Mr Wuff

Im Sommer vor neun Jahren saß mein Stiefvater an seinem Laptop. Ich trat zu ihm, blickte auf den Bildschirm und fragte ihn, weshalb er sich Bilder von Hunden anschaut. Er sagte, er sei ganz begeistert von dieser Hunderasse. Es handelte sich um Australian Shepherds, die zu den Hütehunden gehören. Ich nickte, stand aber auf der Seite meiner Mutter, die keinen weiteren Hund mehr haben wollte. Unser Familienhund war seit zwei Jahren verstorben und ich muss gestehen, dass ich mich an ein Leben ohne Hunde gewöhnt hatte.

Genau in diesem Sommer war ich bereits seit drei Monaten mit Autismus diagnostiziert, und genau in diesem Sommer schloss ich mein erstes Ausbildungsjahr ab, was bedeutete, dass ich die Abteilung wechselte. In der neuen Abteilung hatte ich arge Probleme, was aber wieder eine andere Geschichte ist. Ich kam jeden Tag weinend nach Hause, hatte keine Energie mehr und zweifelte an meinen Fähigkeiten. Als ich in diesen Tagen meinen Stiefvater erneut vor dem Laptop sitzen sah, an dem er zu adoptierende Hunde durchsah, wechselte ich auf seine Seite. Ich schickte ihn weg und sagte ihm, dass ich einen passenden Familienhund finden werde.

Noch am gleichen Abend fand ich Amy, eine Australian Shepherd Dame. Ich wollte unbedingt eine braune Hündin, das hatte ich mir quasi in den Kopf gesetzt. Wir wurden dann auch von der Pflegefamilie eingeladen, diese meinte aber, dass sie Amy nur an erfahrene Menschen weitergeben möchten. Wir hatten zwar in der Vergangenheit einen Hund, aber einen Retriever. Demzufolge erhielten wir eine Absage. Ich war sehr verstört und traurig, durchsuchte das Internet aber nur noch intensiver. Dann fand ich eine Annonce: Ich gebe meinen Australian Shepherd Rüden ab, er ist ein Jahr alt und derzeit bei mir in der Therapiehundausbildung. Er hört auf alle gängigen Kommandos.

Also fuhren wir zwei Stunden in den Norden, um uns den Hund anzusehen. Meine Eltern waren von „Mr Wuff“ sofort begeistert, ich hingegen blieb auf Distanz. In meinem Kopf spukte immer noch Amy. Zuhause diskutierten wir viel über Mr Wuff und ich verheimlichte nicht, dass ich die Begeisterung meiner Eltern nicht teilte. Trotzdem stimmte ich zu, denn er sollte schließlich ein Familienhund werden. Mr Wuff war kein „Schnäppchen“. Er hatte die Therapiehundausbildung zwar nicht abgeschlossen, aber aufgrund seiner perfekten Ausbildung verlangte sein damaliges Frauchen dennoch einiges an Geld. Nichtsdestotrotz fuhren wir wieder in den Norden und holten ihn ab, denn meine Eltern waren vernarrt in diesen Hund.

Ich weiß noch, wie er bei mir auf der Rückbank im Auto saß und ich total überfordert war mit der Situation. Meine Eltern sagten, dass ich Mr Wuff streicheln und beruhigen soll, aber ich wollte ihn am liebsten von meinem Schoss schieben und Distanz wahren. Als wir zuhause waren, sah Mr Wuff so verstört und traurig aus, wie ich mich die ganze Zeit über in der Ausbildung fühlte. Er lief mit eingezogener Rute durch das Wohnzimmer, trottete depressiv durch den Garten. Mir liefen heimlich die Tränen, weil er sich offensichtlich nach seiner gewohnten Umgebung sehnte und die neue Situation nicht verstand.

Da war er also angekommen, unser neuer Familienhund. Ich hatte gerade zwei Wochen Urlaub, weswegen ich mich um Mr Wuff kümmerte. Das war in Ordnung. Er war nicht mein Wunschhund, aber ich vermutlich auch nicht sein Wunschfrauchen. Darüber schienen wir uns zunächst einig, als er eingerollt auf einem großen Kissen neben meinem Bett lag, auf dem wiederum ich eingerollt unter meiner Decke schlummerte. Wir hielten beide genau eine Nacht an dieser Überzeugung fest, denn bereits am nächsten Tag sollte sich mein Leben mit Mr Wuff ändern, wovon ich zum damaligen Zeitpunkt aber keine Ahnung hatte.

Es ist nicht einmal was Drastisches passiert; mal abgesehen davon, dass Mr Wuff am zweiten Tag seiner Ankunft schon kein Familienhund mehr war. Er war MEIN Hund. Heute ist es mir peinlich, obwohl meine Familie inzwischen darüber lacht und es locker sieht. Das klingt jetzt nicht weiter schlimm, aber tatsächlich dürfte sich damals KEINER außer MIR um Mr Wuff kümmern. Nur ich gab ihm sein Essen, nur ich gab ihm Leckerchen, nur ich ging mit ihm zum Gassi raus, nur ich durfte den Hund streicheln, nur ich machte im Garten mit ihm Übungen. Mit einer einzigen Ausnahme: Wenn ich nicht zuhause war, dann durfte meine Familie an den Hund ran.

Als mein Urlaub vorbei war, kam ich wieder täglich weinend von meiner Ausbildung nach Hause. Allmählich zeigte sich die Ausbildung meines Hundes. Wenn ich weinte, tröstete er mich, wenn ich im Overload war, versuchte er mich abzulenken, wenn ich im Shutdown oder in einer Dissoziation war, stupste er mich mit der Nase an und holte mich in die Gegenwart zurück. Ich konnte ihn überall mitnehmen, also in die Innenstadt, in Geschäfte, in Bus und Bahn, in Restaurants; er zeigte perfektes Benehmen. Er blieb immer an meiner Seite, ließ sich durch keine Menschen und Geräusche ablenken, hörte auf Worte und Sichtzeichen. Er war ein Jahr alt; wenn wir im Restaurant waren, legte er sich ohne Kommando neben meinen Stuhl und machte keine weitere Bewegung. Wenn es zuhause Essen gab, verschwand er automatisch auf seine Decke, nur aufgrund der Geräusche des Geschirrs. Wenn angeleinte Hunde kamen, blieb er im Freilauf und machte einen Bogen um sie herum.

Zum Ausgleich fuhr ich damals viel zu Hundetreffen mit ihm, wo er dann ganz bewusst mit anderen Hunden laufen konnte. Es erstaunte mich, dass ich dort viel Neid erfuhr. Neid war ich nicht gewohnt in meinem Leben. Mr Wuff wurde viel gelobt und bewundert, aber ich bekam auch bissige Kommentare, weil die Erziehung ja nicht mein Verdienst gewesen ist. Manche Kommentare haben mich sehr verletzt. Ich habe auch viel Unverständnis erfahren, weil ich Angst vor den anderen Hunden hatte und sie nicht streicheln wollte. Im Großen und Ganzen war das aber eine schöne Zeit, weil es mehr nette und freundliche Menschen gab.

Für meine Familie und mich war das wie ein Wunder. ICH fuhr zu Hundetreffen. ICH unterhielt mich mit wildfremden Menschen. ICH nahm Kontakt zu diesen Leuten auf, machte Spaziergänge mit ihnen. Mr Wuff hat mein Leben damals sehr verändert. Meine Eltern akzeptierten deswegen wohl auch, dass er kein Familienhund mehr war und sich in meiner Gegenwart keiner um ihn kümmern durfte. Das änderte sich übrigens gegen Ende meiner Ausbildung, als ich meinem Stiefvater weinend erklärte, dass ich Mr Wuff bestimmt nicht zum Studium mitnehmen kann, und er mir antwortete, dass er mein Hund sei und wir einen Weg finden werden. Da verstand ich, dass das für meine Familie in Ordnung war und mir niemand den Hund wegnehmen wird. Seitdem dürfen andere Menschen meinen Hund streicheln und ihm Leckerchen geben.

Nach meiner Ausbildung holte ich mein Abitur nach und machte mir unendlich viele Sorgen, dass ich Mr Wuff nicht an meinen Studienort mitnehmen kann. Meine Eltern wurden nicht müde mir zu versichern, dass er hundertprozentig an meiner Seite bleiben wird. Mein Stiefvater versicherte mir fast täglich, dass wir eine Lösung finden werden. Ich kann mit Worten gar nicht ausdrücken, wie viel Kummer ich deswegen damals hatte. Ich weinte fast täglich, weil die Angst sich wie ein zu enges Korsett um mich legte.

Richtig geglaubt habe ich meinem Stiefvater erst, als er wieder vor seinem Laptop saß und nach Hunden schaute. Mr Wuff war inzwischen drei Jahre bei uns, also vier Jahre alt. Ich fragte nach und er antwortete, dass er sich seinen eigenen Hund wünscht. Ich war sofort begeistert von der Idee. Ausgerechnet zu dieser Zeit sah ich, dass die Züchterin von Mr Wuff einen neuen Wurf hat. So lernte ich die Züchterin kennen und die Hundemutter von Mr Wuff. Die Züchterin war ein bisschen genervt und meinte, dass sie eigentlich das Vorkaufsrecht für Mr Wuff gehabt hätte, zeigte uns ansonsten aber begeistert die Welpen. Offiziell waren wir nur dort, um die Züchterin kennenzulernen; zumindest versuchten wir das meiner Mutter und uns selbst einzureden.

So kam dann auf jeden Fall der „kleine Bruder“ von Mr Wuff zu meinen Eltern. Er sah genau aus wie Mr Wuff, nur in Welpenform. Ich war dieser Tage ein wenig traurig, weil ich Mr Wuff nie als Welpen gekannt habe; andrerseits wäre er dann auch nicht der Mr Wuff von heute. Da ich nach dem Abitur wieder Urlaub hatte, kümmerte ich mich drei Monate lang um Mr Wuff und seinen kleinen Bruder. Ich verstand zum ersten Mal den Neid der Menschen von den Hundetreffen. Sich um einen Welpen zu kümmern war ziemlich viel Arbeit. Mein Stiefvater ging zum Glück mit dem kleinen Hund zur Hundeschule. Ich freute mich aber auch sehr für meinen Hund, denn Mr Wuff spielte und tobte zum ersten Mal richtig mit einem anderen Hund.

Inzwischen ist Mr Wuff tatsächlich schon zehn Jahre alt, wobei das viele Menschen nicht glauben wollen. Ich kann gar nicht mehr zählen wie oft ich gefragt werde, ob Mr Wuff noch ein Junghund ist. Ich achte sehr auf seine Ernährung, seine Gelenke, seinen Auslauf. Er ist agil und fit, was für mich derzeit die Hauptsache ist. Ich bin sehr froh, dass er im Studium an meiner Seite blieb. Ich habe für ihn auf viel „verzichten“ müssen; beispielsweise hatte ich oft keine Mittagspause und kein Mittagessen, konnte bei vielen Unternehmungen nicht mitfahren, besuchte keine Leute. Für mich war das aber nie ein „Verzicht“, weil niemand aufwiegen könnte was Mr Wuff für mich geleistet hat. Ich hatte ihn auch in manchen Vorlesungen mit, zu manchen Exkursionen. Kommilitonen und Dozenten haben ihn geliebt.

Mr Wuff hat sich inzwischen auch verändert. Er ist immer noch lieb und brav, aber je älter er wird, desto mehr lasse ich meinem Hund redensartlich „durchgehen“. Früher durfte er nicht aufs Sofa, inzwischen hat er sein Eigenes. Früher ist er bei dem Geräusch von Geschirr auf seine Decke verschwunden, inzwischen ist das nicht mehr der Fall. Obwohl der Arzt sagte, dass er weiter Sport machen darf, lasse ich ihn nicht mehr am Rad laufen und verzichte auf große Wanderungen. Ich habe bemerkt, dass er dafür nicht mehr die Ausdauer hat. Wir machen aber noch lange Spaziergänge und joggen, wobei er beim Joggen im Freilauf ist und häufig das Tempo vorgibt.

Er ist mir immer noch eine große Hilfe, vor allem beim Bahnfahren und im Kontakt mit fremden Menschen. Und ich fürchte mich vor dem Tag, an dem es Mr Wuff nicht mehr geben wird. Daran mag ich allerdings nicht denken, weil mir bei der bloßen Erwähnung schon die Tränen laufen. Ich genieße die Zeit mit ihm, denn Mr Wuff hat mir mehr geholfen in meinem Leben als ich es je für möglich gehalten hatte. Er hat mich verändert. Er ist nie offiziell zum „Therapiehund“ geworden, wobei er durch seine Ausbildung und sein Verhalten immer ein Therapiehund für mich war. Ich fand es immer sehr schade, dass es nicht die Möglichkeit gibt einen Hund wie ihn als Assistenzhund eintragen zu lassen. Er ist mir nicht nur eine Hilfe beim Bahnfahren oder bei der Kontaktaufnahme, sondern auch im Alltag. Ohne ihn würde ich an manchen Tagen die Wohnung nicht verlassen und hätte deutlich mehr Schwierigkeiten.

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