Verarbeitung

Im Moment ist es still auf meinem Blog. Allerdings nur auf meinem Blog, denn mein Leben selbst ist gerade alles andere als still. Es gibt dabei zwei Hauptkomponenten, nämlich die Sozialkontakte und meine Therapie.

Tatsächlich habe ich für meine Verhältnisse derzeit sehr viele Sozialkontakte. Ich besuche noch immer wöchentlich den Chor, wo ich inzwischen mit einigen Menschen auch privat hin und wieder Kontakt pflege. Der Chor ist die erste „Gruppensituation“ meines Lebens, wo ich auf meine Art und Weise akzeptiert werde. Für mich ist das wie ein Wunder. Es gibt Tage, an denen bin ich im Chor ruhig und in mich gekehrt, es gibt Tage, an denen bin ich im Chor albern und aufgeschlossen. Vor allem unserem Chorleiter gegenüber bin ich manchmal kühn und nahezu frech; und er scheint diese Augenblicke zu genießen und lacht gemeinsam mit den anderen Leuten über meine Scherze und Wortwörtlichkeit. Über genau die Wortwörtlichkeit, die ich viele Jahre versteckt habe, weil sie als Angriffsfläche diente. Der Chor ist für mich zum Zufluchtsort geworden, weil ich hier keine Masken aufsetze und wenig kompensiere.

Darauf folgen der Stammtisch und die Selbsthilfegruppe für erwachsene Autisten. Es gibt zwei Termine im Monat. Für mich sind diese zwei Termine inzwischen eine Quelle der Energie. Ich treffe dort Menschen, die ähnliche Lebensgeschichten, Erfahrungen und Schwierigkeiten haben. Kompensation ist nicht notwendig, weil eben der Großteil selbst im Spektrum ist. Diese Treffen geben mir auch Hoffnung. Hoffnung, weil dort Menschen einer geregelten Arbeit nachgehen oder eine Alternative gefunden haben. Hoffnung, weil dort Menschen in einer Beziehung leben oder sogar Kinder haben. Es gibt Ratschläge und Austausch. In Gegenwart dieser Menschen fühle ich mich nicht wie ein Alien.

Auch das Thema „Freundschaft“ ist bei mir wieder sehr aktuell; vor etwa drei Wochen bekam ich Besuch von einem Seestern. Also von einer Person, die ich über Twitter kennenlernte. Ich kann mit Worten gar nicht beschreiben, wie glücklich mich dieser Besuch machte. Zeitgleich meldete sich meine ehemalige Mitbewohnerin und schickte mir eine Sprachnachricht, dass sie mich und die gemeinsame Zeit vermisst, zudem telefonierte ich mit einer ehemaligen Kommilitonin. Danach folgten meine Eltern an einem Wochenende. In der Woche darauf schenkten mir gleich zwei Menschen ihr Vertrauen. Außerdem war meine Freundin aus meiner Geburtsregion hier in der Nähe, so dass wir uns in der Großstadt verabredeten und uns nach Monaten wieder trafen. Am gleichen Wochenende fuhr ich in die andere Großstadt, um mit einer kleinen Gruppe von Leuten den Zoo zu besuchen, einen Spaziergang zu machen und anschließend noch in ein Lokal einzukehren. Es ist viel, aber ich habe dazwischen auch immer wieder Ruhetage. Am kommenden Wochenende bekomme ich tatsächlich auch wieder Besuch von einer Freundin, worauf ich mich schon seit Wochen freue.

Über fehlende Sozialkontakte kann ich mich derzeit also nicht beschweren, trotzdem habe ich immer wieder Einbrüche. Meine größte Arbeit ist momentan einfach meine Therapie. Und das ist wirklich sehr harte und kräftezehrende Arbeit. Auf der einen Seite versuche ich meine Vergangenheit zu verarbeiten und die Gefühle zuzulassen, auf der anderen Seite versuche ich an meinen Verhaltensweisen und Denkmustern zu arbeiten. Manchmal sind da nur noch Selbstzweifel und negative Gedanken in mir, weil ich in der Vergangenheit viel Kritik, Hänseleien und Mobbing erlebt habe. Ich wurde nur selten auf meine Weise akzeptiert, sondern immer wieder für mein Sein angegriffen. Oft ist es wie eine Art von Trauerphase. Es kommen dann ganz viele Situationen und Erinnerungen hoch, die mir Kummer bereiten und mich manchmal fast um den Verstand bringen.

Es ist zum Beispiel schwer für mich zu verstehen, dass ich über Jahre hinweg immer wieder für meine Wortwörtlichkeit und meinen andersartigen Humor ausgelacht wurde, während ich jetzt in der Gegenwart dafür geschätzt werde. Solche Dinge lösen ganz oft Widersprüche in mir aus, weil ich das nicht in Einklang bringen kann. Ich glaube auch nicht, dass ich hier klar zwischen Vergangenheit und Gegenwart trennen kann. Mir kann das auch in der Gegenwart noch passieren, dass Menschen meinen Humor nicht verstehen, meine Verhaltensweisen seltsam finden, meinen Gedanken nicht folgen können; mich schlicht als Alien betrachten. Der Unterschied ist vielleicht nicht die Zeit, sondern die Menschen. Als Kind war ich angewiesen auf die Menschen in meiner Umgebung, ich stand in Abhängigkeit zu diesen Personen. Nun kann ich selbst entscheiden, wen ich in mein Leben lasse.

Es ist gerade, als befände ich mich auf einem sehr steinigen Weg. Ich fege Kiesel zur Seite, räume kleinere Steine aus dem Weg, klettere über Felsen. Immer wieder gibt es Rückschläge und Verletzungen, die mich zu Pausen zwingen, damit ich mich mit Pflastern und Verbandszeug darum kümmern kann. Dann muss ich mir Zeit nehmen, um mich um die Verletzungen zu kümmern; nicht selten versuchen auch andere Menschen dabei zu helfen. Dann rüste ich mich aus, um die nächsten Felsen in Angriff zu nehmen. Das ist viel mehr Arbeit, als ich mir am Anfang der Therapie vorgestellt habe. Doch ich habe das Gefühl, dass ich mich trotzdem auf einem guten Weg befinde. Einem Weg, der zwar steinig und kräftezehrend ist, der mich aber an mein Ziel bringen kann.

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