Positiver Autismus

Auf meiner täglichen Bahnfahrt zur Arbeit und von der Arbeit nach Hause, habe ich derzeit nicht nur Kopfhörer auf den Ohren, die mir moderne klassische Musik ins Gehör spielen, sondern lese währenddessen auch noch in Magazinen. Ich bekomme kein Geld für diese Werbung, aber besonders beliebt sind bei mir die Ausgaben von „Spektrum“. „Gehirn & Geist“, „Spektrum Kompakt“, „Spektrum der Wissenschaft“ und „Spektrum Psychologie“ wechseln sich ab mit „Psychologie Heute“ und dem „Psychotherapeutenjournal“. Es ist ein guter Zeitvertreib und eine Gelegenheit für mich, ein paar Minuten am Tag zu lesen. Sofern der Arbeitsalltag es zulässt, denn bei zu hoher Belastung schaue ich während der Fahrt auch gerne aus dem Fenster und klinke mich für einen Moment aus der Welt aus; diese Phasen der Regenerierung sind auch wichtig.

Mein Blogbeitrag lautet allerdings nicht „Positiver Autismus“, weil ich hier darüber schreiben möchte, welche Magazine ich lese und was ich auf meinen Bahnfahrten treibe, sondern weil ich neulich in einem Magazin auf einen Artikel mit dem Titel „Das Gehirn neu verdrahten“ gestoßen bin. In dem Artikel geht es um kritische Perioden, also eine Phase in der Entwicklung des Zentralnervensystems, in der es von äußeren Faktoren stark beeinflusst wird. Meist in der frühen Kindheit. Dort stolperte ich redensartlich über folgenden Abschnitt:

„Somit können wir im Prinzip genau kontrollieren, wann eine kritische Phase beginnt und wie lange sie dauert. Diese Erkenntnis eröffnet enorme Möglichkeiten für die Behandlung neurologischer Entwicklungsstörungen. Wie Tierversuche mehrerer Forschergruppen belegen, können genetische Defekte oder umweltbedingte Stressfaktoren das delikate Gleichgewicht zwischen Anregung und Hemmung so durcheinanderbringen, dass eine kritische Periode zum falschen Zeitpunkt beginnt. Die Forscher konzentrieren sich nun auf die Frage, ob sich durch die Wiederherstellung des Gleichgewichts eines Tages neurologische Störungen wie Autismus oder Schizophrenie heilen oder ganz verhindern lassen.

Hensch, T. (2021): Das Gehirn neu verdrahten. Gehirn & Geist. Highlights 1/2022, Seite 92

Es bereitet mir einfach sofort ein mulmiges Gefühl, wenn ich Autismus und Heilung in einem Satz lese. Vor ziemlich genau drei Jahren steckte ich in einer Identitätskrise, hatte ein autistisches Burnout, weil ich in meinem ersten Studium hoch kompensiert war und „meinen Autismus versteckte“. Ich hatte das Gefühl für mich selbst verloren, für meine Identität, den Menschen der ich bin. Über Wochen und Monate hinweg musste ich mich selbst finden, mich unter den Trümmern der Kompensation herausziehen. Ich hatte jahrelang eine Maske getragen, damit keiner meine „Eigenarten“ bemerkt; und unter dieser Maske verlor ich mich selbst. Die Arbeit ist noch nicht beendet, aber inzwischen lebe ich meine eigenen Wünsche und Träume, akzeptiere meine Identität und lebe als Autistin. Alle Menschen, die Teil meines privaten Lebens sind, wissen, dass ich Autistin bin. Mir ist das wichtig, damit ich meine Identität nie wieder verliere.

In Bezug auf Autismus-Spektrum-Störungen, aber auch auf andere Behinderungen und Erkrankungen, fällt der Blick viel zu oft auf die negativen Seiten. Die Schwächen sind im Fokus. Viel zu schnell wird aus meiner Sicht vergessen, dass alle Menschen auf dieser Erde Schwächen haben. Und Stärken. Unabhängig davon, ob wir Autisten sind oder nicht, haben auch alle Menschen verschiedene Schwächen. Und Stärken. Wir können uns jetzt natürlich auf die Schwächen konzentrieren und versuchen, diese Schwächen „zu heilen“; wir könnten uns aber auch auf die Stärken konzentrieren und diese „ausbauen“. Später heißt es übrigens im gleichen Artikel noch:

„Doch wenn die Manipulation des reifen Gehirns nicht äußerst behutsam geschieht, könnte sie die Basis der Persönlichkeit massiv verändern. Solche Nebeneffekte sollten wir in Betracht ziehen, wenn wir versuchen, dem reifen Gehirn die Plastizität der Kindheit wiederzugeben.“

Hensch, T. (2021): Das Gehirn neu verdrahten. Gehirn & Geist. Highlights 1/2022, Seite 92

Heißt, der Autismus wäre zwar geheilt, die Persönlichkeit des Menschen könnte dabei aber redensartlich im Arsch sein. Entschuldigt die Ausdrucksweise, aber ich brauche an dieser Stelle diese Worte. Wenn der Autismus geheilt ist, bedeutet dies allerdings nicht nur, dass die angeblichen Schwächen nun „geheilt“ sind, es bedeutet auch, dass die Stärken weg sind. Überraschung! Menschen im autistischen Spektrum haben Stärken. Deswegen habe ich meinen Blogbeitrag auch „Positiver Autismus“ genannt, denn mir persönlich gefällt die positive Sicht auf Autismus-Spektrum-Störungen. Ich möchte damit gar nicht sagen, dass Menschen im Spektrum nicht auch leiden können und dürfen, aber ich wünsche mir, dass vor allem die Stärken mehr Beachtung finden.

„Bei Autismus handelt es sich um eine natürliche, durchaus hilfreiche Variation; nur in einer Welt, die ständige soziale Interaktionen erfordert, werde sie zum Problem. Das liege jedoch an den gesellschaftlichen Erwartungen, nicht am Autismus.“

Proff, I. (2021): Des einen Störung, des anderen Talent. Gehirn & Geist. Dossier 1/2021, Seite 17

Ich habe auch viele Jahre lang gelitten; vor allem, als ich noch keine Diagnose hatte. Jahrelang das Gefühl vermittelt zu bekommen ein „Freak“ zu sein, hinterlässt Spuren. Immer wieder habe ich mich auf meine Schwächen konzentriert, sogar vor einigen Jahren noch, als ich längst eine Diagnose hatte. Ich habe immerzu wahrgenommen, was ich im Gegensatz zu anderen, nicht-autistischen Menschen, alles NICHT kann. Schwierigkeiten mit der Kommunikation, in Interaktionen mit anderen Menschen, Wortwörtlichkeit, immer wieder zu starke Fokussierung auf Details. Ich könnte die Liste hier beliebig erweitern, aber ehrlich gesagt habe ich dazu gar keine Lust mehr. Mir ist es zuwider mich auf meine Schwächen zu konzentrieren, ich möchte lieber an meinen Stärken arbeiten. Ich bin gut darin alternative Kommunikationswege zu finden, was mir in meinem Beruf mit jungen Menschen, die ebenfalls kommunikative Schwierigkeiten haben, enorm weiterhilft. Dabei trete ich auf meine Weise in Interaktion mit anderen Menschen. Meine einst abtrainierte Wortwörtlichkeit trainiere ich mir inzwischen wieder an und necke dabei Kollegen und Freunde. Vieles, was ich einst als Schwächen wahrgenommen habe, sehe ich inzwischen als Stärken.

Es bedeutet dennoch nicht, dass ich nicht auch heute noch Leid verspüren kann. Ich leide beispielsweise gelegentlich noch daran, dass ich wenig Freunde habe und soziale Kontakte nach wie vor schwierig für mich sind. Es gibt allerdings keine Garantie, dass das nach einer „Heilung“ besser würde. Ich kenne auch genug Menschen, die nicht im autistischen Spektrum sind und ähnliche Schwierigkeiten haben. Die Frage ist hier für mich, ob eine „Heilung des Autismus“ erstrebenswert ist, oder ob es nicht mehr Inklusion und Barrierefreiheit geben sollte. Anstatt sich auf eine Heilung zu konzentrieren, könnten auch andere Maßnahmen ausgebaut werden, wie schriftliche Kommunikationswege, um Ärzte und Behörden ohne Telefonate zu erreichen. Solche Wege eröffnen nicht nur Menschen im autistischen Spektrum mehr Möglichkeiten, sondern auch allen anderen Menschen.

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