Meltdown

Das Frühjahr ist da; die Sonne scheint, die ersten Knospen und Blüten werden sichtbar, die Eisdielen öffnen ihre Türen, die Stimmungen werden angehoben, das Glück ist zum Greifen nah, die Hormone stellen auf Frühlingsgefühle um. Alles könnte wunderschön und großartig sein, wären da nicht die sensorischen Reize. Ausgerechnet das Frühjahr ist nämlich die Jahreszeit, in der ich die meisten Schwierigkeiten habe. Schwierigkeiten ist hier leider noch eine Untertreibung. Das Frühjahr ist nämlich die Jahreszeit meiner Meltdowns. Allem voran steht mal wieder die Kleidung. Es ist zu warm für meine geliebten Strumpfhosen, die mich über den Winter retten, aber es zu frisch für Kleider und leichte Stoffhosen, die mir über den Sommer helfen.

Ich stehe also in meiner Bekleidungsecke und bekomme erste Beklemmungsgefühle. Dann greife ich nach einer Hose, ziehe sie an, finde sie in Ordnung. Anschließend hole ich ein Oberteil hervor, streife es über den Kopf, und nicke mir zufrieden im Spiegel zu. Ich atme tief durch, gehe die ersten Schritte, spüre den Schweiß auf meiner Stirn, fühle den Stoff auf meiner Haut. Er kratzt, sticht und bekämpft mich mit seinen Maschen. „Stirb!“ ruft der Stoff mir zu. Dabei zückt er sein Schwert, holt seine Kettensäge hervor, bekämpft mich mit allen Mitteln. Ich versuche mich zu wehren, aber immer mehr Schweißperlen tropfen mir von der Stirn. Manchmal schaffe ich es mit viel Kraft noch Schuhe anzuziehen, aber auch die Schuhe sind auf einmal viel zu klein und scheinen an meinen Füßen sogar noch zu schrumpfen.

Während ich noch einmal tief durchzuatmen versuche, bemerke ich bereits, wie in meinem Inneren eine Kernschmelze beginnt. Innerhalb von Sekunden streife ich die Schuhe von meinen Füßen, schmeiße sie in die Ecke, ziehe mir das Oberteil über meinen Kopf, husche aus der Hose, und trete alles zu den Schuhen ins Eck. Tränen steigen mir in die Augen, während ich versuche meinen Atem zu kontrollieren. Tausend Flüche rutschen mir von den Lippen, weil diese bescheidene Kleidung mich in den Wahnsinn treibt. Mein Hund wirft einen vorsichtigen Blick ins Zimmer. Ich blöke ihn an, er möge ins Wohnzimmer verschwinden und sich auf seine Decke verziehen. Kein Mensch und kein Tier dürfen mir jetzt zu nahekommen, weil das die Kernschmelze begünstigen würde.

Dann weine ich, weil mein Hund mir zu wichtig ist, und möchte schreien, weil die Reize dieser Welt mir zu viel sind und die Kleidung mich mit ihrem Dasein straft. Ich schreie innerlich das Wetter an, weil es sich nicht für eine für mich gute Temperatur entscheiden kann: „Wieso bleibst du nicht kalt oder wirst endlich warm?“ Wie jedes Frühjahr häuft sich der Wäscheturm auf meinem Sessel mit Kleidung, die ich nur wenige Minuten getragen habe. Mit viel Glück finde ich IRGENDWAS, dass ich am Körper ertragen kann, aber die Kernschmelze hat sich bereits in meinem Inneren festgesetzt.

Wir sind hochemotionale und sensible Personen, die mit Veränderungen oft große Probleme haben. Wenn ich jemandem erzähle, dass selbst der Wechsel der Jahreszeiten in seiner Intensität meinen Alltag beeinflusst, würde die Person das nachvollziehen können? Leugnen lässt es sich aber nicht.
Marlies

Ich gehe also mit meinem Hund eine Runde spazieren, nachdem ich endlich halbwegs ertragbare Kleidung gefunden habe. Der Himmel ist in einem Moment bewölkt, im nächsten Moment taucht die Sonne auf. Und wieder steht mir der Schweiß auf der Stirn, während mir die hellen Sonnenstrahlen in den Augen blenden. Sie reaktivieren die Kernschmelze. Ich stehe also irgendwo in den Weinbergen, zwanzig Gehminuten von meiner Wohnung entfernt, kein Schatten weit und breit. Ich stehe dort und die Tränen steigen mir in die Augen, während sich Hitze und Druck in meinem Inneren aufbauen und das Magma sich für einen Vulkanausbruch bereithält. Ich bin eine erwachsene Frau und fühle mich in diesen Momenten wie ein Kind. Mein Hund kommt und sieht mich mitleidig an, während ich ihn erneut anblöke, er solle seine Geschäfte erledigen, damit wir endlich nach Hause können. Raus aus dieser Höllensonne, raus aus dieser Höllenkleidung. Alles in mir SCHREIT, dass ich mich an Ort und Stelle ausziehen und mir die Kleidung vor die Augen halten muss; nur die Vernunft und der Verstand können mich noch zurückhalten. Zum Glück sind keine Menschen in der Nähe, die dieses „einzigartige Schauspiel“ beobachten können.

Mein Verstand und meine Intelligenz fühlen sich beleidigt und sagen mir, dass ich mich beruhigen muss, während die viel zu warmen Sonnenstrahlen und die schmerzhafte Kleidung mich auszulachen scheinen. In diesem Augenblick besteht die Welt für mich nur noch aus grellem Licht, Hitze und unerträglicher Kleidung. Meine Gedanken, mein ganzes Dasein, jede Faser meines Körpers, beschäftigen sich nur noch mit dieser Überreizung. Ich habe keine Ahnung, wie ich es nach Hause schaffen soll, weil jeder Schritt sich für mich nach Qual anfühlt. Ich möchte weiterhin weinen, aber ich schlucke die Tränen hinunter. Ich möchte schreien und mich auf dem Boden welzen, aber ich konzentriere mich auf jeden meiner Schritte und das Näherkommen meiner Wohnung. Ich spüre die Kernschmelze in mir bei jedem Schritt. Bei jedem Schritt reibt sich die Kleidung an meinem Körper, als wäre sie Schmirgelpapier. Ich hoffe und bete, dass diese Qual bald vorüber ist. Ich sehne mich nach meiner Wohnung. Ich sehne mich nach Dunkelheit und Kühle. Ich sehne mich nach ertragbarer Kleidung. Hektisch nehme ich meinen Hund an die Leine, bemerke meine Umwelt gar nicht mehr, habe nur noch Fluchtgedanken.

Zurück in meiner Wohnung streife ich wieder Schuhe und Kleidung ab, verdunkle die Fenster. Erschöpft falle ich auf mein Bett oder in den Schreibtischstuhl. Ich will jetzt nichts mehr machen, niemanden sehen, nicht über diesen Vorfall nachdenken. Ich schäme mich, weil ich wie ein Kleinkind geweint und geflucht und geblökt habe. Ich bin doch eine erwachsene, halbwegs intelligente Frau. Ich habe seit dem Auszug aus meinem Elternhaus keine Meltdowns mehr; außer im Frühjahr. Der Wechsel zu dieser Jahreszeit strengt mich an.

Mittlerweile lebe ich alleine mit meinem Hund, weswegen ich den Zustand meist relativ schnell wieder im Griff habe. Meine Eltern konnten Meltdowns durchaus begünstigen; durch Kommentare, durch Druck, durch Grenzüberschreitung, durch Unverständnis, durch weitere Reize. Nicht mit Absicht, aber durch Unwissen; vor allem vor meiner Diagnose. Damals schrie und weinte ich ohne Ende; ich trampelte mit den Füßen auf dem Boden, knallte meine Zimmertüre heftig zu, schlug mit dem Kopf gegen meine Kommode. Das alles mache ich heute nicht mehr, denn ich habe andere Strategien gefunden. Ich versuche die Reize schnellstmöglich zu minimieren, mir Zeit zu geben, den Druck rauszunehmen, meinen Stimmings und Skills zu folgen. Das ist sehr, sehr wichtig. So kann ich einen Meltdown „klein“ halten, schneller zur Ruhe kommen.

Ein Kommentar zu „Meltdown

  1. Für meine Verhältnisse habe ich für dieses Jahr wohl das gröbste überstanden. Dafür ist ein wirklich heißer und wo – worst case – schwüler Sommer für mich fürchterlich. Ich kann da nichts anziehen. Ich schwitze und klebe dann überall. Meine Lieblingsjahreszeit ist der Herbst – noch angenehm, aber nicht mehr so heiß. April ist in der Regel auch noch schön mit Ausnahme von Ostern (aus sozialen Gründen).

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