Autismus und Ärzte (Teil 1)

Dieser Tage wünsche ich mir wieder sehr, dass Ärzte und medizinisches Personal über Autismus-Spektrum-Störungen aufgeklärt würden; aus meiner Sicht sollten sie Seminare und Workshops von Autisten besuchen müssen. Nicht zur Auswahl, sondern als Pflichtprogramm. Diesen Wunsch entwickle ich immer mehr, weil ich in den letzten Wochen starke Schmerzen habe.

Es begann bereits im Februar, als ich hier im Ort bei einer Allgemeinmedizinerin war und über Nackenschmerzen klagte. Die gleiche Allgemeinmedizinerin, die mir im Dezember bei meinen Unterleibschmerzen sagte: „Heutzutage kennen Menschen gar keine richtigen Schmerzen. Mein Großvater lebte zu Zeiten des zweiten Weltkriegs, damals gab es noch wahre Probleme.“ Als ich genau dieser Allgemeinmedizinerin erzählte, dass ich Nackenschmerzen habe, kommentierte sie das mit den folgenden Worten: „Das ist aber kein Grund zum Jammern! Heutzutage hat jeder Nackenschmerzen. Es gibt viel schlimmere Beschwerden, da haben Sie noch Glück.“ Mir ist durchaus bewusst, dass es noch schlimmere Leiden gibt, aber wenn ich zum Arzt gehe erwarte ich trotzdem mit meinen Beschwerden wahrgenommen zu werden. Mit Nachdruck versicherte ich ihr dann, dass ich seit vielen Jahren Schmerzen im Nacken habe und mir wünsche, dass jemand die Schmerzen ernst nimmt. Sie verschrieb mir daraufhin Physiotherapie.

Im März hatte ich dann sechs Termine bei einer Physiotherapeutin. Ich bekam Fango, Massagen und mir wurden insgesamt vier Übungen für den Nackenbereich gezeigt. Während der Behandlung ging es mir zunehmend schlechter, denn je mehr Bewegung in meinen Nacken kam, desto größer wurden die Schmerzen. Die Physiotherapeutin drückte und knetete an meinem Nacken herum und zunächst wurden die Schmerzen für einige Stunden besser, aber nach den verstrichenen Stunden meldeten sich die Schmerzen heftiger zurück. Der Schmerz strahlte vom Nacken in die rechte Schulter, in den rechten Kiefer, in die rechte Kopfhälfte, bis hinunter in den rechten Brustbereich.

Ich schleppte mich weiterhin zur Arbeit, aber die Arbeit am Computer verschlimmerte die Schmerzen zusätzlich von Tag zu Tag. Schließlich meldete ich mich in einer anderen Praxis für Allgemeinmedizin. Sie gaben mir einen Termin im April. IM APRIL! Ich hatte Schmerzen! Ich rief noch einmal in der Praxis an und bekam einen Termin in sieben Tagen. Ich wusste nicht, wie ich die Schmerzen noch sieben Tage ertragen soll. Meine Partnerin rief schließlich noch einmal in der Praxis an und erreichte mehr als ich: „Morgen früh kann sie vorbei kommen, aber mit Wartezeit.“

Am nächsten Tag saß ich drei Stunden im Wartezimmer. Dann endlich wurde ich aufgerufen, durfte zur Ärztin rein: „Ich kann Ihnen auch nicht helfen, da müssen Sie zum Orthopäden.“ Ich erzählte zweimal, dass ich Schmerzen habe und Ibuprofen 600 einnehme, diese aber keinerlei Wirkung zeigen; erst dann verschrieb mir die Ärztin zusätzlich auch noch Schmerztropfen. Zuhause nahm ich die Tropfen, aber auch in Verbindung mit Ibuprofen zeigten es keinerlei Wirkung. Blieb noch die Überweisung zum Orthopäden. Wieder telefonierte meine Partnerin für mich, da das Telefonieren eine große Barriere für mich darstellt, doch den frühesten Termin beim Orthopäden gab es Ende April. ENDE APRIL! Ich hatte inzwischen starke Schmerzen! Dann hatte ich Glück. Wir fanden einen Orthopäden, der jeden Tag eine Notfallsprechstunde anbot. Noch am gleichen Tag fuhr ich nachmittags zu dieser Praxis.

Ich wurde vom Orthopäden untersucht, bekam ein neues Schmerzmittel und einen Termin zum Röntgen für Ende April. Langsam verzweifelte ich, aber hatte Hoffnung aufgrund des neuen Schmerzmittels. Meine Hoffnung wurde schnell zerstört, als auch dieses Schmerzmittel keinerlei Wirkung zeigte. KEINERLEI WIRKUNG! Auch die Spritzen vom Orthopäden änderten nichts an den Schmerzen, genau wie die Physiotherapie. Folglich fuhr ich wieder zum Orthopäden und wurde sofort zum Röntgen geschickt, aber auf den Röntgenbildern gab es keine Auffälligkeiten. Der Orthopäde untersuchte mich noch kurz und verordnete weitere Spritzen. Ich war inzwischen am Ende mit meinen Nerven: „Nur wieder Spritzen? Was ist mit den Schmerzen? Ich halte diese Schmerzen bald nicht mehr aus!“ Der Orthopäde sah mich an: „Hm, wenn die Schmerzen so schlimm sind, dann müssen Sie ein MRT machen.“ Ich sah ihn an: „Und was ist mit Schmerzmitteln?“ Er verschrieb mir die gleichen Tropfen wie die Ärztin, die ich mit seinem ersten Schmerzmittel kombinieren sollte. Ich kombinierte beides, aber es änderte NICHTS an den Schmerzen; mir wurde allerdings übel von den Tropfen. Das war am Montag.

In der Nacht von Montag auf Dienstag ging es mir dann richtig schlecht, ich konnte nicht mehr stehen, nicht mehr sitzen, und vor allem nicht mehr im Bett liegen. Egal auf welcher Seite ich lag, die Schmerzen waren unerträglich. Wieder griff meine Partnerin zum Telefon, wählte die 116117. Sie erreichte eine Allgemeinmedizinerin, die sich anhörte, welche Menge an Schmerzmitteln ich an diesem Tag bereits genommen hatte, und meinte, dass sie kein weiteres Schmerzmittel verabreichen kann. Mit diesen Medikamenten sei ich gut eingestellt, die Menge müsste mich längst ausgeknockt haben. Tatsache aber war, dass ich SCHMERZEN hatte. STARKE SCHMERZEN! Es blieb folglich nur noch die Notaufnahme des Klinikums.

Es war mitten in der Nacht, als wir beim Klinikum ankamen. Wegen der aktuellen Situation musste ich alleine rein, erzählte zitternd von meinen Schmerzen und fragte, ob meine Partnerin mich begleiten dürfe. NEIN! Ich erzählte, dass ich einen Schwerbehindertenausweis habe und fragte noch einmal, aber die Antwort blieb die Gleiche. NEIN! Ich wurde in ein Zimmer geführt, setzte mich auf einen Stuhl. Die Krankenschwester sah mich mitfühlend an: „Sie sind sehr aufgeregt, oder?“ Ich antwortete: „Natürlich! Ich bin Autistin und die Situation ist für mich fremd und ungewohnt.“ Da saß ich nun auf diesem Stuhl, ohne Begleitung, zitterte am ganzen Körper. Die Krankenschwester sagte: „Wir holen Ihre Partnerin rein!“ Ich war unendlich erleichtert, dass es hier endlich eine empathische Person gab, und noch erleichterter, als meine Partnerin den Raum betrat. Irgendwann folgte der Arzt. Es wurde ein EKG gemacht, aber die Ergebnisse waren alle in Ordnung. Anschließend bekam ich einen Tropf mit einem Betäubungsmittel.

Es war eine lange Nacht. Als der Tropf durchgelaufen war, verspürte ich noch immer Schmerzen im Nacken und in der rechten Schulter. Der Arzt sah mich kritisch an, wollte mir eigentlich ein Schmerzmittel verschreiben – aber wenn die Infusion keine Wirkung zeigte, dann würde er mir auch kein Mittel mitgeben. Er sagte, dass sie im Klinikum nichts mehr machen können, ich stattdessen eine Schmerztherapie bräuchte. Ich wurde entlassen. MIT SCHMERZEN. Und sehr starker Verzweiflung. Erst zwei Stunden später zeigte die Infusion noch eine Wirkung. Ich war seit vier Wochen zum ersten Mal schmerzfrei; leider nur einen Tag und eine Nacht lang.

Den Tag über war ich wieder beim Orthopäden, der mit Nachdruck sagte, dass ich erst ins MRT müsse. Ich ging sofort in die Praxis für Radiologie und vereinbarte einen Termin. Für den 26. April. APRIL! Meine Partnerin allerdings telefonierte erneut mit sämtlichen Radiologen. Am Ende rief sie bei der ersten Praxis an, damit wir die Überweisung zurück bekämen. Die Frau am Telefon sagte: „Es scheint sehr dringend zu sein, wenn Sie so viele Praxen durchtelefonieren. Uns hat ein Notfall für morgen früh abgesagt, dann könnten Sie den Termin haben.“ Am nächsten Tag war ich um 7 Uhr in der Radiologie. Ich wurde aufgerufen von einer Arzthelferin: „Gehen Sie hier rein, ziehen Sie Ihren BH aus!“ Ich stand plötzlich in einem kleinen Umkleideraum. Und wartete. Die Arzthelferin kam zurück: „Brille aus! Mitkommen!“ Ich folgte ihr in einen anderen Raum, in dem das MRT-Gerät stand. Sie sagte: „Hier hinlegen!“ Ich sah sie an: „Darf ich meine Begleitung mit reinnehmen?“ Im Internet hatte ich gelesen, dass es diese Möglichkeit gibt. Ich hatte Angst! Die Arzthelferin ignorierte meine Frage: „Legen Sie sich hin!“ Ich legte mich hin, bekam Kopfhörer auf und ein Gerät über den Kopf. Noch einmal sagte ich: „Darf meine Begleitung hier rein? Ich habe Angst!“ Die Arzthelferin verdrehte die Augen, wendete sich ab und sagte im Hinausgehen: „Oh mein Gott! Wieder eine von DIESER Sorte! Kann nicht wahr sein!“ Kurz darauf stand meine Partnerin da, hielt ihre Hand an mein Bein, und die Untersuchung ging los.

Ich fühlte mich schrecklich!

Nach dem MRT mussten wir kurz warten, dann kam eine Frau zu uns in den Flur der Arztpraxis. IN DEN FLUR. Direkt neben dem Wartezimmer! JEDER KONNTE UNS HÖREN! Sie stellte sich nicht vor, daher weiß ich nicht einmal, ob sie Ärztin war, eine Arzthelferin oder die Reinigungskraft. „Wer ist die Betroffene? Sie? Und wer sind Sie?“ Meine Partnerin sagte: „Ich bin die Partnerin, aber ich komme nicht mit ins Behandlungszimmer.“ Die Frau sah zu uns: „Sie kommen eh beide nicht ins Zimmer.“ An mich gewandt fragte sie: „Darf Ihre Partnerin das Ergebnis hören?“ Ich sagte: „Ja.“ Dann sprach die Frau weiter: „Okay! Also es ist kein Bandscheibenvorfall, aber die Vorstufe, außerdem eine Fehlhaltung. Sie bekommen vorne noch die CD-Rom.“ Daraufhin verschwand die Frau wieder im Arztzimmer.

Ich wollte am liebsten hinterherrufen: „UND JETZT? ICH HABE SCHMERZEN!“

Stattdessen gingen wir zum Orthopäden und stellten uns in eine lange Warteschlange. Ich verbrachte fast zwei Stunden im Wartezimmer, ehe eine Sprechstundenhilfe das Zimmer betrat: „Wir sind heute dermaßen überbelegt, dass alle ohne Termin bitte wieder gehen müssen. Sie können es später noch einmal probieren, danke!“ Ich war bereit zu gehen, aber meine Partnerin stand bereits wieder in der Schlange. Als wir an die Theke kamen, verstand uns die Sprechstundenhilfe zunächst nicht, versprach dann aber, den Orthopäden wenigstens noch nach einem anderen Schmerzmittel zu fragen. Am Ende bekam ich Paracetamol. PARACETAMOL! Drei härtere Schmerzmittel zeigten keinerlei Wirkung bei mir – und bekam PARACETAMOL. Die Apothekerin staunte auch, als sie meine Vorgeschichte hörte und schüttelte den Kopf. Sie riet, dass wir noch einmal ins Klinikum fahren sollen. Aus lauter Frust nahm ich trotzdem eine Tablette Paracetamol, nur um sagen zu können, dass auch dieses Schmerzmittel keinerlei Wirkung zeigte.

Ich gab auf.

Meine Partnerin jedoch rief bei meiner Hausarztpraxis an, die ihr sagte, dass wir um 16 Uhr vorbeikommen können. Ich hatte keinerlei Hoffnung mehr, nur noch starke Schmerzen und Zermürbung. Meine Partnerin verlangte zudem, dass sie mich zur Ärztin begleiten darf. Die Arztpraxen sind davon nicht begeistert, weil es wegen der aktuellen Situation nicht erlaubt ist, aber wir durften dennoch beide zur Ärztin rein. Ich war müde, immer wieder mutistisch, ohne Hoffnung – aber meine Partnerin erkämpfte mir ein weiteres Schmerzmittel. Eines, das zum jetzigen Zeitpunkt sogar wirkt. ENDLICH! Das verschafft mir etwas Erleichterung, trotz der starken Nebenwirkungen – denn die Besprechung des MRTs erfolgt erst am kommenden Dienstag.

Ich fühle mich derzeit vom Gesundheitssystem allein gelassen; ich verstehe nicht, weshalb ich keine Hilfe bekomme. Ich habe STARKE Schmerzen und bekomme Paracetamol. WIESO?! Ich frage mich wirklich, was die Gründe sind. Bin ich zu sachlich bei den Ärzten?! Glauben sie mir nicht, dass ich Schmerzen habe?! Ist es, weil ich eine Frau bin?! Eine Frau mit einer Schwerbehinderung?! Eine stigmatisierte Frau mit einer Schwerbehinderung, die im Behandlungszimmer oft sachlich von ihren Schmerzen berichtet?!

Mehr dazu möchte ich in naher Zukunft gerne in einem zweiten Teil berichten…

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