Autistischer Burnout

Ich wurde gefragt, ob ich etwas über meinen autistischen Burnout schreiben mag. Da ich das Thema sehr wichtig finde, widme ich ihm meinem heutigen Blogbeitrag. Mein besonderer Dank geht dabei an Laviolaine, die mir Ende 2017 mehr Kraft gegeben hat, als ich es heute mit Worten beschreiben könnte.

Zum besseren Verständnis beginne ich ganz von Vorne.

Tatsächlich habe ich mir schon früher in der Schule zu Beginn eines jeden Schuljahres gesagt, dass ich fortan „ein anderer Mensch“ sein werde. Ich wollte mich im Unterricht melden, ich wollte Freundschaften schließen, ich wollte meine Eigenarten ablegen. Jedes Jahr scheiterte ich wieder an diesem Vorhaben. Ich begriff nicht, weshalb ich nicht einfach ein ganz normaler Mensch sein konnte. Wenige Wochen vor meinem Studium dachte ich wieder in den gleichen Mustern, obwohl ich inzwischen die Diagnose hatte. Ich schwor mir, dass ich meine Eigenarten verstecken und alles geben würde, um nicht wie eine Autistin zu erscheinen. Schließlich zog ich an einen entfernten Ort, wo mich kein Mensch kannte, also die perfekte Chance für einen Neustart. Ich glaubte nie ernsthaft daran, dass mir das Vorhaben gelingen könnte.

Es gelang mir mit Perfektion. An der Hochschule verhielt ich mich unauffällig, wie ein Chamäleon passte ich mich meiner Umgebung an. Von meinen Kommilitonen war ich nicht zu unterscheiden, denn ich spiegelte ihr Verhalten und imitierte ihre Ausdrücke. Das klingt alles nach einer bewussten Entscheidung, aber damals machte ich mir gar keine Gedanken darüber. Ich wollte einfach nur akzeptiert und respektiert werden, ein Teil der Gruppe sein. Mir fiel gar nicht auf, wie viel Anstrengung ich dafür in Kauf nahm. In dieser Zeit hatte ich überhaupt keine Hobbys und Interessen. Ich ging zur Hochschule, lief meine Runden mit meinem Hund, erledigte den Haushalt. Das war untypisch für mich, denn ohne Kunst, Musik und Sprache konnte ich bis dato gar nicht leben. Auch darüber machte ich mir keine Gedanken. Ich hatte eben keine Zeit.

Vier Jahre lang lebte ich in diesem Zustand; und das waren sehr außergewöhnliche Jahre für mich. Ich ging zur Hochschule, unterhielt mich mit den Menschen, traf Leute in meiner Freizeit, wurde zu Gruppenunternehmungen eingeladen, war Teil einer „Clique“. Nie zuvor hatte ich solche Erfahrungen gemacht, was mich als Chamäleon bestätigte. Auch in meinen Semesterferien behielt ich das Chamäleonkostüm in Gegenwart der Menschen an; und alle Menschen, die mich aus der Vergangenheit kannten, lobten mich für meine positiven Veränderungen. Mit meiner besten Freundin unternahm ich in den Ferien viele Dinge, zu denen ich nie zuvor in meinem Leben fähig war. Ich ging mit ihr in gut besuchte Lokale, spazierte von Geschäft zu Geschäft, tanzte mit ihr in Diskotheken. Ich tanzte selbst dann noch, als ich mitten auf der Tanzfläche im Overload war. Ich habe damals gar nicht wirklich gespürt, dass ich tagtäglich weit über meine eigenen Grenzen ging, obwohl es sogar erste Warnhinweise gab.

Gegen Ende des Bachelors geriet ich nämlich immer häufiger in Overloads und Shutdowns. In meinem studentischen Praktikum brach ich dreimal im Lager und zweimal auf der Verkaufsfläche zusammen; später hatte ich kurze „Heulkrämpfe“ und „mutistische Zustände“ in Anwesenheit meiner Kommilitonen. Ich ignorierte jedoch alle Warnhinweise, suchte Ausflüchte, und machte nach wenigen Minuten oder kürzester Zeit oft weiter wie zuvor.

In meinem ersten Mastersemester war ich dann schon reichlich „abgenutzt“; wie eine Puppe, mit der schon zahlreiche Kinder gespielt hatten. Ich sprach ständig davon, dass ich das Studium abbrechen möchte, aber die Menschen in meiner Umgebung ermutigten mich weiterzumachen. Niemand verstand, weshalb ich solche Gedanken hatte – am allerwenigsten verstand ich selbst diese Gedanken. Es gab für mich keine logische Erklärung. Ich bemerkte zwar, dass ich irgendwie am Ende war, aber ich zog das Chamäleonkostüm weiter jeden Tag brav an und überstand so ein weiteres Semester.

Genau zu dieser Zeit bekam ich eine Nachricht in Whatsapp von einem ehemaligen Klassenkameraden aus dem Abitur, welches ich kurz vor dem Studium absolvierte. Er schrieb: „Wie geht es dir? Was macht das Studium? Malst du immer noch so schöne Bilder wie damals während des Unterrichts? Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, dass ich damals im Unterricht gemalt hatte. Das war für mich der erste Schock. Der erste Moment, der ganz leicht an meinen Schultern rüttelte. Ich hatte seit Beginn des Studiums kein einziges Bild mehr gemalt…

Dann folgten die Semesterferien im Sommer 2017. Die vorherigen Semesterferien verbrachte ich immer bei meinen Eltern und viel gemeinsam mit meiner besten Freundin, die mich in meinem Chamäleonkostüm sehr mochte. Doch nun verbrachte ich sechs Wochen bei meiner Oma. Ich weiß noch, wie sich meine beste Freundin beschwerte und mir sechs Wochen lang immer wieder Vorwürfe per Nachricht und in Telefonaten machte. Ihrer Meinung nach schien ich der egoistischste Mensch der Welt zu sein, weil ich in den Ferien nicht in meine Geburtsstadt fuhr, sondern die Zeit bei meiner Oma in einem anderen Land verbrachte. Meine damalige beste Freundin machte mir enormen Druck, dass ich zurückkommen muss.

Währenddessen ging es mir bei meiner Oma ziemlich gut, weil ich zum ersten Mal seit vier Jahren wieder meinen Hobbys und Interessen nachging. Ich lernte Vokabeln, zeichnete Bilder, hörte Musik, schrieb Texte, hatte meine Ruhe. Da ich mich in der Fremdsprache nicht unterhalten konnte, brauchte ich in dieser Zeit auch das Chamäleonkostüm nicht. Ich legte es sechs Wochen lang ab, jedoch ohne ein Bewusstsein darüber zu haben. Als ich zurück nach Deutschland flog, ging es für mich damals sofort weiter an die Nordsee. Auch hier verbrachte ich meine Zeit weiter mit meinen Interessen, verzichtete auf das Kostüm. Insgesamt acht Wochen lang kompensierte ich kaum, funktionierte ohne Spiegelung. Und dann kehrte ich zurück an meinen Studienort.

Zurück an meinem Studienort wusste ich sofort, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. In meiner ersten Vorlesung im zweiten Mastersemester fühlte ich mich deplatziert, als wäre ich zum allerersten Mal an der Hochschule. Ich besah mir die Kommilitonen und den Professor, aber sie wirkten wie fremde Leute auf mich. Ich hatte keinerlei Verbindung zu ihnen oder dem Lernstoff. Ich wusste nicht einmal mehr, wieso ich mich für dieses Studienfach entschieden hatte. Das Studienleben kam mir sehr weit weg vor, als hätte ein anderer Mensch in den vergangenen vier Jahren in meinem Körper gehaust. Ich konnte mich nicht mehr mit den vier Jahren identifizieren, und ich konnte vor allen Dingen nicht mehr in das Chamäleonkostüm schlüpfen. Ich hatte keinerlei Energie mehr, als hätte ein Vampir mich komplett ausgesaugt. Ich war körperlich und seelisch am Ende.

Ich wurde nun jede Woche von vertrauten Kommilitonen gefragt, weshalb ich mich so anders verhalte und ob ich Probleme hätte. Sie hatten keine Ahnung, dass ich nach vier Jahren zum ersten Mal wieder ich selbst war. Und sie waren mir alle fremd, als hätte es die letzten vier Jahre für mich gar nicht gegeben. Ich nutzte meinen Nachteilsausgleich in diesem Semester in jedem Modul. Ich absolvierte überhaupt keine Gruppenarbeiten mehr und hatte keinerlei Kontakt zu meinen Kommilitonen. Dafür hatte ich nicht die Energie. Meine ganzen Kraftreserven steckte ich in meine Aufgaben für die Hochschule. Ich war die meiste Zeit alleine, mal abgesehen von meiner Mitbewohnerin. In den vier Jahren als „Spiegelung“ waren meine Noten mittelmäßig; als ich nun ohne Kompensation alle Aufgaben bewältigte, bekam ich plötzlich Bestnoten.

Ansonsten waren mein Leben geprägt von Energielosigkeit und Suizidgedanken. Ja, ich erledigte die Aufgabe für die Hochschule in Perfektion, obwohl ich zur gleichen Zeit auch meinen Suizid plante. Das klingt wie ein Widerspruch, aber ich wollte vor meinem Tod einen astreinen Abschluss hinlegen. Für mich standen Ort, Datum und Methode meines Suizids jedoch fest. Ich wollte lieber sterben, als zurück ins Chamäleonkostüm zu schlüpfen. Ich schrieb Abschiedsbriefe und malte Acrylbilder mit Frauengesichtern, weil ich wenigstens eine Kleinigkeit in dieser Welt zurücklassen wollte. Der Gedanke an meinen eigenen Tod beruhigte mich zu dieser Zeit.

Ich hatte wenig „klare“ Momente. Diese Momente brachten mich aber in den Chor und zu meinem Therapieplatz. Bei meinem Erstgespräch fragte die Therapeutin mich, ob ich Suizidabsichten hätte. Dass war das erste und einzige Mal, wo ich meine heutige Therapeutin bewusst anlog. „Nein“ war meine Antwort, obwohl mein Tod für mich bereits feststand. Das Chamäleonkostüm hatte viel von mir gefordert; es hatte mich meiner Seele und meiner Identität beraubt. Ich habe mich vier Jahre lang nichtautistisch verhalten, obwohl ich nun einmal Autistin bin. Genau diese Tatsache macht es für mich zum autistischen Burnout und nicht zum klassischen Burnout. Ich hatte keine Energie mehr, weil ich vier Jahre lang meine Energie in eine Spiegelung gesteckt habe. Ich befand mich in einer Mischung aus Burnout und Depression.

Eine Person von Twitter war es damals, die mir die größte Erleichterung verschaffte. Sie telefonierte mit mir, sprach von ihrem autistischen Burnout und zeigte Verständnis. Ich werde die zwei Telefonate mit ihr nie vergessen, weil sie mir einen großen Teil meiner Einsamkeit nahmen. In der Hochschule ging es mir nämlich inzwischen wie damals zu Schulzeiten. Die Menschen mochten mich nicht besonders ohne Chamäleonkostüm. Der viel größere Schock war jedoch, dass meine damalige beste Freundin mich ohne das Kostüm nicht mehr akzeptierte. Sie veranstaltete einen Telefonterror, schickte mir verletzende Sprachnachrichten und machte mir inzwischen fast täglich Vorwürfe; das war ein sehr harter Schlag für mich.

Ich schrieb meine Masterarbeit, besuchte den Chor, wartete auf einen Therapieplatz, plante weiterhin meinen Tod. Das klingt irgendwie nach schwarzem Humor. Das alles ist jetzt genau ein Jahr her; vor einem Jahr hätte ich also nie geglaubt, dass ich heute an meinem Notebook sitze und diesen Text schreibe. Ich hatte irgendwie auch mehr Glück als Verstand. Ich schrieb schließlich nur eine einzige Therapeutin an; wie hoch ist da die Wahrscheinlichkeit, dass diese Therapeutin bereits passt? Ich ging nicht davon aus, dass ich noch rechtzeitig einen passenden Therapieplatz finden würde. Umso überraschter war ich, als ich im April vor einem Jahr beim Erstgespräch war und sofort ein gutes Gefühl hatte. Bei der ersten Therapeutin. Sie meldete sich wenige Zeit vor meinem geplanten Suizid und schrieb, dass sie nun einen Platz frei hat und ich die Therapie im Sommer beginnen kann. Zur gleichen Zeit wurden mir die Menschen im Chor immer vertrauter, so dass ich inzwischen doppelte Unterstützung hatte. Diese Kombination und mein eigener Kampfgeist waren es, die mich am Leben festhalten ließen. Im Sommer schloss ich dann übrigens mit einem sehr guten Master ab. Und mit der Freundschaft zu meiner besten Freundin.

Deswegen kann ich nur aus tiefstem Herzen schreiben: Passt auf Euch auf! Zu viel Kompensation und Spiegelung brachte mich an einen Punkt, an dem ich meine eigene Identität verlor. Ein autistischer Burnout ist ernst zu nehmen, denn es geht hier um ein Menschenleben. Ich möchte nie wieder zurück in das Chamäleonkostüm. Eine gewisse Kompensation kann ich nicht vermeiden, aber meine eigene Identität mag ich nicht mehr verstecken. Deswegen wissen alle Menschen, die mir irgendwie nahestehen, dass ich Autistin bin. Ich will deswegen nicht im Mittelpunkt stehen, ich will deswegen kein Mitleid; aber ich bin eben zu jedem erdenklichen Zeitpunkt meines Lebens Autistin. Das ist auch in Ordnung.

In den letzten zwölf Monaten hat sich viel in meinem Leben getan: Ich bin im Chor und habe dort viele freundliche Menschen kennengelernt, ich habe einen Therapieplatz und bin zufrieden mit meiner Therapeutin, ich gehe jeden Monat zum Stammtisch und zur Selbsthilfegruppe für Autisten und treffe dort auf Gleichgesinnte, ich habe Menschen auf Twitter kennengelernt und liebgewonnen. Vor allem habe ich aber inzwischen viele Menschen an meiner Seite, die mich ohne Chamäleonkostüm mögen; auch wenn ich das an manchen Tagen immer noch nicht ganz begreifen kann. Ich akzeptiere meine Grenzen, ich akzeptiere meine Schwierigkeiten, ich akzeptiere mein Sein. Oder zumindest versuche ich es an jedem neuen Tag.

Trotz allem lebe ich nach wie vor auf einem geringen Energielevel. Ich komme einfach nicht zu der Energie zurück, die ich vor der Spiegelung und Maskierung und dem autistischen Burnout hatte. In den vier genannten Jahren habe ich weit über meinem Energiepegel gelebt, daher ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass ich mich jetzt weit unter dem Pegel befinde.

Zum Schluss möchte ich noch auf Artikel verweisen (Auflistung folgt dem Alphabet):
„Asperger und das Burn-out“
„Autismus und Camouflaging“
„Autistische Frauen kompensieren so gut, dass sie kaum auffallen. Auf Dauer macht das krank.“
„Die Grenze der Kompensationsfähigkeit“
„Hohe Kompensationsfähigkeit – Fluch oder Segen?“
„Was Kompensation bedeutet“
„Welche Gefahren birgt hochfunktionaler Autismus?“

5 Kommentare zu „Autistischer Burnout

  1. Ich hatte zwar «nur» einen normalen Burnout, kann dir aber sagen, dass es lange dauert, bis man wieder am ursprünglichen Punkt der Energie ist. Bzw.: man ist es nie mehr. Denn dadurch, dass man jahrelang diesen Punkt über der Grenze als «normales Level» angenommen hat, hat man eine verfälschte Vorstellung davon, wie viel Energie in der Regel vorhanden ist und wann mal Pause sein muss. Man findet ein neues Gleichgewicht, hört mehr auf den eigenen Körper … Das hat ja auch was Gutes 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Danke für den Text!
    Habe die Diagnose erst vor kurzem bekommen und habe so viele Jahre so weit über meine Grenzen maskiert.Dein Text tut mir gerade sehr gut.
    Freue mich, dass du einen Weg gefunden hast, dein Umfeld, den Chor, die Gruppe und auch deinen Abschluss hast und öfter sein kannst, wie du bist!

    Gefällt 1 Person

  3. Ich erkenne mich 1:1 wieder. 35 Jahre perfekte Maskierung mit allem drum und dran. Sogar mir selbst gegenüber! Meinen Mutismus habe ich in meine Träume ausgelagert! Zusammenbruch. 2 Jahre Zeit, bis ich wieder Boden unter den Füssen hatte. Weitere 5 Jahre bis zur Diagnose. Seitdem kein einziges Mal mehr die Frage „Warum“ gestellt, dafür Aha-Momente über Aha-Momente und endlich das Gefühl, Ich zu sein und das Wissen, dass ich es nie wieder an den Punkt kommen lassen werde, an dem ich in ein Tagebuch schreiben muss „Ich glaube, ich habe aufgehört zu existieren.“

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s