Reizüberflutung

Aufgrund eines Beitrags auf Facebook dachte ich gestern darüber nach, welche Reize mir in meiner Kindheit zugesetzt haben, und ob sich diese Reizempfindlichkeiten im Laufe der Jahre eigentlich veränderten.

Die größten Reizüberflutungen erlebe ich immer noch in Verbindung mit meiner Haut. Ich denke aber, dass das grundsätzlich erst einmal jeden Menschen betrifft. Sei es die heiße Herdplatte, das versehentliche Einschneiden der Haut beim Schnibbeln von Gemüse, oder das Gefühl der kalten Luft jetzt im Winter. Die Haut ist ein empfindliches Organ. Der Unterschied ist vermutlich, dass meine Empfindlichkeitsschwelle geringer ist. Menschliche Berührungen sind für mich aushaltbar, wenn ich auf diese Berührungen vorbereitet bin. Eine Person aus dem Chor weiß von meinen Schwierigkeiten, weswegen sie mir bei Einladungen und Glückwunschen nun immer eine Umarmung anbietet, anstatt diesen Akt einfach auszuführen. Wenn ich auf die Berührung nicht vorbereitet bin, ist es für einen winzigen Moment, als würden leichte Stromstöße durch meinen Körper gehen. Allerdings der unangenehmen Art.

In meiner Kindheit hatte ich Probleme mit sämtlichen Kleidungsstücken. Wolle kratzte auf der Haut, Jeanshosen bereiteten mir Bauchschmerzen, Strumpfhosen zwickten mich an den Beinen, Rollkragenpullover schnürten mir die Luft zum Atmen ab, zu kurze Shirts zippelte ich immer wieder runter. Unangenehme Kleidung ließ sich auch nicht ignorieren; also wenn ich in der Schule einen kratzigen Pullover trug, konnte ich mich den ganzen Tag auf keine anderen Inhalte konzentrieren. Ich dachte immer nur an das kratzige Gefühl auf der Haut und wünschte mir den Moment herbei, an dem ich den entsprechenden Pullover endlich ausziehen konnte. Für andere Menschen wirkte es, als wäre ich mit den Gedanken woanders oder hätte keine Lust auf den Unterricht. Mitunter machte mich das kratzige Gefühl auf der Haut sogar aggressiv, weil ich diesen Zustand kaum ertrug.

Geändert hat sich daran kaum etwas; auch heute noch brauche ich angenehme Kleidung. Inzwischen trage ich zwar Strumpfhosen, diese sind aber entweder aus weichem Material oder haben zumindest eine fleeceartige Innenseite. Ich bevorzuge weiche Stoffe, zumindest wenn diese direkt auf meiner Haut aufliegen. Hosen vertrage ich inzwischen kaum noch, meist trage ich Strumpfhosen und Röcke, weil ich mich in Hosen eingeengt fühle. Die einzige Ausnahme ist der Sommer, denn ich liebe weit fallende und weiche Stoffhosen, die oben einen Gummibund haben. Ich habe ein paar Sweatshirts, die ich in naher Zukunft vermutlich auch aussortieren muss, weil sie jetzt mit den Jahren langsam härter werden und sich auf meiner Haut nicht mehr gut anfühlen. Eigentlich finde ich das furchtbar, weil sie erstens zu meinen Lieblingskleidungsstücken gehören, und ich zweitens keine Verschwendung mag.

Früher war es eine Horrorsituation für mich, wenn meine Haare gebürstet wurden. Ich habe Naturlocken, ohne die richtige Pflege sogar ziemlich krauses Haar. Das Bürsten meiner Haare fühlte sich an, als würde jemand mit hunderten von Nadeln auf meine Kopfhaut stechen. Oft verweigerte ich die Haarbürste, so dass sich Verfilzungen und Knoten bildeten. In meinen schlimmsten Phasen war mein gesamtes Haar zu einem einzigen großen Knäuel verfilzt, den ich mit einem Haargummi versteckte. Eine Lehrerin fragte mich einmal, wie lang meine Haare eigentlich seien; und ich habe heute das Gefühl, dass sie die Verfilzung wahrgenommen hat. Mein Stiefvater versuchte damals mit Waschmittel und Weichspüler die Haare zu entwirren und schaffte es sogar, denn eine Schere ließ ich ebenfalls nicht an meinen Lockenkopf.

Heute ist es besser geworden; mal abgesehen von meinem letzten Friseurbesuch. Ich bin eigentlich nicht mehr so empfindlich auf meiner Kopfhaut, aber die Dame hatte aus meiner Sicht keinerlei Feingefühl und so standen mir zum ersten Mal wieder die Tränen in den Augen. Ich selbst bürste meine Haare inzwischen gar nicht mehr, habe aber trotzdem keine Verfilzungen. Ich mache inzwischen viele Haarkuren und nutze bei jedem Duschgang einen Conditioner, wodurch die Haare im nassen Zustand sehr weich werden und sich mit den Fingern entwirren lassen. Eine große Erleichterung.

Sehr empfindsam war ich auch beim Thema Essen und Geschmack. Es durfte nach Möglichkeiten keine Änderungen bei der Zahnpasta geben, denn ich ertrug nur ganz gewisse Geschmacksrichtungen. Essen nahm ich ebenfalls in der Reihenfolge des Geschmacks zu mir; also das Leckerste aß ich stets zum Schluss. Gemischt wurden die Lebensmittel bei mir nicht: Bei „Nasi Goreng“ aß ich zuerst das Gemüse, dann den Reis und zum Schluss das Fleisch. Gemüse war eben sehr unbeliebt bei mir, während ich Fleisch meist bevorzugte. Lebensmittel, dessen Farbe, Konsistenz oder Geschmack mir nicht lagen, rührte ich hingegen gar nicht erst an. Wurde ich zum Essen gezwungen, saß ich entweder bewegungslos vor meinem Teller oder konnte die entsprechenden Nahrungsmittel nicht lange im Körper behalten.

Geändert hat sich bis heute kaum etwas, mal abgesehen davon, dass ich inzwischen kein Fleisch mehr esse. Gekochtes Gemüse esse ich immer noch sehr bedingt, also in geringem Maße. Manchmal liegt es an der Konsistenz, manchmal am Geschmack. Wenn ich etwas nicht mag, rühre ich es nach wie vor nicht an; was für Gastgeber immer eine Garantie ist. Esse ich die Speisen nämlich, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass mir die jeweiligen Gerichte schmecken. Sortiere ich bei den Speisen etwas an den Tellerrand, wie bei gekochter Paprika, ertrage ich die jeweiligen Lebensmittel nicht. Bei gekochter Paprika ist es übrigens die Konsistenz. Manchmal mag ich den Geschmack, aber die Konsistenz nicht; also wenn diese Lebensmittel irgendwo untergemischt sind, kann ich die jeweilige Speise essen. Ich mag beispielsweise keine gekochten Tomaten, aber wenn diese in zu einer Sauce püriert werden liebe ich sie.

Ebenfalls schwierig sind Geräusche. Als Kind setzten mir besonders die Schule und der Hort zu, beziehungsweise die vielen Kinder. Dabei mussten die Kinder nicht einmal besonders laut sein, es reichte schon, wenn sie ohne Pause redeten. Die Folge waren für mich Overloads und damit resultierende Kopfschmerzen. Auch andauernde Geräusche waren schlimm, wie beispielsweise das Klingeln von Windspielen, das Rauschen der Heizungen oder irgendein Piepsen in weiter Ferne. Absolute innere Aggressionen bekam ich jedoch vor allem als Jugendliche, wenn in meiner Umgebung Menschen schmatzten oder Chips aßen. Kaugeräusche ganz allgemein brachten mich redensartlich auf die Palme.

Die Sache mit dem Schmatzen und Kauen ist besser geworden; ich kann die Geräusche kurzfristig ertragen. Ich vermute es liegt aber vor allem daran, dass ich meine eigene Wohnung habe. Die meiste Zeit bin ich vor diesen Geräuschen also verschont, so dass ich sie bei den wenig vorkommenden Situationen besser aushalten kann. Keine Probleme bereiten sie mir, wenn ich selbst irgendwas esse oder kaue; dann kann ich die Geräusche der anderen Menschen scheinbar besser ausblenden. Erst heute habe ich aber gemerkt, dass andauernde Geräusche mich immer noch innerlich zum Wahnsinn treiben können. An meinem Schreibtisch hat nämlich irgendetwas die ganze Zeit leise geknistert; ich habe dann sämtlich Dinge auf dem Schreibtisch weggerückt und umgestellt. Irgendwann war das Geräusch dann verschwunden.

Allgemein ertrage ich Geräusche meist nur auf Zeit. Wenn ich also mit Geräuschen beschallt werde, bin ich am Ende froh in meine stille Wohnung zurückzukehren. Dann brauche ich auch die Ruhe. Ich könnte dann keine Musik anmachen, kein Video laufen lassen, keine weiteren Gespräche führen. Am Schlimmsten sind für mich morgendliche Geräusche. Ich könnte niemals direkt nach dem Aufstehen ein Video oder Musik anmachen. Es ist in Ordnung, wenn jemand leise mit mir redet, aber ich gebe direkt nach dem Aufstehen nur ungern Antworten. Das merke ich immer bei meiner Oma. Sie ist direkt nach dem Aufstehen hellwach und redet, stellt mir Fragen, und versteht nicht, wenn ich darauf keine Antwort gebe. Ich sage ihr dann immer, dass sie mir zwar etwas erzählen kann, aber ich noch nicht zu Konversationen bereit bin. Das liegt aber vermutlich eher an einer Art von Morgenmuffeligkeit.

Ich fühle mich von sämtlichen Reizen sehr schnell gesättigt. Beispielsweise habe ich so gut wie nie meine Deckenlampen an, weil mich das Licht in den Augen blendet und ich davon im Inneren schnell nervös und unruhig werde. Das Licht schmerzt mich. Ich bevorzuge Tischlampen, weil diese meist ein geringeres Licht abgeben und dadurch für mich ertragbar werden. Im Sommer sieht es mit der Sonne ähnlich aus, weswegen ich Hüte oder meine Sonnenbrille trage. Wobei ich nicht nur die Helligkeit der Sonne unerträglich finde, sondern auch die warmen Strahlen auf meiner Haut. Im Frühjahr, Winter und Herbst freue ich mich jedoch über den Sonnenschein.

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