Liebe Eltern

Liebe Eltern* autistischer Kinder,

ich möchte Euch keine Vorschriften machen, aber ich habe eine sehr große und für mich wichtige Bitte an Euch: Bitte liebt Eure Kinder auf ihre Weise und bitte bringt ihnen bei, dass auch sie sich auf ihre Weise lieben und akzeptieren. Diese Bitte richte ich an Euch, weil ich selbst an der eigenen Seele und am eigenen Leib erfahren habe, was Ablehnung und Intoleranz anrichten können.

Dieser Tage habe ich ein kurzes Video von Eckart von Hirschhausen gesehen, welches mir von einer Person empfohlen wurde. Darin erzählt er, dass er in einem Zoo war und dort einen Pinguin auf einem Felsen gesehen hat. Er hatte Mitleid mit dem Pinguin und urteilte, dass dieses Wesen eine Fehlkonstruktion ist aufgrund seiner zu kleinen Flügel und seiner untersetzten Statur. Erst beim genaueren Hinschauen sah er, wie der Pinguin ins Wasser sprang und welche Fähigkeiten und Talente dieses Tier hat. Diese Begegnung hätte ihn zwei Dinge gelehrt: Erstens, wie schnell ein Urteil gefällt ist, und zweitens, wie falsch solch ein Urteil sein kann. Er sagt, dass es viel wichtiger ist seine Stärken hervorzuheben, anstatt an den Schwächen herumzudoktern. Wenn jemand als Pinguin geboren wurde, machen auch sieben Jahre Psychotherapie keine Giraffe aus ihm. Es ist leicht zu denken, dass jemand wie alle „anderen“ sein muss, aber im Grunde genommen gibt es schon genug „andere“. Es ist in Ordnung, anders zu sein alle anderen, ein Pinguin zu sein. So empfiehlt er, als Pinguin nicht auf einem Felsen oder in der Wüste zu bleiben, sondern kleine Schritte in Richtung des Wassers zu machen und den Sprung zu wagen. Den Sprung in das eigene Element.

Das ist eine Metapher, die sich aus meiner Sicht wunderbar auf den Autismus übertragen lässt. Ich fühle mich als Autistin genau wie der Pinguin, während die Nichtautisten die Giraffen darstellen.

Als ich noch sehr jung war, also im Kindesalter, war ich zufrieden mit mir als Pinguin. Ich mochte mich und mein Sein, ich war zufrieden in meinem Element. Ich hätte ewig so im Wasser schwimmen können, wenn es da nicht allerlei Giraffen gegeben hätte, die meine Verhaltensweisen als bedenklich einstuften. So wie der Pinguin zu kleine Flügel hat und eine untersetzte Statur, auf die gleiche Weise war ich zu schweigsam und „zu sehr in meiner eigenen Welt“. Der Pinguin lebt jedoch nicht in seiner eigenen Welt, er lebt in der gleichen Welt wie die Giraffen, nur in einem anderen Element. Die Menschen um mich herum fällten ein vorschnelles Urteil, denn ihrer Meinung nach war ich eine „Fehlkonstruktion“. Ich weiß nicht ob Ihr Euch vorstellen könnt, was es mit einer Kinderseele anrichtet, wenn ihm das Bild einer Fehlkonstruktion vermittelt wird.

Mir wurde von allerlei großen Giraffen gesagt, dass ich mit den kleinen Giraffen spielen, mich und mein Verhalten ändern, und an meinem Schweigen arbeiten soll. Sie wollten das Beste für mich und bemerkten nicht, dass sie mich damit aus meinem Element rissen und mir Schaden zufügten. Ich war nämlich zufrieden im Wasser. Ich war zufrieden mit mir und meinen Interessen. Mir wurde jedoch vermittelt, dass ich auf meine Weise nicht gut bin. Immer wieder wurde mir von unterschiedlichen Personen gesagt, dass ich mich und mein Sein verändern muss. Ich sollte kein Pinguin sein, sondern eine Giraffe.

Aus diesem Grund richte ich mein Wort an Euch. Wenn Eure Kinder Pinguine sind und sich in ihrem Element wohl fühlen, dann macht keine Giraffen aus ihnen. Wenn sie also im autistischen Spektrum sind, dann zwingt sie nicht mit aller Macht dieses Spektrum zu verlassen. Sie können es genau so wenig, wie der Pinguin zu einer Giraffe werden kann; auch nicht mit jahrelanger Psychotherapie. Autismus ist keine Krankheit. Autismus ist eine Behinderung. Autismus ist eine Art des Seins. Es handelt sich dabei um keine Fehlkonstruktion.

Es kann dennoch wichtig sein, dass Eure Kinder eine Therapie machen. Bitte passt aber auf, um welche Art der Therapie es sich handelt. Es gibt unglaublich viele Scharlatane auf diesem Gebiet. Natürlich kann es sein, dass Eure Kinder eine Therapie brauchen. Vielleicht, weil sie selbst etwas über das nichtautistische Erleben lernen wollen. Vielleicht, weil sie selbst Hilfe verlangen bei konkreten Anliegen. Vielleicht, weil sie schon seit Jahren keine Akzeptanz erfahren haben. Vielleicht, weil sie Mobbing erlebten. Vielleicht, weil sie bereits in ihren jungen Jahren Depressionen und Suizidgedanken haben. Wenn Eure Kinder selbst bereit sind zu einer Therapie. Zwingt sie aber bitte nicht zu Therapien und Handlungen, die ihrer Kinderseele schaden und sich gegen ihren freien Willen richten.

Gebt ihnen bitte keine Globuli, die keinerlei nachgewiesene Wirkung haben. Wenn ein Präparat keine Wirkung hat, kann es vielleicht keinen körperlichen, sehr wohl aber einen seelischen Schaden anrichten. Eure Kinder könnten denken, dass sie Medikamente gegen ihr Sein einnehmen müssen, dass sie nicht in Ordnung sind, dass die Schuld bei ihnen liegt. Sie werden vielleicht die Fehler bei sich selbst suchen, werden Zweifel an sich selbst entwickeln, werden ihr Selbstbewusstsein verlieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das jemand für sein Kind wünscht. Wenn sie einmal diesen seelischen Schaden genommen haben, werden sie im schlimmsten Fall ein Leben lang damit kämpfen. Sie werden eventuell viele Jahre und Therapien brauchen, um ihren eigenen Wert zu erkennen. Gebt ihnen auch keine Nahrungsergänzungsmittel, die aus dubiosen Quellen stammen und eine Heilung des Autismus versprechen, und auch kein Miracle Mineral Supplement (MMS), was Natriumchlorit enthält. Autismus ist nicht heilbar! Zudem ist die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln in dieser Form und Natriumchlorit auch nicht gesund, weder für den Körper noch für die Seele. Auch ein Pinguin wird nicht zur Giraffe, wenn er Globuli, Nahrungsergänzungsmittel oder Natriumchlorit einnimmt. Er bleibt ein Pinguin. Es steigt allerdings die Gefahr, dass er seelischen oder körperlichen Schaden nimmt.

Bitte schickt Eure Kinder auch nicht in Therapien wie die Applied Behavior Analysis (ABA) oder verwandte Formen. Hinterfragt die Therapien, informiert Euch vorab über die Behandlungen, überdenkt Euer eigenes Handeln. Zwingt Eure Kinder nicht zu Körperkontakt, wenn sie diesen Kontakt nicht wollen. Wenn sie Körperkontakt wollen, werden sie von sich selbst auf Euch zukommen. Gebt ihnen trotzdem Liebe, Akzeptanz und Verständnis mit auf ihren Weg; und zwar auf eine Weise, wie es Eure Kinder ertragen und vertragen können. Bestraft sie nicht, indem Ihr ihnen das Lieblingsessen wegnehmt oder sie zur Aufnahme von unliebsamer Nahrung drängt. Drängt sie bitte auch nicht zu fragwürdigen Diäten, die Heilung verheißen. Das alles fördert höchstens ein gestörtes Verhältnis zum Essen. Nehmt ihnen auch nicht ihre Stims weg oder ihre Lieblingsspielzeuge. Damit werden sie nicht vom Autismus geheilt, damit werden sie nicht glücklicher in ihrem Leben. Sie lernen damit höchstens, dass Ihr nicht auf ihrer Seite steht. Sie erfahren dadurch Verwirrung, Einsamkeit, Vernachlässigung, und viele weitere negative Gefühle.

Erzieht Euren Kindern nicht das autistische Verhalten ab, als wäre der Autismus die Ausgeburt der Hölle. Der Autismus hat viele gute Seiten. Es ist wichtiger die Stärken hervorzuheben, anstatt an den Schwächen herumzudoktern. Autistinnen und Autisten sind beispielsweise häufiger sehr ehrlich, zuverlässig, pünktlich, aufrichtig, loyal, tolerant und gewissenhaft. Sie haben häufiger einen Sinn für Details, ein fotografisches Gedächtnis, sammeln in kurzer Zeit extremes Wissen in einem Gebiet an. Natürlich kann das sehr unterschiedlich sein, aber es werden auf jeden Fall Stärken bei Euren Kindern vorliegen und diese gilt es zu betrachten und hervorzuheben. Wenn jemand als Pinguin geboren wurde, machen auch sieben Jahre Psychotherapie keine Giraffe aus ihm. Helft Euren Kindern dabei, dass sie sich in ihrem Element wohlfühlen, dass sie ins Wasser springen, dass sie sich auf ihre Weise lieben und akzeptieren lernen. Sagt ihnen, dass sie nicht alleine sind, weil es da draußen noch viele andere Pinguine gibt. Es gibt noch viele andere Autistinnen und Autisten, sowohl Kinder als auch Erwachsene.

Eure Kinder werden sich im Laufe der Zeit entwickeln; und zwar ganz ohne dubiose Therapien. Ich selbst habe im Laufe meines Lebens viele Dinge gelernt, weil sie aus meiner Motivation heraus entstanden. Jedes Kind entwickelt sich im Laufe der Jahre, so auch Autistinnen und Autisten. Oft hieß es bei mir, dass ich manchmal zehn Schritte zurück mache, um dann drei wichtige Schritte nach vorne zu gehen. Was bedeutet, dass ich mich manchmal in meinem Verhalten zurückentwickelte, um dann nach geraumer Zeit einen Sprung zu machen und Fortschritte zu zeigen. Wichtig ist, dass Ihr Eure Kinder hier unterstützt und ihnen den Rücken stärkt, ihnen Wege und Möglichkeiten aufzeigt. Ich selbst brauchte manchmal alternative Erklärungen, um Sachverhalte zu begreifen. Das ist in Ordnung. Menschen funktionieren unterschiedlich, lernen auf verschiedene Weise, in ihrem eigenen individuellen Tempo.

Ich habe viele Jahre lang versucht aus mir eine Giraffe zu machen. Ursprünglich war das nicht meine eigene Entscheidung, denn ich fühlte mich wohl als Pinguin. Mit der Zeit vermittelten mir zahlreiche Menschen jedoch, dass ich nicht in Ordnung bin auf meine Weise. Ich versuchte mich anzupassen, die Verhaltensweisen anderer Menschen zu spiegeln. Ich war wie ein Pinguin, der sich versucht als Giraffe zu verkleiden. Zunächst sehr ungeschickt, so dass ich eine Mischung aus Pinguin und Giraffe war, später gelang mir die Verkleidung jedoch immer besser. Als Pinguin eine Giraffe zu spielen kostet aber zu viel Energie. Es beraubt einem der Identität, es nimmt einem viele glückliche Jahre und wandelt sie in unglückliche Jahre um. Selbstzweifel, Selbsthass, Selbstvorwürfe und ein geringes Selbstwertgefühl sowie Selbstbewusstsein sind die Folge. Es ist viel Arbeit, aus diesem Giraffenkostüm zu klettern, in kleinen Schritten zum Wasser zu gehen und den Mut aufzubringen, zurück in sein Element zu springen. Es ist viel Arbeit, aber es ist ein wichtiger Sprung. Und es bedeutet nicht, dass ich mich nicht manchmal zwischen den Giraffen aufhalte; aber ich möchte von ihnen als Pinguin gesehen und akzeptiert werden.

Deswegen meine Bitte: Bitte liebt Eure Kinder auf ihre Weise und bitte bringt ihnen bei, dass auch sie sich auf ihre Weise lieben und akzeptieren. Ich mache kein Geheimnis darum, dass es als Pinguin manchmal echt bescheiden ist. Zu kleine Flügel und eine untersetzte Statur; natürlich leiden wir Pinguine auch häufiger darunter. Ich als Autistin sehne mich manchmal nach einer unbeschwerten Kommunikation, nach Sozialkontakten (wenn auch in Maßen), nach weniger Einsamkeit, nach Reizfiltern; trotzdem akzeptiere ich mich als Autistin, sehe die Vorteile und fühle mich wohl in meinem Sein und in meinen Interessen. Ich fühle mich wohl im Wasser, in meinem Element. Viel mehr leide ich manchmal eher an Giraffen, die mein Sein nicht akzeptieren. Dann fühle ich mich wie ein Quadrat, das durch einen Kreis gesteckt werden soll, als müssten meine Ecken gestutzt werden. Wie ein Pinguin, der eine Giraffe sein soll. Das ist kein schönes Gefühl.

Wenn Ihr wirklich helfen wollt, dann sorgt gemeinsam mit Autistinnen und Autisten sowie deren Angehörigen für mehr Aufklärung, um Vorurteile und Klischees zu beseitigen, und für mehr Barrierefreiheit, wie zum Beispiel für Ruheräume, Sonnenbrillen, Noise-Cancelling-Kopfhörer, Schulbegleiter, Assistenzhunde, alternative Kommunikationswege, weniger Reize, Nachteilsausgleiche. Fragt Eure Kinder, wie Ihr ihnen helfen könnt, denn jeder Pinguin hat seine ganz eigenen Bedürfnisse. Glaubt keinen Scharlatanen, sondern hört Autistinnen und Autisten zu. Geht zu Selbsthilfegruppen mit anderen Eltern, besucht offene Stammtische von erwachsenen Autistinnen und Autisten, schaut im Internet nach Blogs von Autistinnen sowie Autisten und Angehörigen. Hört all diesen Menschen zu, denn sie leben den Autismus tagtäglich.

Aber vor allen Dingen liebt und akzeptiert Eure Kinder und sorgt bitte dafür, dass Eure Kinder das ebenfalls können.

Sarinijha

*Natürlich gilt das generell für alle Erziehungsberichtigte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Ansprechpartner der Kinder.

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