Kleidung

Kleidung, die Welt der Mode und ich; ein leidiges Thema. Kleidung war bereits in meiner Kindheit ein großes Streitthema. Dabei akzeptierte meine Mutter meine Eigenarten, nur leider meine Grundschullehrerin nicht; aus ihrer Sicht war ich vor allem im Winter immer falsch und viel zu kühl angezogen. Das arme Kind holt sich ja den Tod da draußen in der Eiseskälte. Aus Erzählungen weiß ich, dass meine Mutter angerufen und von warmer Kleidung überzeugt wurde. Das Kind muss Jeanshosen anziehen, die es vor der Kälte schützen. Meine Mutter steckte mich also in Jeanshosen. Meltdown! Ich zog die Hosen nicht an, denn ich bekam Bauchschmerzen von dem Material. Also kaufte meine Mutter Jeanshosen mit Gummibund. Ich ging mit diesen Jeanshosen zur Schule und ertrug die Schmerzen. Am Abend: Meltdown! Unverständnis meinerseits, weshalb meine Mutter mich mit diesen Hosen quälte. Am nächsten Tag trug ich wieder Jogginghosen.

Ich fror nie, denn die Jogginghosen waren aus dickem und weichem Material; außerdem reagierte ich nicht besonders empfindlich auf Kälte. Ein Umstand, der mich auch jetzt im Erwachsenenalter begleitet. Ich trage im Winter dünne Parka, die andere Menschen zum Herbstbeginn anziehen. Wenn es keine Jeanshosen mag, dann braucht das Kind zumindest Wollstrumpfhosen. Damals dachte ich, dass der Erfinder von Wollstrumpfhosen ein Sadist sein muss. Das kratzige Gefühl der Wolle auf meiner Haut brachte mich beinahe um den Verstand. Die Strumpfhose zwickte an jeder Stelle und verrutschte am Bein. Als ich eines Tages allein zuhause war, zerschnitt ich die Strumpfhosen an den Beinen. Ich versuchte ganz dünne Streifen hinzubekommen; dann setzte ich die Strumpfhose auf meinen Kopf und hatte eine Perücke. Für mich hatten die Strumpfhosen somit einen sinnvolleren Zweck.

Während meiner ersten Klassenfahrt regte sich meine Grundschullehrerin dann furchtbar auf; damals war ich neun Jahre alt. Sie kontrollierte meinen Koffer und meinte, dass meine Mutter ihn unzureichend gepackt hätte, denn die warme Kleidung würde fehlen. Tatsächlich hatte ich meinen Koffer zum großen Teil selbst gepackt, weil meine Mutter bei der Wahl meiner Kleidung schon lange nicht mehr mitreden durfte. Es fehlen Unterhemden. Ich verstand das Problem nicht, denn ich hatte stattdessen Shirts dabei. Ich trug keine Unterhemden, sondern Baumwollshirts unter meinen Pullovern. Geh und frag eine Mitschülerin, ob sie dir ein Unterhemd leiht. Ich sprach nicht mit meinen Mitschülern. Folglich wurde mir ein Ausflug komplett verweigert, weil ich ohne Unterhemd nicht mitgehen durfte.

Wenn ich ungemütliche, zwickende Kleidung in der Schule trug, konnte ich mich nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren. Meine Gedanken waren allein bei dem schrecklichen Kleidungsstück und den furchtbaren Reizen. Besonders schlimm waren auch die Schilder in den Kleidungsstücken. Bei Pullovern befanden sie sich im Bereich des Nackens. Es juckte und kratzte so furchtbar, dass meine Mutter die Schilder zuhause rausschneiden musste. Rollkragenpullover fühlten sich für mich beispielsweise auch an, als würde jemand zwei Hände um meinen Hals legen und würgen. Genau das Gleiche galt für diese Tattooketten, die in meiner Jugend viele Leute um den Hals trugen. Ich probierte es aus, aber diese Ketten schnürten mir die Luft zum Atmen ab.

Ähnlich störend empfand ich auch zu kurze Shirts, vor allem während des Sports. Wenn die Shirts mir am Körper hochrutschten, zog ich sie immer wieder runter oder hielt sie während des Unterrichts am Saum unten fest. Das hochrutschende Shirt fühlte sich richtig unangenehm auf der Haut an, sorgte für eine Reizüberflutung.

Als Jugendliche hatte ich dann sicher meine „Hochphase“. Ironie! Einer meiner „Marotten“ war, dass ich manchmal der Jahreszeit entsprechend unpassend angezogen war. Ich trug Stiefel und Kuschelpullover im Sommer und dünne Jacken im Winter. Außerdem hatte ich keinerlei Gespür für Mode oder Farbkombinationen. Ich trug Kleidung nicht nach den neusten Trends, sondern nach Bequemlichkeit und zum Teil auch nach Individualität. Weiche Stoffe, weites Material, ausgefallener Look; das waren meine Kriterien. Es spielte keine Rolle für mich, ob die Farben und Materialien zusammenpassten. In einer Phase trug ich die Hosen und Pullover meines Stiefvaters. Die Sachen fielen gespenstisch an meinem Körper herunter; die Hosen befestigte ich mit Gürteln um meine Hüfte. Es war angenehm, weil sich somit keine enge Kleidung an meinem Körper befand.

Diese Phase wurde dann abgelöst durch meine Gothiczeit. Ich trug ausschließlich schwarz; und interessierte mich zum ersten Mal in meinem Leben tatsächlich für Mode. Zwar keine gängige Mode, aber ich sah mir andere Leute mit dem Stil an und kreierte dann meinen eigenen Style. Ich gab sogar Strumpfhosen wieder eine Chance, wenn ich auch darauf achtete, dass diese keinen Wollanteil besaßen. Einige Jahre gab es dann keine Farben mehr in meinem Kasten (ich liebe das österreichische Wort für Schrank), was sich eines Tages aber wieder änderte. Ich weiß nicht einmal wie genau; es war ein eher schleichender Prozess.

Zu Beginn meiner Ausbildungszeit trug ich gerne Marlenehosen und weiche Pullover, aber mit der Zeit versuchte ich mich meinen Mitschülern anzupassen. Röhrenhosen und Treggings waren modern; und sie standen meiner sehr schlanken Mitschülerin ausgezeichnet. Meine Beine sind aber definitiv meine Problemzone, weswegen die Hosen bei mir eher unvorteilhaft wirkten. Zudem kaufte ich sie mindestens eine Nummer größer, um den Stoff besser an der Haut zu ertragen. Einen Winter lang funktionierte das, aber bereits den Winter darauf bekam ich beim Anziehen der Treggings häufiger Meltdowns. Ich schrie und weinte, was meine Eltern nicht begreifen konnten. Ich war schließlich inzwischen eine erwachsene Person. Nicht unintelligent. Ich wollte aber dazugehören, mich meinen Mitmenschen anpassen. Ich quetschte mich in die Hosen, was eine taktile Reizüberflutung auslöste und mich somit in die Meltdowns transportierte.

Im dritten Winter entsorgte ich die Treggings. Von da an fand ich meine „eigene Mode“. Mein jetziges Prinzip ist eigentlich ziemlich einfach. Im Winter trage ich Strumpfhosen, die in der Innenseite weich gefüttert sind. Ich kaufe die Strumpfhosen meist eine Nummer größer, so dass sie nicht zu eng am Bauch sitzen. Dazu trage ich Kleider und Röcke, außerdem Baumwolltops und weiche Pullover oder Strickjacken. Das Material spielt eine wichtige Rolle, aber auch die Passform; die Kleidung darf nicht zu eng sitzen. Ich trage große Schals, weil sie mein Stimming und Skill sind, aber meist dünne Parka, weil ich im Winter nicht schnell friere. Im Sommer hingegen trage ich entweder locker fallende Kleider oder weite Stoffhosen, dazu wieder meine Baumwolltops. Keine Jeanshosen, keine Wolle, keine Rollkragenpullover, keine Treggings.

Thema Schuhe. Ach, lassen wir das! Ich wünschte, ich könnte rund um die Uhr entweder barfuß laufen oder mit Kuschelsocken. Wenn ich zuhause bin ziehe ich mir immer sofort die Schuhe aus, weil sie wie Ausgeburten der Hölle für mich sind. Am liebsten würde ich überall meine Schuhe ausziehen: Beim Chor, in der Therapie, bei Besuchen, im Café, im Restaurant, beim Stammtisch. Überall! Schuhe sind Belastung! Mal abgesehen vom Schuhkauf. Wenn ich Schuhe brauche, schleiche ich gedanklich wochenlang um den Schuhladen herum. Dann betrete ich ihn eines Tages, probiere höchstens fünf Paar an, und kaufe im besten Fall ein Paar. Nach fünf Minuten bin ich dann fertig; wenn nicht mit dem Schuhkauf, dann auf jeden Fall mit den Nerven. Ich besitze nur flache Schuhe. Die sind noch einigermaßen „gemütlich“, wobei Gemütlichkeit hier eine Übertreibung meinerseits ist.

An sich schaue ich ganz gerne nach Kleidung. Finde ich ein gemütliches Kleidungsstück, kaufe ich es gerne in mehrfacher Ausführung, möglichst in verschiedenen Farben. Tatsächlich habe ich es im Januar zum ersten Mal in meinem Leben geschafft, alleine in die nächste Großstadt zu fahren und einige Geschäfte zu durchlaufen. Zuvor habe ich das nur in Begleitung gemacht, beziehungsweise habe ich meine Kleidung alternativ online gekauft. Als ich im Januar unterwegs war, habe ich mir zuvor einen Plan gemacht. Ich habe überlegt, in welche Geschäfte ich gehen möchte und welche Reihenfolge sinnvoll ist. Dann habe ich mein Handy geladen, mir eine Playliste erstellt und zwei Kopfhörerpaare mitgenommen. Zwei, weil ich kein Risiko eingehen wollte. Mit dieser Kombination und guter Musik fühlte ich mich ausgerüstet; außerdem sah ich meinen Vorteil darin, dass nur größere Geschäfte auf meiner Liste standen und ich einen Montagvormittag auswählte.

Kleinere Geschäfte oder Boutiquen mag ich hingegen gar nicht; das Verkaufspersonal möchte begrüßt werden und stellt für mich unnötige Fragen. Außerdem fühle ich mich in solchen Läden immer beobachtet und als müsste ich irgendein Teil kaufen. Das stresst mich enorm, so dass ich leicht ins Schwitzen komme und sogar plötzlich grobmotorische Schwierigkeiten zeige. Die Kleidung online zu kaufen ist für mich barriereärmer, bringt aber andere Probleme mit sich. Erstens gibt es eine ganze Palette an Begriffen, wie Sandalen, Wedges oder Sneaker. Zweitens kommt der Versand hinzu, also zusätzliche Kosten, widrige Arbeitsbedingungen und ein klingelnder Paketbote. Drittens kaufe ich ganz gerne Second Hand, was aber mit einem Risiko aufgrund des Materials und der Passform verbunden ist.

Nach außen hin würde sicher niemand auf die Idee kommen, dass ich solche Probleme mit der Kleidung habe. Ich habe meinen Stil inzwischen gefunden und weiß, worauf ich bei Kleidung achten muss. Nur sehr selten gibt es Tage, an denen ich kaum ein Kleidungsstück am Körper ertrage und weinend vor meinen Kleiderstangen sitze. Nur das Thema Schuhe. Ach, lassen wir das!

2 Kommentare zu „Kleidung

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