Kinderohren

Auf Twitter stolperte ich heute mehrfach über ein Thema. Grundlage dafür sind Beiträge von Eltern oder Elternteilen, bei deren Kindern eine Behinderung vorliegt, und die sich in diesen Beiträgen über die Anstrengungen mit dem behinderten Kind echauffieren. Ich möchte niemandem diese Anstrengung absprechen, es ist für mich auch in Ordnung sich in Beiträgen redensartlich Luft zu machen. Das ist alles kein Thema. Bedenklich wird es für mich nur, wenn die Beiträge so gestaltet sind, als trüge das Kind die Schuld an der ganzen Situation. Das ist nämlich NICHT der Fall. Kinder tragen weder die Schuld an ihrer Behinderung, noch tragen sie die Schuld daran, wenn Eltern oder Elternteile oder Geschwisterkinder unter der Situation leiden. Aus Erfahrung kann ich sogar sagen, dass Kinder mit Behinderung oftmals viel Leid in sich tragen; und dieses Leid vervielfacht sich, wenn die entsprechenden Kinder dann auch noch die Schuld auf sich nehmen müssen. NEIN! Kinder haben keine Schuld!

Natürlich könnte jemand sagen, dass das doch „nur“ Twitter ist und die Kinder diese Beiträge nicht lesen, aber meine Bedenken bleiben. Ich habe Zweifel, ob die entsprechenden Elternteile ihren Kindern nicht ähnliche Schuldgefühle auch außerhalb von Twitter bewusst oder unbewusst übertragen. Zudem habe ich Zweifel, ob die Kinder nicht doch irgendwie an diese Informationen gelangen. Sei es dadurch, dass die Twitterseite aus Versehen irgendwo geöffnet bleibt oder Mitlesende aus dem Privatbereich sich gegenüber dem Kind dahingehend äußern. Es gibt viele Möglichkeiten.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Manchmal denken erwachsene Menschen, dass diese Informationen dem Kind gegenüber geheim bleiben, zur gleichen Zeit nimmt das Kind diese Unstimmigkeiten jedoch wahr oder registriert die Vorkommnisse um sich herum.

In meiner eigenen Kindheit gab es zwei verschiedene Situationen:
01. Manche Gespräche waren nicht für meine Ohren bestimmt, aber trotzdem habe ich sie angehört und jedes Wort verstanden. Beispielsweise Telefonate oder persönliche Gespräche, die nur ein oder zwei Zimmer weiter geführt wurden. Ich hörte die Worte, auch ohne dass ich dabei an der Tür lauschen musste. Ich hatte ein sehr gutes Gehör, gerade wenn es sonst keine Nebengeräusche gab.
02. Manche Gespräche waren nicht für meine Ohren bestimmt, wurden aber trotzdem in meinem Beisein geführt, als wäre ich ein unsichtbarer Geist oder würde eine andere Sprache sprechen. Es wurde also einfach hingenommen, dass ich die Worte hörte, ohne dass am Ende noch einmal mit mir darüber gesprochen wurde.

Das waren äußerst bescheidene Situationen. Vor allem deswegen, weil manchmal sehr harte Worte gefallen sind. Hierzu habe ich eine Beispielsituation:

Als ich sechs Jahre alt war, ging ich bereits nach der Schule in den Kinderhort. Ich hatte damals das Problem, dass ich nicht auf fremde Toiletten gehen konnte, weswegen ich hin und wieder bedauerlicherweise in die Hose machte. Im Hort dachte sich eine Erzieherin also gemeinsam mit meiner Mutter einen Plan aus, bei dessen Gespräch ich anwesend war. Die Erzieherin sagte: „Wir probieren es mit diesen Aufklebern. Immer wenn Sarinijha zur Toilette geht, bekommt sie zur Belohnung eines dieser Aufkleber.“ Ich verstand das Prinzip, es änderte bloß nichts an meinen Schwierigkeiten. Die ganze Woche über ging ich nicht ein einziges Mal zur Toilette, obwohl ich gerne einen der Aufkleber bekommen hätte. Am Ende der Woche saßen die Erzieherin, meine Mutter und ich wieder an einem Tisch. Die Erzieherin sagte: „Ihre Tochter ist seltsam! Eigentlich hätte das System mit den Aufklebern funktionieren müssen, aber bei Sarinijha blieb es ohne Erfolg. Tja, dann hat sie leider Pech gehabt, denn so bekommt sie halt keinen Aufkleber.“

Ich lernte daraus:
01. Ich bin seltsam.
02. Ich bin anders.
03. Mir kann keiner helfen, dass ich endlich auf fremde Toiletten gehen kann.
04. Ich habe keinen Aufkleber verdient.
05. Ich bin es nicht wert, einen der Aufkleber zu bekommen.
06. Ich bin wertlos und ein hoffnungsloser Fall.

Aus heutiger Sicht hätten diese Gefühle und Gedanken in mir verhindert werden können, wenn dieses Gespräch gar nicht erst über mich stattgefunden hätte. Also weder in meinem Beisein noch in meiner Abwesenheit. Denn auch wenn solche Gespräche in meiner Abwesenheit geführt wurden, spürte ich trotzdem ganz oft, dass erwachsene Menschen wieder einmal abfällig über mich gesprochen hatten. Ich hätte mir gewünscht, dass die Menschen mich auf meine Art akzeptieren und mir auf meine Weise Hilfe und Unterstüzung zukommen lassen.

Tatsächlich müssen Kinder die Worte nicht immer hören, um von den Worten zu erfahren. Es reichen auch manchmal die Blicke erwachsener Menschen, das Ungesagte, das Verhalten gegenüber des Kindes. Auch wenn autistische Kinder oft keine Körpersprache lesen können, so bleibt das Ungesagte trotzdem nicht immer vor ihnen verborgen. Ich spüre manchmal auch Blicke auf mir, obwohl ich nicht einmal in die Richtung der Menschen schaue; und ich denke, dass dieses Gefühl fast jeder Mensch kennt.

Natürlich ist es manchmal anstrengend; es ist mit jedem Kind, mit jedem Menschen manchmal anstrengend, unabhängig von Behinderungen. Natürlich darf sich jeder auch Luft machen, über die Anstrengung sprechen, sich mit anderen Menschen austauschen. Das ist sogar wichtig für das eigene Wohlbefinden. Doch bitte niemals zu Lasten der Kinder. In diesem Fall bitte niemals zu Lasten der Kinder mit Behinderungen. Sie tragen nicht die Schuld. Sie haben genau so viel Liebe und Respekt und Akzeptanz verdient wie jedes andere Kind, wie jeder andere Mensch. Sie tragen nicht die Schuld für ihre Behinderung, sie tragen nicht die Schuld für anstrengende Situationen, sie tragen nicht die Schuld für das Leid anderer Menschen. Es liegt nicht in der Verantwortung des Kindes, es liegt in der Verantwortung der erwachsenen Menschen.

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