich meinen Istzustand akzeptiere.

Immerzu versuche ich die Fehlerquelle zu finden, die Gründe für meine fehlenden Freundschaften. Ich meine hier Freundschaften im klassischen Sinne, aber dazu schreibe ich an späterer Stelle noch mehr. Ich frage mich, ob ich als Person zu langweilig bin, ob ich zu wenig Interesse an anderen Menschen und gemeinsamen Treffen zeige, ob etwas in meiner Kommunikation fehlt, ob es an meinem vorhandenen Hund liegt, ob ich zu problembeladen auf andere Leute wirke. Noch immer habe ich das Gefühl, dass mir dieser innere Magnet fehlt. Der Magnet, der andere Menschen anzieht oder abstößt. Mir fehlt dieser Magnet.

Vermutlich bin ich nicht einmal ein schlechter Mensch. Ich war eine gute Kommilitonin, eine gute Arbeitskollegin, eine gute Mitbewohnerin. Ich bin eine gute Chatpartnerin, ein guter Schreibkontakt, ein gutes Chormitglied. Menschen sind gerne in meiner Nähe. Sie führen gerne Gespräche und Unterhaltungen mit mir, sehen mich als schöne Begleitung bei einem kurzen Spaziergang, erleben mich als angenehm bei Stammtischen und gemeinschaftlichen Treffen. Aber dann ist die Grenze auch erreicht. Es fühlt sich an, als säße ich in einem Zug zum „Hauptbahnhof Freundschaft“, aber kurz vorm Bahnhof bleibt der Zug plötzlich stehen und fährt wieder in die andere Richtung.

Ich bin trotzdem nicht gefeit vor Verletzungen, weil ich mir immer wieder Hoffnung mache. „Ich fände es schön, wenn wir uns mal treffen“, sagen hin und wieder Menschen zu mir. Am Ende stellt sich dann heraus, dass das nur eine Floskel war. Oder vielleicht auch nicht, aber zu einem Treffen kommt es dennoch nicht. Mir wird gesagt, dass keine Zeit vorhanden ist, aber dann trifft sich die Person mit anderen Menschen und ich bemerke, dass es scheinbar nur keine Zeit für mich gibt. Das wäre in Ordnung, wenn der Mensch mir vorher nicht etwas anderes mitgeteilt hätte. So sorgt es nur für Verwirrungen. Wobei ich nicht ausschließe, dass die Fehlerquelle bei mir liegt. Vielleicht zeige ich zu wenig Interesse, zu wenig Eigeninitiative.

Besonders aufgefallen ist mir das in meinem Studium, als ich Kontakt hatte zu einer Person aus dem benachbarten Studiengang. Sie schlug ein Wiedersehen vor, ich fragte nach einem Termin – und dann gab es ganz verschiedene Ausgänge dieser Situation. Manchmal kam keine Antwort mehr, ein anderes Mal wurde der Termin spontan abgesagt; und einmal durfte ich mich sogar auf „die Ersatzbank“ setzen. Wir waren am Mittag verabredet, aber am Vormittag bekam ich dann eine Nachricht, dass die Person erst am Nachmittag wieder Zeit hat. Also bereitete ich alles für den Nachmittag vor, um dann eine Nachricht zu erhalten, dass die Person jetzt noch auf einem Geburtstag sei und die Sonne genießt. Sie vertröstete mich auf den Abend, woraufhin ich das Treffen ganz absagte.

Ich sitze nicht gerne auf der Ersatzbank, allerdings scheine ich im Leben trotzdem eher eine Nebenrolle zu spielen. In meinem eigenen Studiengang hatte ich während der Vorlesungen zu ganz verschiedenen Menschen Kontakt, aber nur eine einzige Kommilitonin sah ich auch in der Freizeit. Für alle anderen spielte ich nur diese Nebenrolle. Gespräche sind in Ordnung. Kurzer Austausch ist in Ordnung. Gemeinsame Freizeitaktivitäten in der Gruppe sind in Ordnung. Ich bin quasi dabei, aber im Grunde genommen gehöre ich trotzdem nicht richtig dazu. Aufgrund dieser einen Kommilitonin wurde ich in der Gruppe akzeptiert, aber näheren Kontakt wollte niemand zu mir. Das meine ich eben mit „Nebenrolle“.

Das sind auch keine Einzelfälle, denn es begleitet mich mein Leben lang. In meiner Kindheit gibt es immerhin zwei Indizien, die auf eine Fehlerquelle meinerseits deuten. Ein Mädchen bei mir im Haus sagte eines Tages: „Immer muss ich zu dir raufkommen und dich zum Spielen abholen, aber nie kommst du zu mir runter und fragst mich, ob wir gemeinsam was unternehmen wollen.“ Eine andere Situation ereignete sich, als ich bei meiner Großmutter im Urlaub war. Auch hier sagte ein Mädchen zu mir: „Wieso muss ich immer zu dir und deiner Oma laufen, um dich für Unternehmungen abzuholen? Du könntest doch auch mal zu mir kommen!“ Es sah also aus, als würde mir das Interesse fehlen. Mir fehlte das Interesse aber nicht; ich verstand nur dieses Prinzip nicht. Ich wusste nicht, wann es Zeit für eine Kontaktaufnahme ist, und ich wusste nicht, wie ich diese Kontaktaufnahme bewerkstelligen soll. Ich befürchte, dass ich dieses Prinzip heute immer noch nicht verstehe.

Also sehe ich dabei zu, wie andere Menschen sich treffen und gegenseitig besuchen, werde aber einfach kein Teil davon. Und ich habe keine genaue Antwort, nur zahlreiche Mutmaßungen. Vielleicht ist es auch eine Kombination aus mehreren Teilen, diese Wahrscheinlichkeit ist aus meiner Sicht hoch. Ich versuche es neutral zu sehen, aber in manchen Fällen verletzt es mich eben. Wieso verabredet sich jemand mit anderen Menschen, schreibt mir von einem Treffen und das sie mich als Person mag, hält mich zur gleichen Zeit aber auf Abstand? Es ist schwer dann nicht an sich selbst zu zweifeln, sich nicht als minderwertigen Menschen zu betrachten.

„Freunde“ habe ich trotzdem, wenn auch vermutlich nicht im klassischen Sinn. Von einem Freund kenne ich nicht einmal das Aussehen, keinen Nachnamen, keinen genauen Wohnort. Wir haben uns über eine Musikseite kennengelernt, schreiben uns fast täglich Nachrichten. Und das seit bestimmt zehn Jahren. Das meine ich eben damit, dass ich ein guter Schreibkontakt bin, eine gute Chatpartnerin. Ich denke, für eine Freundschaft müssen sich zwei Menschen auch nicht zwangsläufig persönlich kennen. Vertrauen ist wichtig und Ehrlichkeit, gemeinsame Interessen. Interesse aneinander, hin und wieder eine Kontaktaufnahme, gegenseitige Akzeptanz und Respekt.

Manche Menschen, wie meine Freundin an meinem alten Wohnort, sehe ich hin und wieder im Jahr. Ich scheine hier aber eher wieder die „Nebenrolle“ zu spielen; also es ist in Ordnung mich zu sehen, aber regelmäßiger Kontakt findet nicht zwangsläufig statt. Anders ist das bei zwei Freundinnen aus meinem Studium und meiner ehemaligen Mitbewohnerin. Wir sehen uns aufgrund der Distanz auch nur hin und wieder, bleiben aber zwischen den Treffen noch schriftlich in Kontakt. Oder über Sprachnachrichten.

Ich habe gar kein richtiges Schlusswort an dieser Stelle. Außer vielleicht, dass der zwischenmenschliche Bereich für mich kompliziert ist. Ich habe nur Enttäuschungen satt, denn ich weiß eben gerne, woran ich bei einem Menschen bin. Eine „Nebenrolle“ kann ich gut akzeptieren, aber die „Ersatzbank“ oder die „Außenseiterrolle“ schmerzen mich zu sehr.

Ein Kommentar zu „Freunde

  1. Eine Erfahrung die ich gemacht habe, ist, dass andere erwarten, dass man Interesse an ihnen zeigt – sich von sich aus meldet, nachfragt, Treffen initiiert. Wenn die Freundschaft dadurch einseitig wirkt, wird die Basis der Freundschaft selbst infrage gestellt. Einige sprechen das an („Immer muss ich …“), andere ziehen sich wortlos und irritiert zurück. Ein Teufelskreis, wenn du auf der anderen Seite dich selbst infrage stellst, aber gleichzeitig nicht aus deiner Haut kannst.

    Bei mir ist es ähnlich, ich habe aber eine beste Freundin, der das mehr oder weniger egal zu sein scheint 🙂

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